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Medizin

Adipositas: Diabetesmittel Semaglutid erzielt deutliche Gewichtsreduktion bei Nichtdiabetikern

Mittwoch, 24. Februar 2021

/dpa

Chicago – Die 1 Mal wöchentliche subkutane Injektion des GLP-1-Agonisten Semaglutid, der zur Behand­lung des Typ-2-Diabetes zugelassen ist, hat in einer randomisierten kontrollierten Studie bei übergewichtigen und adipösen Nichtdiabetikern das Körpergewicht deutlich gesenkt.

Nach den im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2032183) vorgestellten Ergebnissen schafften mehr als 70 % die empfohlene Gewichtsreduktion um mehr als 10 %, was sich günstig auf die kardiometabolischen Risikofaktoren und die Lebensqualität ausgewirkt hat.

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Die Adipositas ist zu einem globalen Gesundheitsproblem geworden. In Deutschland hat 1/4 der Erwachsenen einen Body-Mass-Index (BMI) von 30 kg/m2 oder mehr. In den USA sind es mehr als 1/3 mit steigender Tendenz. Die Adipositas kann zu Insulinresistenz, Bluthochdruck und Dyslipidämie führen. Sie ist mit Komplikationen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und nichtalkoholischen Fett­lebererkrankungen verbunden – und sie vermindert die Lebenserwartung.

Die meisten Diäten scheitern, eine professionelle Ernährungsberatung wird von den meisten Betroffenen nicht angenommen, da sie ihre langjährigen Essgewohnheiten nicht ändern wollen.

Medikamentöse Hilfen haben sich in der Vergangenheit wiederholt als riskant erwiesen. Amphetamine wurden wegen des Suchtrisikos, Fenfluramin wegen einer Herztoxizität und zuletzt Lorcaserin wegen eines erhöhten Krebsrisikos vom Markt genommen.

In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die zur Behandlung des Typ-2-Diabetes eingeführten GLP-1-Agonisten und SGLT-2-Hemmer das Körpergewicht senken. Zuerst wurde dies als günstiger Nebeneffekt in der Behandlung der meist übergewichtigen Typ-2-Diabetiker gesehen. Inzwischen lassen die Herstel­ler die Wirkung auch bei Nicht-(oder Noch-Nicht-)Diabetikern klinisch testen. Der GLP-1-Agonist Lira­glutid des Herstellers Novo Nordisk ist in dieser Indikation bereits zugelassen.

Jetzt stellt Novo Nordisk die Ergebnisse einer Studie zu dem GLP-1-Agonisten Semaglutid vor. Liraglutid hat gegenüber Semaglutid den Vorteil, dass es statt 1 Mal täglich nur 1 Mal in der Woche subkutan injiziert werden muss, was bei der Indikation Adipositas die Akzeptanz erhöhen dürfte.

Die Wirkung von Semaglutid könnte sogar besser sein als von Liraglutid (auch wenn Vergleiche aus verschiedenen Studien fragwürdig sind): Liraglutid hatte in der SCALE-Studie (in einer durchaus vergleich­baren Patientengruppe) das Körpergewicht nach 56 Wochen um im Mittel 8,4 kg gesenkt (gegenüber 2,8 kg in der Placebogruppe). Semaglutid reduzierte das Körpergewicht jetzt im Mittel um 15,3 kg (gegenüber 2,6 kg in der Placebogruppe).

An der STEP 1-Studie („Semaglutide Treatment Effect in People with Obesity“) nahmen an 129 Stand­orten in 16 Ländern (mit deutscher Beteiligung) 1.961 Erwachsene teil. Der durchschnittliche BMI betrug zu Beginn 37,9 kg/m2, das mittlere Körpergewicht 105,3 kg und der mittlere Taillenumfang 114,7 cm. Fast die Hälfte (43,7 %) hatte einen Prädiabetes, 3/4 (75 %) mindestens eine Begleiterkrankung.

Die Teilnehmer wurden im Verhältnis 2 zu 1 auf wöchentliche subkutane Injektionen von Semaglutid oder Placebo randomisiert, die sie sich selbst mit einem Pen applizierten. Die Anfangsdosis betrug in den ersten 4 Wochen 0,25 mg und sollte dann soweit verträglich bis zur Woche 16 auf 2,4 mg gesteigert werden.

Alle Teilnehmer erhielten parallel eine Lebensstilintervention bestehend aus 17 monatlichen indivi­duellen Beratungsgesprächen, in denen sie Teilnehmer wurden, ein Kaloriendefizit von 500 Kalorien/Tag einzuhalten und sich mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich zu betätigen. Diät und Bewegung sollten sie täglich in einem Tagebuch oder einer App protokollieren.

Die Lebensstilintervention allein erzielte nur eine begrenzte Wirkung. Die Teilnehmer verloren in der Placebogruppe bis zum Ende der Studie in der Woche 68 nur 2,4 % an Körpergewicht gegenüber einer Reduktion um 14,9 % in der Semaglutidgruppe. Die Differenz von 12,4 Prozentpunkten war nach den Berechnungen des Teams um Robert Kushner von der Northwestern University in Chicago mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 11,5 bis 13,4 Prozentpunkten hoch signifikant.

In der Semaglutidgruppe nahmen 86,4 % der Teilnehmer mehr als 5 % ab gegenüber 31,5 % in der Placebogruppe. Einen Rückgang um 10 % oder mehr schafften 69,1 % versus 12,0 %, und 50,5 % versus 4,9 % schafften sogar eine Gewichtsabnahme um 15 % oder mehr.

Die durchschnittliche Gewichtsabnahme betrug wie erwähnt 15,3 kg versus 2,6 kg in der Placebogruppe. Der Taillenumfang nahm um 13,54 (versus 4,13 cm) ab.

Die Gewichtsabnahme wirkte sich günstig auf die kardiovaskulären Risikofaktoren aus. Von den Patienten mit Prädiabetes erreichten 84,1 % normale Blutzuckerwerte (gegenüber 47,8 % in der Placebo­gruppe).

Weitere Vorteile waren ein stärkerer Rückgang im Langzeitblutzucker HbA1c, im C-reaktiven Protein, bei den Lipidwerten sowie in der körperlichen Funktion im SF-36-Fragebogen und im IWQOL-Lite-Frage­bogens zur Lebensqualität.

Die Behandlung mit Semaglutid blieb jedoch nicht ohne Nebenwirkungen. Am häufigsten waren gastrointestinale Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, die bei 4,5 % (versus 0,8 %) auftra­ten und der häufigste Grund für einen Abbruch der Behandlung waren. Insgesamt 7,0 % (versus 3,1 %) beendeten die Studie vorzeitig.

Bei 2,6 % (versus 1,2 %) kam es zu Gallenproblemen (hauptsächlich Cholelithiasis), die als Folge einer raschen Gewichtsabnahme auftreten können. Bei 3 Teilnehmern der Semaglutidgruppe wurde eine leichte akute Pankreatitis (gemäß der Atlanta-Klassifikation) diagnostiziert: 1 Teilnehmer hatte eine akute Pankreatitis in der Vorgeschichte, bei den beiden anderen Teilnehmern könnten Gallensteine der Auslöser gewesen sein.

Julie Ingelfinger von der Tufts University School of Medicine in Boston weist im Editorial darauf hin, dass unter einer oralen Behandlung mit Semaglutid eine Pankreatitis beobachtet werden kann und in den präklinischen Studien bei Nagetieren C-Zell-Tumore in der Schilddrüse aufgetreten sind. Semaglutid ist bei Personen mit multipler endokriner Neoplasie vom Typ 1 kontraindiziert. In der Studie gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen und der Inzidenz von gutartigen und bösartigen Neubil­dungen.

Der Hersteller dürfte aufgrund der Ergebnisse der STEP 1-Studie (und 3 weiterer abgeschlossener Studien) gute Chancen auf eine Zulassungserweiterung haben, die er im Dezember bei der US-ameri­kanischen FDA und der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA beantragt hat.

In der laufenden SELECT-Studie („Semaglutide Effects on Heart Disease and Stroke in Patients With Overweight or Obesity“) lässt der Hersteller derzeit prüfen, ob die Behandlung langfristig auch die Rate von kardiovaskulären Ergebnissen senkt. © rme/aerzteblatt.de

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