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Politik

RKI: Verbreitung der B.1.1.7-Virus­variante bei sechs Prozent

Freitag, 5. Februar 2021

/Connect world, stock.adobe.com

Berlin – Sechs Prozent aller Infektionen in Deutschland könnten durch die B.1.1.7-Variante von SARS-CoV-2 verursacht werden. Dieser Anteil werde in den kommenden Wochen steigen, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in einer ersten Ad-hoc-Analyse zur Verbreitung der Mutationen, die heute online ver­öffentlicht wurde. Dabei gebe es aber weiterhin Datenlücken, so das RKI.

Die Pandemie sei „noch lange nicht unter Kontrolle“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler heute bei der Vorstellung des Berichts. „Das Virus ist noch nicht müde, im Gegenteil, es hat gerade nochmal einen Boost bekommen“, erklärte er. Denn der Reproduktionsfaktor R liege für die Variante B.1.1.7 etwa 0,5 Punkte höher als für die bisher zirkulierenden Varianten.

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„Wenn wir diesen Mutationen die Möglichkeit zur Ausbreitung geben, riskierten wir einen erneuten An­stieg der Infektionszahlen“, mahnte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU).

Mit drei unterschiedlichen Methoden analysiert das RKI in seinem Bericht, das Vorkommen von „besorgniserregenden SARS-CoV-2-Varianten“, Variants-of-Concern (VOC), in Deutschland. Dazu wurden zum einen PCR-Untersuchungen auf Punktmutationen betrachtet, zum zweiten die Genom­sequenzierungen und zuletzt die Meldedaten, die aus den verschiedenen Bundesländern beim RKI zu­sammenlaufen.

Der genaue Anteil der VOC könne dennoch weiterhin „nicht sicher auf alle SARS-CoV-2-positiven Proben in Deutschland übertragen werden“, da nicht alle deutschen Laboratorien an dem Projekt teilgenommen hätten. Mehrere teilnehmende Labore berichten von einer Zunahme des Anteils an B.1.1.7.-Fällen im Wochenverlauf, heißt es in der RKI-Analyse.

Ähnliche Entwicklungen seien in den vergangenen Wochen auch in anderen europäischen Ländern be­obachtet worden. Daher solle die großflächige PCR-Testung auf Punktmutationen künftig im zwei-Wo­chen-Takt wiederholt werden, „um einen Trend erkennen zu können“, erklärt das RKI.

Zudem müsse die Zahl der erfassten Gesamtgenomsequenzierungen in Deutschland weiter deutlich ge­steigert werden, „um ein repräsentatives Bild der zirkulierenden Virusvarianten, aber auch der einzelnen Mutationen zu erheben und neue Varianten sowie Mutationen frühzeitig zu detektieren“, lautetdas Fa­zit der Analyse.

Die Suche nach Mutationen beginnt mit der PCR

In 26 mit dem RKI kooperierenden Laboren wurden im Zeitraum vom 22. bis 29. Januar dieses Jahres bun­desweit 481.912 Proben auf das Coronavirus getestet. Davon zeigten 49.962 PCR-Tests ein positives Er­gebnis für SARS-CoV-2 (10,3 Prozent).

30.928 dieser positiven Proben wurden anschließend verwertbar mittels quantitativer Real-Time (qRT)-PCR auf Mutationen nachgetestet. Bei weiteren 3.514 PCR-Mutationstests war kein Ergebnis messbar, was dem RKI zufolge in der Regel durch eine zu geringe Viruslast der Ausgangsprobe bedingt gewesen sei.

Unter den 30.928 PCR-positiven nicht vorselektierten Proben wurde demnach in 1.797 Fällen (5,8 Pro­zent) neben der N501Y-Mutation auch die Deletion delH69/V70 detektiert, „was einen starken Hinweis auf das Vorliegen der VOC B.1.1.7 liefert“, berichtet das RKI.

In 336 weiteren auswertbaren Proben (1,1 Prozent) wurde allein die N501Y-Mutation detektiert, schreibt das Institut. Diese wurden jedoch nicht auf weitere Mutationen untersucht. Auch konnte aus dieser ein­ma­ligen Erhebung kein zeitlicher Verlauf konstruiert werden.

Zusätzlich hatte das Konsiliarlabor für Coronaviren an der Berliner Charité in der vergangenen Woche die PCR-Nachweisrate von B.1.1.7- und B.1.351-Varianten an deutschen Universitätskliniken abgefragt. Dort zeichnete sich, bei deutlich geringeren Fallzahlen, ein steigender Trend ab.

In 1.130 positiven Proben, die aus dem Dezember 2020 an den Unikliniken nachgetestet wurden, sei nur eine einzige Probe positiv gewesen. In den ersten drei Wochen des Jahres 2021 seien an den Uniklinikla­boren 1.964 PCR-positive Proben nachgetestet worden. Dabei sei in 37 Proben (1,9 Prozent) die Variante B.1.1.7 und in acht Proben (0,4 Prozent) die VOC B.1.351 detektiert worden.

50 Prozent Zuwachs von B.1.1.7 in Genomsequenzdaten

Während die Mutationssuche per PCR nur auf bekannte mutierte Genabschnitte testet, können bei der Ge­samtgenomsequenzierung alle Mutationen detektiert werden, welche das untersuchte Virusgenom von einer Ursprungssequenz (Referenz) unterscheiden.

Über das Muster der Mutationen könnten die Varianten einer entsprechenden Viruslinie zugeordnet wer­den. Nur so können auch neu auftretende Mutationen gefunden werden, was durch die PCR-Mutations­su­che nicht möglich ist.

Das RKI wertete daher, neben den Ergebnissen der PCR-Mutationssuche, auch Genomdaten aus Deutsch­land aus. Dabei bezogen sie zum einen eigene Vollgenomsequenzierungen ein, die am RKI und beim Kon­siliarlabor durchgeführt wurden. Diese wurden mit Sequenzen verglichen, die sich in der öffentli­chen internationalen Genomdatenbank GISAID (Global Initiative on Sharing All Influenza Data) finden. Dort werden alle weltweit gefundenen Genome gesammelt.

Aus diesen Quellen lagen dem RKI 4.767 SARS-CoV-2 Gesamtgenomsequenzen zur Analyse vor, 4.429 aus dem Jahr 2020 und 338 aus dem Jahr 2021. Rein rechnerisch wurden somit bislang etwa 0,2 Prozent aller seit Beginn der Pandemie PCR-positiven SARS-CoV-2-Proben aus Deutschland sequenziert. Im Jahr 2021 waren es bislang 0,06 Prozent.

Darunter fanden sich nicht nur die drei VOC, sondern „sämtliche international bekannten Virusvarianten“, schrieb das RKI. Die im Bericht untersuchte Variante B.1.1.7 stellte im Jahr 2020 rund zehn Prozent aller gefundenen Sequenzen, im Jahr 2021 waren es bereits 15,7 Prozent.

Getrennt davon wurden zudem Genomsequenzen ausgewertet, die deutsche Laboratorien seit dem 26. Januar über das neue Meldesystem DESH (Deutscher elektronische Sequenzierungs-Hub) an das RKI lie­ferten. Diese Daten wurden nicht mit den eigenen gefundenen Sequenzen zusammengeführt, sondern unabhängig ausgewertet.

Die so übermittelten 1.308 Sequenzen wurden, „manuell hinsichtlich der Nachweismethode überprüft und gegebenenfalls mit den zuständigen Landesbehörden abgeglichen“, hieß es im Bericht weiter. Da­run­ter fand sich ein B.1.1.7-Anteil von ebenfalls knapp sechs Prozent.

Doch die Genomdatensätze unterlägen „starken Verzerrungen (Bias), da sie gezielte Untersuchungen von Proben beinhalten, für die der Verdacht auf Vorliegen einer VOC bestand“. Durch eine solche Probenaus­wahl werde der Anteil der Varianten überschätzt. Eine ähnliche Verzerrung vermutete das RKI auch in den Datensätzen des Konsiliarlabors und der Datenbank GISAID.

Das Institut versuchte, diese Ungenauigkeit zumindest teilweise zu korrigieren, indem „Datensätze aus internen Ausbruchsuntersuchungen und Studien nicht berücksichtigt“ wurden, heißt es in einer Fußnote.

Meldelücke verzerrt Übersicht aus den Bundesländern

Doch das ist nicht die einzige Schwäche des neuen RKI-Berichts. Die Verteilung der VOC ist zwischen den Bundesländern sehr unterschiedlich. Das zeigt der dritte ver­wen­­dete Datensatz: die Meldedaten, die dem RKI bis zum 31. Januar regelhaft nach dem Infektions­schutz­gesetz übermittelt wurden. Darin wird eine massive Meldelücke in den Daten des Instituts erkennbar.

Den Meldedaten im Bericht zufolge waren Ende Januar dieses Jahres 168 Fälle des mutierten anstecken­de­ren Virus B.1.1.7 in 13 Bundesländern bekannt (Berlin, Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Ham­burg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Schleswig-Holstein, Thüringen, Branden­burg und Meck­lenburg-Vorpommern). Davon wurden 47-Fälle allein aus Schleswig-Holstein, 22 aus Nordrhein-Westfalen, 20 aus Berlin und 17 aus Hessen gemeldet. Sieben Fälle kamen aus Baden-Würt­temberg.

27 Meldefälle der VOC B.1.351 wür­den aus sieben Bundesländern stammen (Baden-Württemberg, Bay­ern, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Sachsen), darunter allein 13 aus Ba­den-Württemberg.

Doch im täglichen Lagebericht der Baden-Württembergischen Landesregierung vom selben Datum (31. Januar 2021) heißt es: „Zwischenzeitlich sind dem Landesgesundheitsamt 266 Fälle mit Virusvarianten aus 32 Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs übermittelt worden.“

Die erhoffte Übersicht zur Verbreitung der Virusvarianten birgt die RKI-Analyse derzeit noch nicht. Ob die Zahl von sechs Prozent die Mutanten flächendeckend für Deutschland erfasst, ist daher fraglich.

Mit den künftigen zweiwöchentlichen PCR-Untersuchungen sollte die Ausbreitungsdynamik jedoch er­kenn­barer werden, auch wollen viele Labore noch Daten nachliefern. Zusätzlich schreibt das RKI in seinem Bericht: „Die Zahl der erfassten Gesamtgenomsequenzierungen in Deutschland muss deutlich gesteigert werden, um ein repräsentatives Bild“ zu bekommen. © jff/aerzteblatt.de

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