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Politik

Coronabeirat: Keine Hinweise auf Übersterblichkeit bei Nicht-COVID-19-Erkran­­kungen

Freitag, 5. Februar 2021

/picture alliance, ANP, Marco de Swart

Berlin – Zwischen März und September 2020 gab es keine Übersterblichkeit bei Nicht-COVID-19-Erkran­kungen wie Herzinfarkten und Schlaganfällen. Denn die im Vergleich zu den drei Vorjahren bestehende Übersterblichkeit von etwa 9.000 Menschen im Jahr 2020 deckt sich mit der Zahl der etwa 9.000 Men­schen, die bis zum 30. September an COVID-19 verstorben sind.

Das geht aus der Auswertung der Krankenhausdaten von Anfang Januar bis Ende September 2020 her­vor, die die Gesundheitsökonomen Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin und Boris Au­gurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag des Coronabeirats des Bundes­gesundheitsministeriums (BMG) vorgenommen haben.

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Die Übersterblichkeit werde derzeit häufig in Bezug auf COVID-19 betrachtet, heißt es in dem Bericht, der dem Beirat vorgestern vorgestellt wurde. Aber auch Patienten mit potenziell tödlichen Notfällen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen, die nicht, verzögert oder nicht adäquat versorgt werden, würden zu einer Übersterblichkeit führen. Die Auswertung der Daten bis Ende September habe jedoch keine Hin­weise auf eine systematisch erhöhte Sterblichkeit an anderen Todesursachen ergeben.

Insgesamt ging die Zahl der Krankenhausfälle zwischen Januar und September 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 14,4 auf 12,7 Millionen (-12 Prozent) zurück. Die Zahl der eingewiesenen Fälle sank dabei um 15 Prozent, die Zahl der Notfälle um zehn Prozent, die Zahl der Verlegungen um elf Prozent und die Zahl der Geburten um ein Prozent.

Erstmals gab es dem Bericht zufolge damit mehr Notfälle (5,9 Millionen) als Einweisungen (5,77 Millio­nen). Die psychiatrischen Fälle gingen von 794.000 auf 707.000 zurück (-11 Prozent). Besonders stark reduzierten sich die Fälle zwischen März und Mai (-30 Prozent). Zwischen Juni und September lag die Zahl der Krankenhausfälle um zehn Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum.

Je nach Hauptdiagnosegruppe verlief der Rückgang der Fallzahlen jedoch sehr unterschiedlich. Die Fallzahlen gingen dabei umso weniger zurück, je dringender eine Behandlung einzustufen war. So redu­zierte sich die Anzahl der wöchentlichen Aufnahmen aufgrund eines ST-Streckenhebungs‐Herzinfarktes (STEMI) von circa 1.300 auf circa 1.000 in den Kalenderwochen 12 bis 15 und stieg anschließend wieder an.

Die Nicht‐ST‐Streckenhebungs‐Herzinfarkte (NSTEMI) reduzierten sich von circa 2.800 pro Woche auf 1.800 in der Kalenderwoche 13. Insgesamt reduzierte sich die Anzahl der Aufnahmen wegen Herzinfark­ten in den Kalenderwochen 3 bis 37 um acht Prozent. Die Sterblichkeit für STEMI und NSTEMI lag dem Bericht zufolge allerdings exakt auf dem Vorjahresniveau, so dass sich kein Hinweis auf eine Selektion zugunsten der schwereren Fälle ergebe.

Behandlungsfälle mit der Hauptdiagnose Schlaganfall reduzierten sich ab der Kalenderwoche 12 ausge­prägt bis zur Kalenderwoche 15, danach weniger ausgeprägt bis zur Kalenderwoche 21 und dann wieder ab der Kalenderwoche 34. Die Anzahl der Aufnahmen lag zwischen den Kalenderwochen 3 und 37 um sechs Prozent unterhalb des Vorjahres. Der Anteil der Schlaganfallpatienten, die auf einer Stroke Unit versorgt wurden, lag allerdings im gesamten Zeitraum bei 61 Prozent und war damit auf vergleichbarem Niveau zum Vorjahr (60 Prozent). Und auch beim Schlaganfall lag die Sterblichkeit dem Bericht zufolge exakt auf dem Vorjahresniveau.

Die Fallzahl der planbaren Operationen bei den fünf Krebsarten Dickdarm, Speiseröhre, Magen, Bauch­speicheldrüse und Brust ging zwischen der dritten und der 37. Kalenderwoche um insgesamt sieben Prozent zurück. Bei allen fünf Tumorarten waren das Durchschnittsalter der Patienten sowie die Sterb­lichkeit unverändert im Vergleich zum Vorjahr. Die Fallzahl im Bereich der kolorektalen Resektion bei Karzinom ging um zwölf Prozent zurück, die Zahl der Magenresektionen um zehn Prozent, Bauchspei­chel­drüsen- und Mammaresektionen um je vier Prozent und Speiseröhrenresektionen um ein Prozent.

Mehr Fälle von Hüft‐ und Kniegelenksendoprothesen

Deutlicher gingen die Fallzahlen in den Bereichen Hüft‐ und Kniegelenksendoprothesen bei Kox‐ bezieh­ungsweise Gonarthrose, Gallenblasenentfernungen und Herniotomien zurück, wobei die Rück­gänge aus­schließlich durch den Zeitraum zwischen den Kalenderwochen 12 und 21 bedingt waren. Ab der Kalen­derwoche 12 reduzierten sich die Knie-TEPs um 90 Prozent und die Hüft-TEPs um 85 Prozent.

Ab der Kalenderwoche 16 stiegen die Fallzahlen wieder an. Ab der Kalenderwoche 22 waren im Ver­gleich zum Vorjahr höhere Fallzahlen zu beobachten. „Dies deutet darauf hin, dass in diesem Zeit­raum die ab der Kalenderwoche 12 verschobenen Eingriffe teilweise nachgeholt wurden“, heißt es in dem Be­richt. Insgesamt wurden bis September elf Prozent weniger Hüft-TEPs eingesetzt und zwölf Prozent weniger Knie-TEPs.

Starke Einbrüche ab der Kalenderwoche 12 verzeichneten auch die Gallenblasenentfernungen, deren Zahl sich in etwa halbierte, und die Anzahl der Herniotomien, die sich auf ein Fünftel reduzierte. Beide Eingriffe wurden ab der Kalenderwoche 17 wieder häufiger durchgeführt. Im Gegensatz zu den Gelenk­implantationen zeigte sich dem Bericht zufolge aber kein Nachholeffekt.

Am ausgeprägtesten war der Rückgang der Fallzahlen bei den sogenannten ambulant-sensitiven Be­handlungen, bei denen man davon ausgeht, dass sie nicht im Krankenhaus durchgeführt werden müs­sen. Dazu zählen der OECD zufolge unter anderem die Behandlung von Diabetes, Herzinsuffizienz, COPD und Asthma im Krankenhaus.

Zwischen Januar und September 2020 sank die Zahl der Hauptdiagnose Asthma dem Bericht zufolge um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die Zahl der Hauptdiagnose COPD um 26 Prozent, die Zahl der Hauptdiagnose Diabetes um 17 Prozent und die Zahl der Hauptdiagnose Herzinsuffizienz um 13 Prozent.

Der Rückgang der Fallzahlen hielt dabei bis September an. „Dass sich diese Entwicklung verstetigt, das heißt, dauerhaft zu beobachten sein wird, ist somit zumin­dest nicht unwahrscheinlich“, heißt es dazu in dem Bericht.

Deutlich reduzierten sich auch die Notfallaufnahmen von Kindern bis 14 Jahren. So gingen die Fall­zah­len in der Kalenderwoche 12 um 24 Prozent zurück. Auch im weiteren Verlauf des Jahres sei weder das Niveau des Jahresbeginns noch das der vergleichbaren Vorjahreswochen erreicht worden, heißt es in dem Bericht. Insgesamt wurden damit im Vergleich zu 2019 19 Prozent weniger Notfallaufnahmen bei Kindern beobachtet.

Zwischen Januar und September wurden im Jahr 2020 45.722 Behandlungsfälle mit der Nebendiagnose „COVID‐19, Virus nachgewiesen“ behandelt. 7.425 dieser Patienten verstarben (16,2 Prozent), das sind 78 Prozent der 9.500 Menschen, die dem Robert-Koch-Institut zufolge bis zum 1. Oktober an COVID-19 verstorben sind.

Im Median waren die im Krankenhaus behandelten COVID-19-Patienten 69 Jahre alt. Von allen 45.722 Fällen wiesen 9.086 einen intensivmedizinischen OPS‐Komplexkode auf. Die durchschnittliche Verweil­dauer lag bei 24,9 Tagen, davon 14,5 Tagen auf der Intensivstation.

„Die Krankenhäuser haben sich von Januar bis September unterschiedlich stark an der Behandlung von COVID‐19‐Fällen beteiligt“, heißt es in dem Bericht. Im Verhältnis zum Anteil ihrer Betten hätten Kran­ken­häuser mit mehr als 400 Betten, und insbesondere diejenigen mit mehr als 800 Betten, überpro­por­tional mehr intensivpflichtige COVID‐19‐Patienten behandelt als es ihrem Bettenanteil entspreche, wäh­rend bei kleineren Krankenhäusern dies unterdurchschnittlich der Fall gewesen sei.

Indessen sei der Anteil der nicht‐intensivpflichtigen COVID‐19‐Patienten bei Krankenhäusern mit über 800 Betten unterproportional gering gewesen. © fos/aerzteblatt.de

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