NewsMedizinBilaterale Vestibulopathie: Implantat vermindert Gleichgewichts­störungen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Bilaterale Vestibulopathie: Implantat vermindert Gleichgewichts­störungen

Montag, 29. März 2021

/Antonioguillem, stock.adobe.com

Baltimore – Ein Vestibularimplantat, das die Nervenzellen in den drei Bogengängen des Gleichgewichts­organs mit Informationen von einem Gyroskop auf der Kopfhaut versorgt, hat in einer ersten klinischen Studie die Lebensqualität von Patienten mit bilateraler Vestibulopathie deutlich verbessert, deren Gleichgewichtssinn dauerhaft gestört war. Es kam laut dem Bericht im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2020457) jedoch zu Hörstörungen, die vermutlich eine Folge der Implan­tation waren.

Funktionsstörungen beider Vestibularorgane haben schwere Auswirkungen auf den Gleichgewichtssinn. Das Gehirn erhält keine Informationen über die aktuelle Lage des Kopfes. Die Betroffenen entwickeln einen bewegungsabhängigen Schwankschwindel mit erheblicher Gang- und Standunsicherheit, der mit einem hohen Sturz- und Verletzungsrisiko verbunden ist. Außerdem leiden die Patienten unter den Reaktionen ihrer Mitmenschen, die die torkelnden Bewegungen häufig als Folge eines Alkohol- oder Drogenkonsums interpretieren.

Die Ursache der bilateralen Vestibulopathie ist häufig eine Behandlung mit ototoxischen Antibiotika aus der Gruppe der Aminoglykoside, die die Sinneszellen im Vestibularapparat irreversibel schädigen kön­nen. Dies war auch bei 7 der 8 Patienten der Fall (beim 8. war die Ursache unklar), die am Johns Hopkins Hospital in Baltimore mit einem Vestibularimplantat versorgt wurden.

Das Gerät funktioniert ähnlich wie ein Cochlearimplantat, nur dass nicht das Hörorgan, sondern das benachbarte Gleichgewichtsorgan mit Informationen von der Außenwelt versorgt wird. Die Informati­onen stammen aus einem Gyroskop, das der Patient auf der Kopfhaut trägt. Die dort aufgefangenen Informationen über die Bewegung des Kopfes werden in einem äußeren Steuergerät, das der Patient um den Hals trägt, in Signale umgesetzt.

Die Signale werden drahtlos zum Implantat übertragen, das hinter dem Ohr unter der Kopfhaut implan­tiert wurde. Es ist über Elektroden mit dem Vestibularorgan verbunden. Die Spitzen der Elektroden befin­den sich in den Cristae ampullares der 3 Bogengänge. Sie werden entsprechend der vom Gyroskopen aufgefangenen Signale elektrisch stimuliert. Die Nerven leiten die Informationen dann an das Gehirn weiter. Die Implantation erfolgte bei allen Patienten nur auf einer Seite.

Ein Vestibular-Implantat war zuvor schon etwa 20 Patienten implantiert worden, berichtet das Team um Della Santina, der das Gerät entwickelt hat. Die jetzige Publikation war die erste, die die Ergebnisse dokumentiert. Im Bruininks-Oseretzky Test, der 7 Steh- und 2 Gehprüfungen umfasst, verbesserten sich die motorischen Fähigkeiten von 17,5 nach 1 Jahr auf 25,5 von maximal möglichen 36 Punkten.

Im modifizierten Rombergtest, in dem die Probanden mit geschlossenen Augen auf einer Schaumstoff­unterlage stehen, konnten die Probanden 14,5 Sekunden statt vorher 3,6 Sekunden ihr Gleichgewicht halten (Gesunden gelingt dies etwa 30 Sekunden). Der „Dynamic Gait Index“, der die Balance beim Gehen beurteilt, verbesserte sich von 12,5 auf 22,0 von 24 möglichen Punkten.

Den „Timed Up and Go“-Test, bei dem die Probanden sich aus dem Sitzen erheben und gehen, nach 3 Metern umdrehen und wieder setzen müssen, absolvierten sie nach 9,3 statt vorher 11 Sekunden. Im Geschwindigkeitstest verbesserten sie sich von 1,03 auf 1,22 Meter pro Sekunde. Die Lebensqualität im SF-36 Utility-Score stieg von von 0,70 auf 0,84 (bei einem Maximalwert von 1,0).

Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass die Implantation auf der operierten Seite zu einem Hörverlust führte. Die Hörschwelle im Reintonaudiogramm stieg bei 3 Patienten um 3 dB auf 16 dB und bei 5 Patienten von 74 db auf 104 dB. Die Ursache für die Innenohrschwerhörigkeit ist nicht ganz klar. Eine Möglichkeit wäre laut Santina eine Schädigung durch die Geräusche beim Bohren der Löcher für die Elektroden. Es könnte aber auch zu einer Verletzung der Flüssigkeitsräume im Mittelohr gekommen sein. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
VG Wort

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER