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Politik

„In der Forschung und Translation von CRISPR/Cas hat Deutschland noch ordentlich Luft nach oben“

Samstag, 27. Februar 2021

Berlin – Deutschland ist bezüglich der CRISPR/Cas-Forschung international führend, hat aber deutliche Defizite bei der Anwendung und Kommerzialisierung der Genschere. Zu diesem Fazit kommt die Exper­ten­­kommission Forschung und Innovation (EFI) in ihren diesjährigen Jahresgutachten, das sie am 24. Februar virtuell an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übergab.

Darin beschreiben die Experten, die seit 2008 die Bundesregierung wissenschaftlich beraten sowie die Stärken und die Schwächen des deutschen Innovationssystems im internationalen und im zeitlichen Ver­gleich aufzeigen, in diesem Jahr als eines ihrer drei Schwerpunktthemen die Bedeutung der Gen­schere CRISPR/Cas in der Medizin.

Über das „ungehobene“ Potenzial bezüglich CRISPR/Cas und den Einfluss der Pandemie auf Innova­tio­nen im Bereich der Medizin sprach das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) mit dem Vorsitzenden der Experten­kom­mission Forschung und Innovation, Uwe Cantner von der Universität Jena.

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5 Fragen an Uwe Cantner, Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der Bundesregierung

DÄ: Herr Professor Cantner, das Gutachten der Expertenkommis­sion verdeutlicht, dass es weiterer Anstrengungen bedarf, um die mit CRISPR/Cas verbundenen Potenziale zu erschließen. Ist Deutschland dafür in der internationalen Forschungslandschaft gut aufgestellt?
Uwe Cantner: In der Forschung zu CRISPR/Cas steht Deutschland im internationalen Vergleich nach der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen recht gut da und hat im Wesentlichen nur die USA und China vor sich.

Geht man nach dem Anteil qualitativ hochwertiger Publikationen, rangiert es eher im Mittel­feld. Nimmt man dieses Ranking als Grad­messer für die Kompetenzen zur weiteren Entwicklung von CRISPR/Cas, dann kann Deutschland hierbei durchaus ein gutes Wort mitreden.

DÄ: Wie sieht es bezüglich der Weiterentwicklung und der Anwen­dung der CRISPR/Cas-Technologien in der Medizin aus? Kann Deutschland auch bei der Translation der Forschungsergebnisse mithalten?
Cantner: Bei der Weiterentwicklung der Erkenntnisse zu CRISPR/Cas aus der Wissenschaft in den Bereich der Anwendung fällt Deutschland im internationalen Vergleich zurück. Bei den Patenten liegt es nun auch hinter Ländern wie Südkorea, der Schweiz, Japan und Großbritannien zurück, die bei Publikationen zum Teil deutlich hinter Deutschland rangieren. Dies deutet auf Probleme bei der Translation hin.

Dieses Problem verstärkt sich noch, da Deutschland auch auf der weiteren Anwendungsstrecke mit der Anzahl der klinischen Studien international nicht mithalten kann. Bei der Kommerzialisierung von CRIS­PR/Cas durch deutsche Unternehmen fällt auf, dass es sich hierbei eher um Großunternehmen handelt, während in den USA überwiegend junge, neugegründete Unternehmen diese Aufgabe über­nehmen.

DÄ: Sind aus Ihrer Sicht hierzulande die administrativen Hürden zu hoch? Wo hakt es konkret?
Cantner: Komplexe und oft kleinteilige Antragsverfahren zur Anzeige, Anmeldung und Genehmigung medizinischer Grundlagenforschung und präklinischer Forschung mit gentechnisch veränderten Orga­nismen bauen nicht unerhebliche bürokratische und regulatorische Hürden für Forscherinnen und For­scher auf.

Auch für klinische Studien zeichnen sich die Genehmigungsverfahren in Deutschland im Vergleich zu an­deren Ländern durch hohen administrativen Aufwand, eine aufwendigere Art der Anmeldung und länge­re Verfahrensfristen aus. Darunter leidet der Standort Deutschland für diese Art der Forschung und der Umsetzung unmittelbar. Er verliert an Attraktivität.

DÄ: Das Bun­des­for­schungs­minis­terium beziehungsweise die Bundesregierung fördern einige Projekte zu CRISPR/Cas. Reicht das aus?
Cantner: Sowohl in der Forschung und vielmehr noch in der Translation von CRISPR/Cas hat Deutschland noch ordentlich Luft nach oben. Da CRISPR/Cas hohe wissenschaftliche wie auch wertschöpfungs­orientierte Potenziale aufweist, sollte verhindert werden, dass Deutschland hier zurückfällt. Dies gelingt über weitere Fördermaßnahmen für die Spitzenforschung zu CRISPR/Cas sowie auch Maßnahmen zur Verbesserung der Bedingungen bei der Translation.

DÄ: Die Coronapandemie trifft die Wirtschaft gerade hart. Welche Auswirkungen hat das auf Forschung und Innovation in der Medizin für die nächsten Jahre?
Cantner: Die Coronapandemie hat durchaus Defizite bei der im Wesentlichen privatwirtschaftlich orga­ni­sierten Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen offengelegt. Der hohe Konzentrations­grad der pharmazeutischen Industrie weltweit, deren tendenziell mehr am ökonomischen Profit als am Allge­mein­wohl ausgerichtete Forschungs- und Innovationstätigkeit sowie die sich daraus ergebende schlichte Vernachlässigung von Krankheiten und eben auch von Impfstoffen werden in den Diskussionen mehr und mehr hochgespült.

Man könnte meinen, dass die jüngsten Erfolge bei der Entwicklung von Coronaimpfstoffen diese kriti­schen Stimmen verstummen lassen. Man sollte aber sehen, dass erst die schnelle und intensive öffent­liche Förderung massiv dazu beigetragen hat, in relativ kurzer Zeit Impfstoffe auf den Markt zu bringen. Die Leistungsstärke der pharmazeutischen Industrie musste also erst angeschoben werden.

Zusätzlich wäre hier zu untersuchen, inwieweit eine Förderung schon vor der Pandemie diese Schnellig­keit befördert hat – wie etwa im Fall von Biontech. Trotz dieser sehr begrüßenswerten Erfolge: auf Basis dieser Coronaerfahrungen wird die Diskussion um die Strukturen der medizinischen und pharmazeu­ti­schen Forschung und der pharmazeutischen Industrie sicherlich verstärkt geführt werden. Man kann durchaus erwarten, dass es infolge der Pandemie zu einer Stärkung der öffentlich finanzierten und orga­nisierten Forschung an Universitätskliniken und anderen öffentlichen Forschungseinrichtungen kommen wird.

Nicht nur, dass man sich dort insbesondere um die Medikamentenentwicklung für vernachlässigte und seltene Krankheiten und die Entwicklung von Impfstoffen kümmern wird, die öffentliche organisierte Forschung wird darüber hinaus auch besser in der Lage sein, für den Notfall – etwa weiterer Pandemien – entsprechende Forschungskapazitäten vorzuhalten und in den eher präventiven Bereich zu gehen.

Diese Strukturen unterstützend kann man sich zusätzlich Einrichtungen vorstellen, die gerade im Krisen­fall ein schnelles Hochfahren der Wirkstoffforschung und -entwicklung sowie Beschaffung von Medika­menten und Impfstoffen über Forschungseinrichtungen und Unternehmen im Pharma- und Medizin­be­reich hinweg koordiniert, angelehnt an die BARDA (Biomedical Advanced Research and Development Agency) in den USA. © ER/aerzteblatt.de

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