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Politik

„Wir sehen, dass die Kinder mit zunehmender Länge des Lockdowns immer mehr ‚am Rad drehen‘“

Montag, 8. Februar 2021

Berlin – Zur Eindämmung der Coronapandemie hat die Bundesregierung massive Kontaktbeschrän­kun­gen beschlossen. Dazu gehören unter anderem Schließung von Schulen, Sportvereinen, Freizeit- und Kultureinrichtungen für Kinder und Jugendliche. Diese befinden sich seit Mitte Dezember im kompletten Lockdown. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Ariadne Sartorius sieht in ihrer Praxis in Frankfurt am Main täglich, was diese Maßnahmen mit den Heranwachsenden machen. Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) sprach mit ihr.

5 Fragen an Ariadne Sartorius, Kinder- und Jugendlichenpsycho­therapeutin

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DÄ: Frau Sartorius, welche Auswirkungen hat der Lockdown auf ihre jungen Patienten?
Ariadne Sartorius: Ich erlebe zurzeit einen massiven Ansturm auf Therapieplätze. Die Zahl der Anfragen hat enorm zugenommen.

Dann höre ich von den Kindern, dass sie sich allein gelassen fühlen mit dem Lernen, Probleme haben, sich selber zu organi­sieren und sich Wissen anzueignen.

Sie bewältigen den Online-Unterricht nicht mehr je länger der Präsenzunterricht her ist, weil sie die Anforderungen nicht mehr selbst strukturieren können.

Die Angst, die schulischen Leistungen nicht mehr erbringen zu können, hat zugenommen. Zu nimmt auch das Rückzugsverhalten, Stimmungsschwankungen, der Medienkonsum, depressive Symp­tome und Ängste. Hier insbesondere die Angst vor aber auch die Auseinandersetzung mit dem Tod. Auch Zukunftsängste sehe ich verstärkt.

Manche Kinder sind durch die Schulschließungen aber auch entlastet. Ich meine zum Beispiel Kinder, die Probleme haben, Regeln einzuhalten oder Aggressionen zeigen. Ebenso Jugendliche mit sozialer Angst, die sowieso Rückzugs- und Vermeidungsverhalten zeigen und sich am liebsten zu Hause zurück­ziehen.

Hier müssen wir aufpassen, dass diese Probleme nicht chronifizieren, da sie ja jetzt wenig soziale Übungs­felder mit Gleichaltrigen haben. Dadurch kann eine Psychotherapie jetzt echt ins Stocken kommen und das ganze Leid verlängert sich entsprechend. Drei oder vier Monate sind für ein Kind aber viel mehr prozentuelle Lebenszeit als bei uns Erwachsenen.

DÄ: Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) hat eine Online-Befragung zu diesem The­ma bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiatern sowie Kinder­ärzten durchgeführt. Befragt wurde ganz aktuell zwischen Mitte Dezember und Mitte Januar. Decken sich Ihre Erfahrungen mit denen Ihrer Kollegen?
Sartorius: Ja. Die Idee für die Umfrage ist im „Kompetenzkreis Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“ des bvvp entstanden. Wir hatten alle in unseren Praxen die beschriebenen Erfahrungen und wollten wis­sen, ob es bei den anderen auch so ist. Insbesondere auch bei den Kinderpsychiatern und Kinder­ärzten, die ja viel mehr Kinder und Jugendliche sehen. Teilgenommen haben 400 Personen, wir konnten mehr als 10.000 Antworten auswerten. Die Umfrage wird demnächst veröffentlicht.

Viele Befragte berichten von jungen Patienten, die nicht unter dem Lockdown leiden, die stabil weiter­leben. Daneben gibt es aber eine Patientengruppe, die stark belastet ist. Diese Patienten haben Ängste und Symptome entwickelt, wie oben beschrieben werden. Wir haben daneben nach einer Zunahme von häuslicher Gewalt gefragt, weil ja die Einrichtungen der Jugendhilfe geschlossen sind. Viele berichteten von einer gelegentlichen bis häufigen Zunahme von häuslicher Gewalt.

Zugenommen haben den Befragten zufolge auch Geschwisterkonflikte, vor allem bei Familien mit be­eng­­ten räumlichen Verhältnissen, wo nicht jedes Kind ein eigenes Zimmer hat. Die Spannungen und die Beengtheit belasten stark. Auch das Thema Tod spielt eine große Rolle, nicht in Form von dysfunktio­na­len Ängsten, sondern weil Menschen ganz real im unmittelbaren Umfeld der Kinder sterben. Das ängs­tigt die Kinder sehr.

Mit dieser Konfrontation können viele gut umgehen, aber wir müssen uns ja um diejenigen kümmern, die das nicht können. Denen das Selbstwirksamkeitserleben im Augenblick fehlt, die den Kontakt mit Freunden dringend brauchen oder das Fußballtraining, um sich selbst zu definieren. Das fällt ja zurzeit alles weg.

