NewsMedizin„Neandertaler-Gen“ führt zu milderem Verlauf von COVID-19
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

„Neandertaler-Gen“ führt zu milderem Verlauf von COVID-19

Mittwoch, 17. Februar 2021

/procy_ab, stock.adobe.com

Leipzig – Eine Genvariante auf dem Chromosom 12, die die Immunabwehr von RNA-Viren wie SARS-CoV-2 erleichtert, lässt sich nach einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS, 2021; DOI: 10.1073/pnas.2026309118) auf den Homo neandertalensis zurückführen.

Die Übernahme der Gene erfolgte vor etwa 60.000 Jahren und hat sich seit der Eiszeit als so vorteilhaft für seine neuen Träger erwiesen, dass in Eurasien heute etwa 30 % der Bevölkerung die protektive Genvariante besitzt.

Anzeige

Die Sequenzierung des Erbguts von Menschen aus der Vorzeit hat gezeigt, dass Homo sapiens und Homo neandertalensis über Zehntausende von Jahren nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander lebten. Es kam zum Austausch von Genen, von denen offenbar nur der Homo sapiens profitierte. Sein enger Verwandter starb vor etwa 40.000 Jahren aus.

Viele der Gene, die beim Homo sapiens überlebten, betrafen die Immunabwehr. Paläontologen vermu­ten, dass der Homo neandertalensis, der schon früher in Eurasien sesshaft war, sich bereits besser auf die Umgebung eingestellt hatte, als der später eintreffende Homo sapiens. Dieser Vorteil betraf unter anderem die Fähigkeit des angeborenen Immunsystems, Krankheitserreger abzuwehren.

Zu diesen Krankheitserregern dürften auch RNA-Viren gehört haben, die in der Natur weit verbreitet sind. Das Immunsystem hat verschiedene Abwehrmöglichkeiten entwickelt, um sich gegen RNA-Viren zu wehren.

Eine besteht in der Aktivierung von 3 Oligoadenylatsynthetasen (OAS), die den Abbau von RNA durch das Enzym RNase L einleitet. Bei einer Virusinfektion werden die OAS durch Interferone aktiviert. In einem der 3 Gene für OAS gibt es eine Variante „rs10774671“, die die Bereitstellung des Enzyms verbessert. Frühere Studien hatten gezeigt, dass „rs10774671“ zu den Varianten gehört, die der Homo sapiens vom Homo neandertalensis übernommen hat.

Hugo Zeberg und Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben jetzt ermittelt, dass die Träger von „rs10774671“ im Fall einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu 22 % seltener auf einer Intensivstation behandelt werden müssen (Odds Ratio 0,78: 0,71 bis 0,85). Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass „rs10774671“ auch vor schweren Erkrankungen durch das West-Nil-Virus (Odds Ratio 0,63; 0,5 bis 0,83) und das Hepatitis-C-Virus schützt, die ebenfalls zu den RNA-Viren gehören.

Die Variante „rs10774671“ bot deshalb in der Vergangenheit einen Selektionsvorteil. Ihre Träger konnten sich eher vermehren, weshalb die Häufigkeit von „rs10774671“ im Laufe der Zeit zugenommen hat.

Zeberg und Pääbo fanden durch die Analyse einer Genomdatenbank heraus, dass die Variante vor 20.000 Jahren bei weniger als 10 % der Menschen vorhanden war. In den folgenden 10.000 Jahren stieg die Häufigkeit auf etwa 15 %. Vor 3.000 bis 1.000 Jahren hatten fast 20 % die Variante. In Eurasien und Japan sind es heute sogar 30 % aller Menschen. Ob die Häufigkeit nach der derzeitigen Pandemie weiter ansteigt, bleibt abzuwarten (es hängt davon ab, wie viele Menschen in jüngerem Alter sterben, bevor sie Kinder haben könnten).

Nicht alle Neandertalergene haben den Menschen gut auf COVID-19 vorbereitet. Im letzten Jahr hatten Zeberg und Pääbo herausgefunden, dass eine andere Genvariante, die das Risiko auf einen schweren Verlauf von COVID-19 erhöht, auch von den Neandertalern übernommen wurde.

Die Variante „rs11385949“ auf dem Chromosom 3 verstärkt nach einer aktuellen Studie im Journal of Autoimmunity (2021; DOI: 10.1016/j.jaut.2021.102595) die Aktivität des Complementsystems. Die Folge könnte eine erhöhte Neigung zu Thrombosen sein, die eine häufige Todesursache bei COVID-19 sind. © rme/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #880390
Mammalina
am Freitag, 16. April 2021, 21:13

Ja, das frage ich mich auch

... absolut widersprüchliche Aussagen... Das zum Thema "wissenschaftlich". Wie man es dreht und wendet, ändert sich das Ergebnis.
Avatar #666661
Koschi
am Freitag, 16. April 2021, 11:15

Die schöne Welt der Publikationen

Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!
Ich mach' mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt ....

Danke an @mkohlhass für das aufmerksame Lesen!
Avatar #103574
mkohlhaas
am Donnerstag, 15. April 2021, 22:54

Was stimmt den jetzt

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/116990/Neandertaler-Gene-erhoehen-Risiko-fuer-schweren-Coronaverlauf
LNS
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER