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Sepsis: Frühe Erkennung soll Überleben verbessern

Dienstag, 16. Februar 2021

Ei­ne Sepsis ist meist bakteri­ell bedingt. Es kommt zu einer komple­xen systemischen Ent­zün­dungs­re­ak­ti­on (SIRS), die die Vital­funktionen gefährdet. /Kateryna Kon, stock.adobe.com

Berlin – Alle sieben Minuten stirbt ein Mensch in Deutschland an einer Sepsis. Jede halbe Stunde könnte ein Tod vermieden werden, wenn die Bevölkerung und die Gesundheitsberufe besser über die Erkran­kung Bescheid wüssten. Diese Aufklärungsarbeit will die neue Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ vorantreiben, die heute vorgestellt wurde.

„Jeder weiß, Krebs ist eine Zellentartung. Jeder weiß, AIDS ist eine Immunschwäche. Aber niemand weiß, warum Sepsis so gefährlich ist“, sagte Konrad Reinhart, Vorstandsvorsitzender der Sepsis Stiftung, zum Start der Kampagne. Dabei ist die Sepsis, als zeitkritischer medizinischer Notfall, die dritthäufigste Todesursache in Deutschland.

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Mehr als 300.000 Menschen erkranken hierzulande jedes Jahr an dieser Maximalform einer Entzündung. Jährlich sterben schätzungsweise 75.000 Menschen an der als Blutvergiftung bekannten Krankheit. Doch bis zu 20.000 dieser Todesfälle könnten durch frühzeitige Erkennung, Präventionsmaßnahmen und bessere Behandlung vermieden werden, schrieben die fünf Organisatoren.

Neben der Sepsis Stiftung sind auch die Deutsche Sepsis Hilfe, das Projekt Sepsisdialog der Uniklinik Greifswald und das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) bei der Kampagne involviert. Schirmherrin ist die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke (CDU).

„Wenn hohes Fieber mit Verwirrtheit, Desorientierung oder Persönlichkeitsveränderungen und extremem Krankheitsgefühl zusammenkommen, dann muss so schnell wie möglich die Frage gestellt werden: Könnte es Sepsis sein?“, erklärte die Anästhesistin und Beauftragte für Patientensicherheit an der Univer­sitäts­medizin Essen, Ruth Hecker. Sie ist auch Vorsitzende des APS und Initiatorin der Kampagne.

Die Symptome einer Sepsis sollten ihrer Ansicht nach in der breiten Bevölkerung ebenso gut bekannt werden, wie die Warnzeichen eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls. Auch müsste die Erkrankung unter medizinischem Personal sowie in den Leitstellen der Rettungsdienste bekannter werden.

Oft seien es Alltagssituationen, wie eine verdreckte Schürfwunde oder eine verschleppte Grippe, die unbehandelt eine Sepsis hervorrufen. „Nahezu jede Infektionskrankheit und fast jeder Krankheitserreger kann zur Sepsis führen“, sagte Konrad Reinhart. „Sepsis kann nicht nur von Bakterien, sondern auch von Viren und Pilzen ausgelöst werden“, erklärte der Anästhesist und Intensivmediziner.

Zudem tragen mehr als drei Viertel der Überlebenden dauerhafte Schäden davon. „Mehr als 30 Prozent der Überlebenden werden sogar Pflegefälle“, sagte Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen (vdek). Der Verband gehe von jährlich mehreren Milliarden Euro Behandlungskosten aus. „Würden Sepsisfälle früher und besser erkannt, ließe sich viel Leid vermeiden und wir könnten viel Geld einsparen, um es für Behandlungen an anderer Stelle einzusetzen“, so Elsner weiter.

Vier Ziele zur besseren Sepsis-Erkennung

Um die Früherkennung der Sepsis zu verbessern, haben die fünf Partnerorganisationen vier politische Ziele formuliert.

Zum einen müsse das Bewusstsein der Bevölkerung geschärft werden, dass bei einer Sepsis jede Minute bis zur Behandlung zählt, damit bei Verdacht auf eine Sepsis unverzüglich die 112 gerufen wird. Darüber hinaus könnten hohe Impfraten, beispielsweise gegen Pneumokokken, den häufigsten Erreger von Lungenentzündungen (Pneumonien), bei der Prävention helfen.

Des Weiteren solle die Sepsis verstärkt in der Aus- und Weiterbildung aller Gesundheitsberufe behandelt werden. Praxispersonal, Apotheken oder der Rettungsdienst seien oft die ersten Anlaufstellen für Betrof­fene. Sie müssten daher besser darin geschult werden, eine Sepsis zu erkennen um sie als Differenzial­diagnose einbeziehen zu können.

Dafür brauche es „eine umfassende kontinuierliche Sepsis-Schulung des medizinischen Personals in allen Sektoren des Gesundheitswesens“, sagte Matthias Gründling, Leiter des Qualitätsmanagement­projektes Sepsisdialog an der Universitätsklinik Greifswald. Seinen Erfahrungen nach bieten zudem speziell geschulte Sepsis-Pflegekräfte oder sogenannte Rapid-Response Teams den Kliniken großes Verbesserungspotential.

Drittens müsse auch die Diagnostikinfrastruktur in den Krankenhäusern vorhanden sein. Denn bei Sepsis-Verdacht sollen schnellstmöglich Blutkulturen abgenommen und in einem Labor analysiert werden. Diese Untersuchung müsse, wie für jeden Notfall üblich, Tag und Nacht jederzeit durchführbar sein. „Das müsste Standard in allen Klinken werden“, meinte Gründling.

Als viertes Ziel sprachen sich die Organisationen für eine genauere Erfassung der Sepsisfälle in Deutsch­land aus. Hier gebe es bislang eine Untererfassung, weil nicht jeder Fall als Sepsis, sondern teilweise als die auslösende Infektion kodiert werde.

Unter den Unterstützern der Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ findet sich beispielsweise der Deutsche Pflegerat. Den Start der Kampagne habe der vdek finanziert, künftig sollen Spenden gesam­melt werden. Zu den bisherigen Spendern gehören die Klinikkette Asklepios, der Medizintechnik-Konzern Becton Dickinson, das Pharma-Unternehmen MSD Sharp und Dohme sowie der BKK Dach­verband.

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hatte im Januar 2019 das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) beauftragt, eine Konzeptstudie für ein Qualitätssicherungs­verfahren zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Sepsis zu erstellen. © jff/aerzteblatt.de

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