In diesem Zusammenhang berichteten die Kinder- und Jugendärzte, die wir befragt haben, von einer Zunahme von Adipositas bei Kindern aber auch bei Eltern wegen der eingeschränkten Bewegungs­mög­lichkeiten.

DÄ: Wie lange können Kinder und Jugendliche eine solche komplette Kontaktreduzierung aushalten?
Sartorius: Wir sehen, dass die Kinder mit zunehmender Länge des Lockdowns und Unvorhersehbarkeit wie es weitergeht, immer mehr ‚am Rad drehen‘. Die Frage, wie lange sie das noch aushalten, kann ich nicht beantworten.

DÄ: Die Eltern müssen ihre Kinder in der jetzigen Situation viel mehr unterstützen…
Sartorius: Ich habe Verständnis für alle Eltern, die das nicht schaffen. Sie müssen für alle Strukturen schaffen, sie müssen Privatlehrer spielen, sie müssen ihre Kinder dazu anhalten, online tatsächlich zu lernen.

Es gibt Kinder, die lernen nur, wenn sie angeleitet werden. Nicht jedes Kind lernt gerne Mathe, Chemie oder Spanisch, diese Kinder brauchen die pädagogische Unterstützung der Lehrer. Auch die positiven Verstärker in der Schule, die Pausen, die Freundin, all das fällt weg. Das und die Motivierung zum Lernen müssen die Eltern jetzt allein leisten.

Nebenbei sollen sie ihren Job machen, die Kinder ruhig halten, während sie in ihren eigenen Videokon­fe­­renzen sind. Sie sollen mittags Essen kochen, das sonst die Schulmensa oder der Hort bereit hält.

Auch finanziell haben viele Eltern eine enorme Belastung durch Kurzarbeit oder weil sie in der Pandemie Grundsicherung beantragen mussten. Die Schere zwischen arm und reich geht grundsätzlich immer wei­ter auseinander und das zeigt sich in solchen Krisen ganz massiv. Corona wirkt hier wie ein Brennglas.

DÄ: Was fordern Sie von der Bundesregierung, auch im Hinblick auf die weiteren Beschlüsse zur Ein­dämmung der Coronapandemie in der kommenden Woche?
Sartorius: Ich bin keine Epidemiologin. Aber ich fordere von der Bundesregierung, die sozialen und emo­tionalen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen im Blick zu haben. Sie müssen einbezogen werden in die Entscheidungen.

Wir brauchen Maßnahmen oder Angebote für Kinder im Lockdown. Zum Beispiel könnte man Bewe­gungs­­angebote schaffen, nachmittags zu einer bestimmten Zeit auf allen Schulhöfen, wo die Kinder, die in der Nähe wohnen einfach hingehen können.

Wir fordern auch, dass die Kinder, die benachteiligt aus der Pandemie herausgehen, Unterstützungs­an­ge­bote erhalten. Die Defizite, die sie in dieser Zeit aufgebaut haben, müssen ausgeglichen werden.

Angebote bei denen es nicht um Leistung geht: Theater spielen, Musik machen, freie Bewegung, Sport, soziale oder handwerkliche Projekte zum Beispiel. Viele Kinder müssen erst wieder Selbstwirksamkeit und Kompetenz erleben. Und natürlich braucht es eine Aufarbeitung der schulischen Defizite. Dafür sollten kostenfreie Angebote geschaffen werden. © PB/aerzteblatt.de

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Eismister33
am Mittwoch, 10. Februar 2021, 15:33

Falschmeldung

Da hat wohl jemand eine Studie nicht richtig gelesen.

Bitte die Meldung korrigieren.
Die Studie besagt dies eben nicht, dass Kinder während der COVID Depressiver geworden sind. Sondern nur das jedes 3. Kind im allgemeinen, Depressiv ist und die Werte mehr oder weniger den gleichen wie vor der Pandemie entsprechen. Das Ergebnis hat überhaupt nichts mit COVID zu tun und das steht so auch im Bericht.

https://link.springer.com/article/10.1007/s00787-021-01726-5

However, comparing the impacts cross-culturally, children and adolescents in Germany do not seem to be affected as negatively as in other countries such as China, Spain and Italy. Surprisingly, our study did not reveal elevated levels of depression during the COVID-19 lockdown and though a higher level of generalized anxiety was found, the corresponding effect was only negligible compared to pre-pandemic data.

Im Vergleich der kulturübergreifenden Auswirkungen scheinen Kinder und Jugendliche in Deutschland jedoch nicht so negativ betroffen zu sein wie in anderen Ländern wie China, Spanien und Italien. Überraschenderweise ergab unsere Studie keine erhöhten Depressionsniveaus während der COVID-19-Sperrung, und obwohl ein höheres Maß an generalisierter Angst festgestellt wurde, war der entsprechende Effekt im Vergleich zu Daten vor der Pandemie nur vernachlässigbar.

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