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Politik

SARS-CoV-2: Kostenfreie Antigenschnelltests, kostengünstige Laienschnelltests in Sicht

Dienstag, 16. Februar 2021

/picture alliance, GEORG HOCHMUTH

Berlin – Im Kampf gegen das Coronavirus SARS-COV-2 sollen Schnelltests bald auf breiter Front zu ein­gesetzt werden können – auch angesichts anstehender Lockerungen von Alltagsbeschränkungen. „Ab 1. März sollen alle Bürger kostenlos von geschultem Personal mit Antigenschnelltests getestet werden können“, kündigte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) heute an.

Kommunen könnten Testzentren, Apotheken oder Praxen mit solchen Angeboten beauftragen. Auch den Weg für einen breiten Einsatz von Selbsttests für Laien will Spahn ebnen. Zuerst berichtete heute das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

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Spahn erläuterte, Schnelltests seien mittlerweile ausreichend am Markt verfügbar. Die Nutzung sei be­reits mehrfach ausgedehnt worden. Verwendet werden könnten sie schon in Pflegeheimen, Krankenhäu­sern und nach Infektionsfällen etwa auch in Schulen – aber vorerst nur von geschultem Personal.

Dabei müssen die Proben nicht extra zur Auswertung ins Labor geschickt zu werden. Solche Antigentests gelten allerdings als nicht so genau wie sonst genutzte PCR-Tests. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) muss ein positives Ergebnis eines Schnelltests daher mit einem PCR-Test bestätigt werden.

Für die Ausweitungspläne muss auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ins Boot. Da die Tests der Pandemiebekämpfung und öffentlichen Gesundheit dienten, seien die Kosten rückwirkend ab 1. Januar aus dem Bundeshaushalt zu tragen, heißt es in einem Entwurf für das Coronakabinett. Angesetzt werden demnach bis zu neun Euro für den Test und weitere neun Euro für die Testabnahme sowie das Ausstell­en eines entsprechenden Zeugnisses.

Auch Laienselbsttests sollten nach der bald erwarteten Zulassung für alle zugänglich werden, erklärte Spahn. Diese Testmöglichkeiten könnten zu einem sicheren Alltag beitragen, gerade auch in Schulen und Kitas. Sein Ressort stehe dazu in Verhandlungen mit verschiedenen Herstellern.

Ziel sei, in Rahmenverträgen Mindestmengen für den deutschen Markt zu sichern, heißt es in dem Minis­teriumspapier. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) liegen demnach eine Reihe von Anträgen auf eine nationale Sonderzulassung vor, über die schnellstmöglich entschieden wer­den solle.

Konkret geht es um frei zu kaufende Tests, die auch von Ungeschulten hinreichend sicher anzuwenden sein sollen. Wenn sie in ausreichender Zahl verfügbar sind, sollen sie als Teil der Teststrategie der Län­der für Kitas und Schulen zum Einsatz kommen können, wie es in dem Entwurf heißt. Zudem sei in der Nationalen Teststrategie des Bundes „ein niedrigschwelliger Zugang“ für alle Bürger sinnvoll. Im Ge­spräch ist „gegebenenfalls eine geringe Eigenbeteiligung“ von einem Euro.

SPD will schon lange mehr Coronaschnelltests

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis hatte erst vor zwei Wochen angeregt, für die Bürger kos­tenfreie Coronaschnelltests in die Stragie der Bundesregierung einzubinden. Heute zeigte sie sich er­freut. Sie sei überzeugt, dass Coronaeigentests ein echter „Game-Changer“ bei der Pandemiebe­käm­pfung werden könnten, wenn sie flächendeckend und massenhaft zur Verfügung gestellt werden könnten.

„Genau das ist jetzt die Aufgabe des Ministers. Er muss Abnahmegarantien mit den Herstellern vereinba­ren, damit die auch einen großen Markt wie Deutschland verlässlich beliefern können und zunächst in allen kritischen Einrichtungen, dann auch in der Breite für jeden diese Tests zur Verfügung stehen“, sagte Mattheis.

Wenn es gelinge, dass sich die Bundesbürger jeden oder jeden zweiten Tag testen würden, könne man damit Infektionsketten unterbrechen. Das zeigten alle bisherigen zu dem Thema veröffentlichten wis­senschaftlichen Untersuchungen.

„Genauso wichtig wie Produktion und Lieferung der Tests ist die Kommunikation“, mahnte Mattheis. „Das heißt, die Bevölkerung braucht einen klaren Leitfaden, wie man mit einem negativen oder einem positi­ven Testergebnis umgeht, Stichwort Zweittest und freiwillige Selbstisolation. Dafür brauche es „glasklare Aufklärung und Informationen“. Die müsse das Ge­sund­heits­mi­nis­terium liefern.

„Den Selbsttests kommt eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung der Pandemie zu. Solange wir nicht ge­nug Impfstoff haben, sind sie die einzige Möglichkeit, Infektionsketten aufzubrechen und damit die Aus­breitung des Virus aufzuhalten“, sagte auch die der stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestags­frak­tion, Bärbel Bas.

Deswegen müssten nach ihrer Zulassung Geld für Bestellung und Bereitstellung der Tests in die Hand genommen werden, um damit schrittweise Öffnungen des gesellschaftlichen Lebens wieder möglich zu machen. Dazu brauche es eine schlüssige, breit angelegte Teststrategie, die der Ge­sund­heits­mi­nis­ter jetzt dringend erarbeiten müsse.

Testvarianten im Überblick

PCR-Tests weisen die RNA von SARS-CoV-2 nach und gelten als das derzeit genaueste verfügbare Verfahren, um eine akute Infektion festzustellen. Mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wird das Erbmaterial des Virus so stark vervielfältigt, dass es im Labor nachgewiesen werden kann, selbst wenn es nur in geringen Mengen vorkommt. Für den Abstrich ist Material aus dem Mund-, Nasen- oder Rachenraum erforderlich, da sich das Virus dort vermehrt. Das Verfahren ist vergleichsweise zeitaufwendig und teuer, gilt wegen der hohen Zuverlässigkeit aber als Referenzmethode.

Antigentests weisen anders als die sehr zuverlässigen PCR-Tests nicht das Erbmaterial des Erregers nach, sondern Proteine aus der Virushülle (Antigene). Auch hier ist ein Abstrich erforderlich. Ist das Virus in der Probe enthalten, reagieren dessen Eiweißbestandteile mit dem Teststreifen, auf dem eine Verfärbung sichtbar wird. Die Tests liefern zwar rasche Ergebnisse, sind günstig und können mittlerweile teils auch von Laien eingesetzt werden. Doch Forscher warnen vor mangelnder Zuverlässigkeit: Ein negatives Ergebnis im Antigentest schließe eine Infektion nicht aus.

Antikörpertests erfassen nicht das Coronavirus selbst, sondern die Reaktion des Immunsystems auf den Erreger. Dringen Viren in den Körper ein, bildet die Immunabwehr Antikörper - allerdings erst nach einiger Zeit. Sind diese im Blut, können sie im Labor nachgewiesen werden. Der Test ist daher weniger zum Nachweis einer akuten, sondern vor allem zum Nachweis früherer Infektionen geeignet. Ob der Betroffene noch infektiös oder gegen eine neuerliche Corona-Infektion ausreichend immun ist, verrät der Test nicht. Zudem schwinden Antikörper mit der Zeit aus dem Körper.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Klaus Reinhardt, warnte heute vor sozialer Ausgrenzung, falls die erwarteten Selbsttests auf SARS-CoV-2 zu teuer würden. Sie müssten nicht nur zuverlässig und einfach handhabbar sein, sondern dürften auch nicht zu Ausgren­zung führen, etwa wenn sie bei der schrittweisen Öffnung von Kulturveranstaltungen und des Freizeit­sports zum Einsatz kämen, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer den Zeitungen der Funke Me­dien­gruppe.

„Voraussetzung dafür ist, dass ausreichend Tests zur Verfügung stehen und dass sie für alle Menschen bezahlbar sind.“ Es dürfe nicht dazu kommen, dass sich Einkommensschwache die Tests nicht leisten könnten. Reinhardt warnte zudem vor einer Scheinsicherheit negativer Testergebnisse, die zu einem sorglosen Umgang mit den Gefahren des Virus verleiten könnten.

Die vor der Zulassung stehenden Coronaschnelltests zur Selbstanwendung sollen nach Ansicht von Bun­desfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) auch in Kitas und Schulen im großen Stil eingesetzt wer­den. „Ich halte das für einen Weg, um die Zeit bis zum Impfen zu überbrücken“, sagte sie bereits gestern. Die Tests könnten helfen, dass wieder mehr Kinder in den Regelbetrieb zurückgebracht werden könnten.

Giffey sprach auch von Spucktests, die sehr einfach zu handhaben seien. Wenn diese stärker angewandt würden, könnten mehr Kinder in den Regelbetrieb zurückkehren. „Es ist eine Perspektive da“, betonte Giffey. Bei den Kindern seien „Risiken und Nebenwirkungen“ der langen Schließungen zu beobachten – wie Vereinsamung, depressive Stimmung und Bewegungsmangel, sagte die Familienministerin weiter. „Deshalb müssen wir alles daran setzen, um zu einem Regelbetrieb zurückzukehren.“ Das müsse aber auch auf sichere Weise geschehen.

Grünen-Chef Robert Habeck sagte in Berlin, die Schnelltests könnten ein wichtiger Bestandteil von Öff­nungs- und Lockerungsstrategien sein. Die Bundesregierung gehe aber zu spät und wenig voraus­schau­end vor. Der Staat solle „aus der nicht glücklich gelaufenen Impfstoffbeschaffung lernen und Abnah­me­garantien geben“. Dann könnten die Tests für Schule, Kitas und andere Bereiche des öffentlichen Lebens zur Verfügung stehen.

Linken-Chefin Katja Kipping erklärte, es sollten alle Möglichkeiten genutzt werden, um mehr Schnell­tests zur Verfügung zu stellen. Sie sprach dabei von einer „steuernden Wirtschaftspolitik“. Wenn etwa die Möglichkeit bestehe, jeden Morgen einen Gurgeltest zu machen, könne mit langsamer Öffnungsstrategie begonnen werden.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium verteidigte heute erneut das Zulassungsverfahren für die Schnell­tests zur Selbst­an­­wendung. Deutschland mache es anders als Österreich, wo nur den Angaben der Her­steller gefolgt werde, sagte Ministeriumssprecher Hanno Kautz. Mit der Zulassung der Schnelltests wer­de nicht vor März gerechnet.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurden fast 30 ent­spre­chende Zulassungsanträge gestellt. Nach Angaben des Verbandes der Diagnostica-Industrie haben die ersten Produkte bereits das Prüfverfahren durchlaufen und sind in Kürze lieferfähig.

Der Berufsverbandes Deutscher Laborärzte (BDL) warnte heute unterdessen erneut vor dem Einsatz un­geprüfter Selbsttests. „Wo immer Schnelltests nicht durch Wissenschaftler extern überprüft, sondern nur anhand der Hersteller­angaben bewertet und gelistet werden, gehen die Testpersonen und ihre Mitmen­schen erhebliche Risiken ein“, erklärte BDL-Chef Andreas Bobrowski. Er vermisse eine seriöse Aufklärung über diese Risiken.

Die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) wiesen heute darauf hin, dass insbesondere im Hinblick auf eine gute Einschätzung der Gesamtlage in Bezug auf SARS-CoV-2 ein differenzierter Blick auch auf die Antigentests nötig ist.

„Wir haben leider immer noch kein klares Bild davon, wie viele Tests derzeit durchgeführt werden und wie viele davon positiv ausfallen“, sagte der ALM-Vorstandsmitglied Evangelos Kotsopoulos. Positive Tests seien entsprechend den RKI-Empfehlungen stets mit einer PCR zu bestätigen und zu melden. Wür­den diese Daten nicht in die Teststatistik einfließen und würden positive Tests nicht durch eine PCR be­stätigt, könne man sich auch kein klares Bild von der Verbreitung der Mutationen machen.

Die ALM wies erneut darauf hin, dass es wichtig und richtig sei, bei der Diagnosestellung auf die sichere Testmethode PCR zu setzen und die diagnostisch schwächeren Antigentests, wie fachlich empfohlen, bei der Serientestung asymptomatischer Personen einzusetzen.

„Wenn wir mehr Freiheit und Sicherheit wollen, dann sollten wir die verfügbaren Tests entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit einsetzen: Die PCR für alle diagnostischen Fälle, den Antigentest in dafür geeig­neten Situationen bei Public-Health-Fragestellungen“, sagte der 1. Vorsitzende der ALM, Michael Müller.

Antigentests und Heimtests seien in diesem Zusammenhang als zusätzliche Maßnahme zur Unterstüt­zung der allgemeinen Verhaltensregeln zu sehen und nicht als Möglichkeit zur Freitestung und damit verbundener Lockerung von Maßnahmen. © dpa/afp/mamy/nec/aerzteblatt.de

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BB-DD
am Dienstag, 16. Februar 2021, 19:58

Unverständlich

Es ist nicht nachzuvollziehen, wie man angesichts der katastrophalen Gütewerte - und da meine ich nicht die Sensitivität - überhaupt Schnelltests in millionenfachem Umfang insbesondere dort einsetzen möchte, wo sie am wenigsten geeignet sind - bei asymptomatischen Personen in einer Bevölkerung mit sehr niedriger Prävalenz (RKI-Übersicht - 5/10'000 = 50/100000, also shon Risikogebiet). Nehmen wir die optimistische Schätzung der Gütewerte des RKI von 80% Sensitivität und 98 % Spezifität, dann haben wir bei "nur" 1 Mio. Tests täglich je 20'000 Menschen, die sich absondern und PCR-testen lassen gehen, weil der Antigentest falsch positiv war. Konkreter Fall: gestern, am ersten ordentlichen Schultag in Sachsen lassen sich Lehrer einer Schule testen: 2 positive Resultate, die sich später als PCR-negativ erweisen (bei vielleicht 10 getesteten). 2 fehlende Lehrer, Klassen dürfen nicht gemischt werden, Chaos pur. Die Wahrscheinlichkeit, dass 2 falsch-positive hintereinander auftreten wäre nach RKI bei 98 % Spezifität wohl sehr gering im Bereich eines Lottovierers. Folglich ist entweder die Spezifität gruselig oder der Testende hat Fehler gemacht. Auf beides weist offenbar die FDA in den USA hin (https://www.pharmazeutische-zeitung.de/fda-warnt-vor-falsch-positiven-corona-schnelltests-121603/), warum nicht das RKI? Selbst der BDL findet offenbar kein Gehör. Und wie können sich ALM-Vertreter derart realitätsfern äußern? Des Weiteren wurde doch hier schon mehrfach festgestellt, dass bei niedriger Viruslast die Tests ohnehin nur wenig sensitiv sind. Was also soll der Unsinn? Aber Hauptsache, alle sind sich einig, dass wir das so machen müssen.
Wenn mit den Tests gearbeitet wird, dann müssten wenigstens immer zwei kombiniert werden. Und nur falls die beide positiv sind, muss ein PCR-Test her, denn nur in diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass man tatsächlich etwas hat. Alles andere ergibt noch weniger Sinn als die Testerei außerhalb der reinen klinischen Diagnose sowieso schon.
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