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Ärzteschaft

„Wir müssen alles tun, um die Ausbreitung der mutierten Coronaviren zu verhindern“

Freitag, 29. Januar 2021

Berlin – Die Zahl der COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen sinkt. Dennoch ist die Lage weiter­hin angespannt. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt der neue Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, der zugleich die Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen leitet, wie es den Mitarbeitern der Intensivstationen geht und welche Schwerpunkte er in seiner Amtszeit setzen will.

Fünf Fragen an Gernot Marx, Präsident der DIVI

DÄ: Die Zahl der mit COVID-19-Patienten belegten Intensivbetten ist in den vergangenen Wochen gesunken. Wie sieht es zurzeit auf den Intensivstationen in Deutschland aus?
Gernot Marx: Seit dem 3. Januar geht die Zahl der COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen zurück. Damals lag sie bei 5.781, bis gestern ist sie auf 4.375 gesunken. Darüber sind wir sehr froh.

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Dennoch ist die Arbeitslast nach wie vor sehr hoch – wenn man sich zum Beispiel vor Augen führt, dass der Höchststand in der ersten Welle bei 2.905 lag. Wir sind also weit davon entfernt, von einer Entspannung auf den Intensivstationen zu sprechen. Dafür müsste die Zahl der COVID-19-Patienten auf etwa 1.000 sinken.

Hinzu kommen zurzeit die Sorgen vor den mutierten Coronaviren. Sollten sich diese Mutationen auch in Deutschland ausbreiten, müssen wir mit einem erneuten Anstieg der COVID-19-Intensiv­patienten und mit einer dritten Welle rechnen, deren Ausmaß noch nicht abzuschätzen ist. Wir sehen ja gerade in Ländern wie Großbritannien oder Portugal, welche Auswirkungen eine Ausbreitung der mutierten Coronaviren hat. Deshalb müssen wir in Deutschland alles dafür tun, dass sich diese Varianten bei uns nicht ausbreiten.

Die Mitarbeiter der Intensivstationen arbeiten schon lange an ihrem Limit und darüber hinaus. Sie haben unheimlich viel geleistet und ein Ende des Ausnahmezustands ist derzeit noch nicht abzusehen. Alleine das An- und Ausziehen der Schutzkleidung ist anstrengend, dazu kommen das stundenlange Tragen der FFP2-Masken und die auch emotional belastende Arbeit mit schwer kranken und sterbenden Menschen. Deshalb mache ich mir Sorgen darum, wie es unseren Pflegekräften nach der Pandemie gehen wird.

Bei uns im Haus bieten Psychologen und Psychiater Gespräche und Beratungen an. Das wird gut ange­nommen und es hilft den Mitarbeitern sehr, einfach mal mit einem Profi über die Situation zu sprechen. Ich würde mir wünschen, dass solche psychologischen Gespräche flächendeckend angeboten und dann auch entsprechend finanziert werden.

Ein Lichtblick sind die Impfungen. Auch in Aachen wurden zum Glück schon die ersten Mitarbeiter ge­impft. Das ist ein großer Fortschritt. Die Impfbereitschaft ist übrigens hoch. Sie liegt zwischen 80 und 90 Prozent. Solche Werte höre ich auch von anderen Intensivstationen.

DÄ: Wie gut gelingt die Verteilung der schwer kranken COVID-19-Patienten zwischen den Kranken­häusern?
Marx: Die Verteilung gelingt gut, sowohl regional als auch national nach dem Kleeblatt-Konzept. So wurden zum Beispiel schwer kranke COVID-19-Patienten aus Krankenhäusern in Sachsen und Thüringen nach Schleswig-Holstein gebracht, wo es noch freie Kapazitäten gab.

Bei der Koordination der regionalen Verteilung haben die Bundesländer jeweils eigene Konzepte. In Nordrhein-Westfalen haben wir uns für Telekonsile im Rahmen des Virtuellen Krankenhauses NRW entschieden. Kleinere Krankenhäuser können sich dabei über eine Internetplattform innerhalb von sehr kurzer Zeit entweder mit der Uniklinik Aachen oder mit der Uniklinik Münster verbinden und einzelne Fälle besprechen – zum Beispiel im Hinblick auf die Versorgung oder auch im Hinblick auf die Frage, ob ein Patient in eine große Klinik verlegt werden sollte. Auf diese Weise hat sich auch gezeigt, dass Verle­gungen vielfach nicht notwendig waren. Aus meiner Sicht funktioniert dieser Ansatz gut.

DÄ: Wie wird sich das Infektionsgeschehen und – damit zusammenhängend – die Situation auf den Intensivstationen aus Ihrer Sicht in den kommenden Wochen entwickeln?
Marx: Das hängt, wie gesagt, sehr davon ab, inwieweit es uns gelingt, die Ausbreitung der mutierten Varianten in Deutschland zu verhindern. Sollte uns dies nicht gelingen, könnte es eine dritte Welle geben, die die zweite Welle noch übersteigen wird. Das wäre sowohl für die betroffenen Patienten und ihre Familien als auch für die Mitarbeiter der Intensivstationen eine mehr als beunruhigende Situation, die wir in jedem Fall verhindern müssen.

Ich kann deshalb nur appellieren, dass die Arbeitgeber ihren Mitarbeitern wo immer es geht Homeoffice anbieten. Und ich befürworte auch uneingeschränkt die derzeit geltenden Schutzmaßnahmen. Denn der Lockdown zeigt ja Wirkung. Und je länger wir ihn wirken lassen, desto niedriger werden die Inzidenz­wer­te werden. Und je niedriger die Inzidenzwerte sind, umso langsamer werden sich auch die Muta­tionen verbreiten. Sehr wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Sequenzierungen. Und sehr wichtig sind die Impfungen.

In zehn Tagen müssen wir uns dann ganz genau die Entwicklung der Neuinfektionen und auch die Aus­breitung der Virusmutationen anschauen und dann entscheiden, wie es nach dem 15. Februar weiter­geht. Ich verstehe, dass viele Menschen der Schutzmaßnahmen müde sind. Aber sie sind die einzige Möglichkeit, um uns vor dem Virus zu schützen.

DÄ: Am 1. Januar haben Sie als Nachfolger von Herrn Professor Janssens das Amt des Präsidenten der DIVI angetreten. Welche Schwerpunkte wollen Sie in Ihrer Amtszeit setzen?
Marx: Die Digitalisierung, also der Einsatz von Telemedizin und Künstlicher Intelligenz wird sicherlich ein zentraler Baustein meiner zweijährigen Amtszeit werden – hier liegt seit Jahren mein persönlicher Schwerpunkt. Denn die Intensivmedizin eignet sich besonders dafür, die Vorteile der Technik zum Menschen zurückzubringen. So dokumentieren wir bereits heute auf vielen Intensivstationen etwa 1.000 Datenpunkten pro Patient und Stunde.

Mit diesen Daten können wir sehr hilfreiche KI-Algorithmen entwickeln. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben hier vor zwei Jahren – damals noch mit Daten aus den USA – einen KI-Algorithmus für Blutver­giftung entwickelt. Dieser erkennt die Sepsis rund zwölf Stunden eher als eine herkömmliche Diagnose.

Die KI hat also das Potenzial, viele tausend Leben zusätzlich zu retten und die Behandlung zu verbes­sern. Das geht sicherlich nicht in den nächsten zwölf Monaten, aber sicherlich in den kommenden fünf bis zehn Jahren. Ich möchte das als DIVI-Präsident anschieben.

Dazu kommt der Bereich der Telemedizin. Da haben wir mit dem schon beschriebenen Virtuellen Kran­ken­haus NRW bereits ein telemedizinisches Unterstützungsnetzwerk aufgebaut. Damit unterstützen wir aus den Unikliniken in Aachen und Münster die Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung.

Die Digitalisierung bietet also auf vielen Ebenen messbare Vorteile für die Patienten. Hier hat die Pan­demie noch einmal für einen großen Schub gesorgt. Und das will ich möglichst umfangreich umsetzen, damit nicht nur die Patienten in Modellregionen einen Nutzen davon haben, sondern möglichst überall in Deutschland.

DÄ: Inwiefern hat denn die Pandemie die Arbeit der DIVI verändert?
Marx: Durch die Pandemie wurde jedem Bürger dieses Landes die Arbeitsweise, die Möglichkeiten und damit die Bedeutung der Intensivmedizin bewusst. Und nicht nur das: Durch das DIVI-Intensivregister, dass wir im März 2020 gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut und dem Bundesgesundheits­ministe­rium ins Leben gerufen haben, ist auch der Name DIVI fast jedermann ein Begriff. Das war vor wenigen Monaten natürlich noch nicht so.

Entsprechend anders werden wir Intensivmediziner gehört und wahrgenommen. Ein Intensivregister wollten wir zum Beispiel schon seit knapp 20 Jahren für ganz Deutschland aufbauen – und sind immer an regulatorischen Hürden und verfügbaren infrastrukturellen und personellen Ressourcen gescheitert. Jetzt wurde es möglich und es ist vielen bewusst, was für ein wichtiges Tool zur Pandemiesteuerung wir damit in der Hand haben. Um dieses Register werden wir international beneidet.

Aber auch innerhalb der DIVI, auf den Intensivstationen, in Kreisgebieten und überregionalen Netz­werken sind wir alle zusammengerückt. Die Pandemie hat uns erst recht zum Team werden lassen. © fos/aerzteblatt.de

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Robert IV
am Sonntag, 31. Januar 2021, 19:34

Ausbreitung der Virusmutationen

Ohne Massenimpfung werden die Mutationen zunehmen, Menschen werden massenweise sterben. Irgendwann werden Geimpfte nicht mehr geschützt.
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