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Politik

Vor Zulassung großer Wirbel um Astrazeneca-Vakzin

Dienstag, 26. Januar 2021

/picture alliance, ASSOCIATED PRESS, Kirsty Wigglesworth

Berlin – Am Freitag will die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) voraussichtlich den Coronaimpfstoff von Astraze­neca zulassen. Dann wird sich auch entscheiden, für welche Altersgruppen das Vakzin in der Europäi­schen Union eingesetzt werden darf – und ob Deutschland seine Impfstrategie anpassen muss. Noch ist das unklar. Medienberichte über die Wirksamkeit bei Senioren lösten unterdessen eine Debatte aus.

Über eine Strategieanpassung könne erst nach der Entscheidung der EMA und den Empfehlungen der Stän­digen Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut (RKI) entschieden werden, sagte der Sprecher des Bundesgesund­heitsmi­nisteriums, Hanno Kautz (BMG), heute. Eine Anpassung schloss er aber nicht aus.

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Nach Angaben von Kautz hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) seinen Länderkollegen ges­tern in der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) mitgeteilt, dass es möglicherweise einen Strategie­wech­sel geben könnte. Zuvor hatte das Portal Bu­siness Insider berichtet, Spahn habe in einer Telefon­kon­ferenz mit seinen Länderkollegen angekündigt, dass die festgelegt Impfreihenfolge geändert werde.

Die Regierung gehe davon aus, dass die EMA am Freitag lediglich eine Empfehlung zur Nutzung des As­trazeneca-Mittels für unter 65-Jährige geben werde, habe Spahn der Runde mitgeteilt. Grund dafür sei womöglich die geringe Stichprobe bei älteren Personen ab Mitte 50, bei der die Wirkung des Mittels ge­testet worden sei. Es müsse aber abgewartet werden, wie die EMA letztlich entscheide, hieß es.

Eine Änderung der Impfstrategie könne dazu führen, dass Menschen unter 65 Jahren nun schneller eine Impfung bekommen könnten als bisher erwartet. Zuvor hatte das Ministerium bereits Berichte über eine geringe­re Wirksamkeit des Astrazeneca-Vakzins dementiert.

„Auf den ersten Blick scheint es so, dass in den Berichten zwei Dinge verwechselt wurden“, hieß es in einer Erklärung des Ministeriums. „Rund acht Prozent der Probanden der Astrazeneca-Wirksamkeitsstudie waren zwischen 56 und 69 Jahren, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre.“ Daraus lasse sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten.

Spahn hatte im ZDF-Morgenmagazin bereits betont, er wolle sich nicht an Spekulationen über eine an­geblich schlechtere Wirksamkeit des Impfstoffs bei über 65-Jährigen beteiligen. Er wolle warten, bis die Daten aus den Studien ausgewertet worden seien.

„Ich halte wenig davon, das jetzt in Überschriften spekulativ zu machen“, sagte der Minister. Er sagte, man werde auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse nächste Woche entscheiden, „welche Alters­gruppen zuerst mit diesem Impfstoff geimpft werden“.

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der größten Fraktion im Europäischen Parlament (EVP, Christ­demokraten) und Arzt Peter Liese widersprach den Berichten. „Hier handelt es sich um eine ganz böse Zeitungsente und die Medien, die diese Information verbreitet haben, müssen ganz dringend ihre Ar­beitsweise überprüfen“, sagte er.

Es gebe eine ernsthafte Diskussion über die Frage, wie wirksam der Impfstoff von Astrazeneca bei älte­ren Personen sei und die müsse in den Gremien der EMA und der STIKO sehr sorgfältig geführt werden.

Liese betonte, der Impfstoff habe auch bei älteren Menschen eine gute Immunantwort gezeigt. Es seien hunderte von älteren Personen in die klinische Prüfung miteinbezogen gewesen – und bei all diesen Probanden habe es weder einen schweren Verlauf, eine Einweisung in ein Krankenhaus oder gar einen Todesfall mit COVID-19 gegeben.

„Die genaue Wirksamkeit müssen die Experten beurteilen, aber sie ist eher bei 80 Prozent als bei acht Prozent“, so Liese. Ein Problem sei allerdings, dass bei den älteren Versuchsteilnehmern offensichtlich insgesamt nur wenige dem Virus ausgesetzt gewesen seien, so dass man keine endgültigen Schlüsse über die Wirksamkeit bei älteren Menschen ziehen könne. „Genau deshalb müssen EMA und STIKO genau diskutieren was sie empfehlen.“

Über eine angeblich niedrige Wirkung des Impf­stoffes bei älteren Menschen hatten das Handelsblatt und die Bild unter Berufung auf Regierungskreise berichtet. Der britische Pharmahersteller Astrazeneca be­zeichnete Berichte darüber, dass das Mittel bei Menschen über 65 nur eine Wirksamkeit von acht Prozent habe, als „komplett falsch“.

Astrazeneca verwies unter anderem darauf, dass die Notfallzulassung der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) ältere Menschen miteinschließe. Auch habe ein Beratungskomitee für Impfun­gen den Einsatz des Impfstoffs bei Senioren unterstützt.

Zudem habe eine im November im Fachblatt Lancet veröffentlichte Studie gezeigt, dass der Impfstoff auch bei Senioren eine starke Immunantwort auslöse. Allerdings heißt es in einer späteren Lancet-Ver­öffentlichung auch, dass es wegen geringer Fallzahlen in der entscheidenden klinischen Studie noch wenig Daten zur Wirksamkeit bei älteren Menschen gebe.

Ältere Menschen werden in Deutschland wie auch in Großbritannien und anderen Ländern mit Priorität geimpft, weil sie ein besonders großes Risiko für schwere Verläufe bei COVID-19 haben. Deshalb ist es wichtig, dass ein Impfstoff gerade auch Senioren gut schützt.

In Großbritannien wird der Impfstoff bereits in großem Stil eingesetzt. Zuletzt hatte es Streit gegeben, weil Astrazeneca vorerst weniger Impfstoff an die EU liefern will als zugesagt. © afp/dpa/may/aerzteblatt.de

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