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Medizin

Vorübergehende Herzkreislauf­aktivität nach klinischer Asystolie nicht ungewöhnlich

Donnerstag, 4. März 2021

/picture alliance, Bildagentur-online/Saurer

Ottawa – Jeder 7. erwachsene Intensivpatient, der vor einer geplanten Organspende nach der Beendigung von lebenserhaltenden Maßnahmen für herztot erklärt wurde, zeigte in einer internatio­nalen Studie (ohne deutsche Beteiligung) noch einmal eine vorübergehende Herzaktivität im EKG oder sogar einen minimalen Anstieg des Blutdrucks. Keiner gelangte laut dem Bericht im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2022713) jedoch noch einmal zu Bewusstsein.

Eine Organentnahme ist in Deutschland nur möglich, wenn ein Hirntod eindeutig festgestellt wurde. In vielen anderen Ländern kann auch nach einem Herzstillstand mit Nulllinien-EKG mit der Entnahme begon­nen werden, wobei zur Sicherheit eine Phase von 2 bis 10 Minuten ohne Atmung und Pulsaktivität gefor­dert wird.

Eine „Donation after Circulatory Determination of Death“ (DCD) bietet sich zum Beispiel bei Patienten an, bei denen Intensivmediziner und Angehörige sich zur Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen ent­schlos­sen haben. Der Todeszeitpunkt lässt sich dann vorhersehen und eine Organentnahme kann nach kurzer Ischämie-Zeit durchgeführt werden. Das DCD-Kriterium kann zu einem deutlichen Anstieg der Organspender führen.

Die ethischen Bedenken betreffen vor allem die Gefahr eines Lazarus-Phänomens. Es postuliert, dass ein Mensch nach einer gewissen Dauer einer Asystolie noch einmal zum Leben erwachen kann. Die DePPaRT-Studie („Death Prediction and Physiology after Removal of Therapy“) hat genauer untersucht, ob eine solche „Selbstreanimation“ möglich ist.

An der Studie beteiligten sich 16 Intensivstationen für Erwachsene in Kanada, 3 in der Tschechischen Republik und eine in den Niederlanden. Insgesamt 631 Patienten, bei denen aus unterschiedlichen Grün­den die Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen vorgesehen war, wurden mindestens 15 Minuten vor dem Beenden der lebenserhaltenden Maßnahmen und bis zu 30 Minuten nach dem Herztod intensiv unter­sucht.

Bei allen Patienten sollte neben einem EKG (3 oder 5 Ableitungen), das die Herzaktion überwachte, auch der Blutdruck mittels eines arteriellen Katheters kontinuierlich bestimmt und die Sauerstoffsättigung mittels Plethysmographie kontinuierlich gemessen werden. Außerdem waren Ärzte am Bett anwesend, um auf klinische Lebenszeichen zu achten.

Wie Sonny Dhanani vom Children’s Hospital of Eastern Ontario in Ottawa und Mitarbeiter jetzt mitteilen, meinten die Ärzte bei 13 der 631 Patienten nach dem ersten Nulllinien-EKG noch einmal eine vorüber­gehende spontane Rückkehr der Herzaktivität beobachtet zu haben. Nur bei 5 dieser Patienten (1 %) ließ sich dies jedoch später durch die Analyse der Messwerte bestätigen. Bei diesen Patienten war es tatsäch­lich 64 Sekunden, 66 Sekunden, 2 Minuten 30 Sekunden, 2 Minuten 31 Sekunden und 2 Minuten 56 Sekunden nach dem Nulllinien-EKG noch einmal zu einer nachweisbaren Herztätigkeit gekommen.

Noch häufiger war diese Aktivität aufgetreten, ohne dass die Ärzte am Bett des Sterbenden dies bemerkt hatten. Von den 480 Patienten, bei denen komplette Messergebnisse vorlagen, zeigten insgesamt 67 Pati­enten (14 %) eine erneute Herztätigkeit (darunter waren auch die 5 Patienten, bei denen die Ärzte dies bemerkt hatten). Bei insgesamt 7 Patienten (1 %) kam es sogar zu mehreren Phasen der erneuten Herz­tätig­­keit, bevor der Tod endgültig eintrat.

Am häufigsten trat die erneute Herzaktivität in den ersten 1 bis 2 Minuten der Pulslosigkeit auf (55 Ereig­nisse bei 45 Patienten). Das späteste Ereignis wurde nach 4 Minuten und 20 Sekunden registriert.

Bei 2 der 32 Patienten, bei denen kontinuierliche Blutdruckmessungen durchgeführt wurden, kam es zu einer nachweisbaren Herzaktion mit einer Pulsdruckamplitude von über 5 mm Hg: eine trat 1 Minute und 4 Sekunden nach dem Herzstillstand auf, die andere nach 2 Minuten und 31 Sekunden.

Die Dauer der erneuten Herzaktion betrug zwischen 1 Sekunde und 13 Minuten 14 Sekunden, median aber nur 3,9 Sekunden: Bei 33 von 67 Patienten (49 %) beschränkte sich die Herztätigkeit auf einen einzelnen Herzschlag.

Die mittlere Zeit zwischen dem letzten arteriellen Puls und dem letzten QRS-Komplex betrug 3 Minuten 37 Sekunden (Bereich: 0 Sekunden bis 83 Minuten 28 Sekunden). Bei 33 von 480 Patienten (7 %) wurde eine minimale elektrische Aktivität im EKG noch nach 30 Minuten und bei 23 von 480 Patienten (5 %) bis zum Ende der Aufzeichnung aufgezeichnet.

Wie Dhanani versichert, ist keiner der Patienten noch einmal zu Bewusstsein gelangt. Ein Lazarus-Phäno­men, das weite Teile der Bevölkerung für möglich halten und dass in Medien und Belletristik immer wieder beschrieben wird, ist in keinem Fall aufgetreten. Alle Patienten blieben klinisch tot. © rme/aerzteblatt.de

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