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Medizin

Ernährung: Glykämischer Index fördert Herz-Kreislauf-Erkran­kungen oder Tod

Montag, 19. April 2021

Für die Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen stehen diverse Risikorechner zur Auswahl. /freshidea stock.adobe.com

Toronto – Ein hoher glykämischer Index, der anzeigt, wie schnell die Kohlenhydrate aus der Nahrung den Blutzucker ansteigen lassen, war in einer weltweiten Beobachtungsstudie mit einer Zunahme des kardiovaskulären Erkrankungs- und Sterberisikos verbunden.

Am stärksten gefährdet sind laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2007123) Personen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen oder mit einer Adipositas.

Der glykämische Index wurde vor 40 Jahren David Jenkins, einem Ernährungswissenschaftler an der Universität Toronto, vorgeschlagen worden, um die Belastung des Stoffwechsels durch Mahlzeiten mit einem hohen Kohlenhydratanteil zu bewerten.

Der glykämische Index wird durch die wiederholte Messung des Blutzuckers nach dem Verzehr von Nahrungsmitteln mit einem Gehalt von 50 Gramm Kohlenhydraten bestimmt. Die Blutzuckerwerte werden über einen Zeitraum von 2 Stunden auf einer Kurve eingetragen und die Fläche unter der Kurve, also das Integral, gemessen. Als Referenzwert fungiert das Integral nach dem Verzehr von 50 Gramm Traubenzucker, der als 100 gesetzt wird. Bezogen darauf haben andere Nahrungsmittel einen niedrigen glykämischen Index.

Am niedrigsten ist er bei Milchprodukten (38), Hülsenfrüchten (42) und Gemüse (54). Obstsäfte (68) und Obst (69) haben bereits höhere Werte. Am höchsten ist der glykämische Index bei zuckerhaltigen Süß­getränken (87) und bei Kuchen und anderen Produkten mit einem hohen Anteil an raffinierten Kohlen­hydraten (93), wobei die Werte unter den einzelnen Nahrungsmitteln in Gruppen stark schwanken können.

Die PURE-Studie („Prospective Urban and Rural Epidemiology“) bot erstmals die Möglichkeit, den Einfluss des glykämischen Indexes auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit auf weltweiter Basis zu unter­suchen. Die Studie hat seit 2002 in 20 Ländern auf 5 Kontinenten die Ernährungsgewohnheiten von fast 140.000 Erwachsenen im Alter von 35 bis 70 Jahren mit Fragebögen ermittelt, die zwischen 98 und 220 Nahrungsmittel umfassten, die in den jeweiligen Ländern am meisten verbreitet sind.

Die Teilnehmer wurde befragt, wie häufig sie die einzelnen Nahrungsmittel am Tag verzehren. Aus den Angaben konnte Jenkins jetzt zusammen mit Wissenschaftlern des „Population Health Research Institute“ und der McMaster Universität in Hamilton/Ontario den durchschnittlichen glykämischen Index errechnen und diesen dann mit der Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Todesfälle in Beziehung setzen.

Während einer Nachbeobachtungszeit von 9,5 Jahren sind 8.780 Teilnehmer gestorben (davon 3.229 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Insgesamt 8.252 Teilnehmer sind an Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer Herzinsuffizienz erkrankt. Am häufigsten betroffen waren die Teilnehmer, die bei der Eingangsbefragung den höchsten glykämischen Index angegeben hatten.

Für das Fünftel (Quintil) der Menschen mit dem höchsten glykämischen Index ermittelten Jenkins und Mitarbeiter eine Hazard Ratio von 1,25, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,15 bis 1,37 statistisch signifikant war. Diese Personen hatten demnach ein um 25 % höheres Risiko, innerhalb von weniger als 10 Jahren einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz zu erleiden oder zu sterben als das Quintil mit dem niedrigsten glykämischen Index.

Am stärksten gefährdet waren die Personen, die schon bei der Befragung unter Herz-Kreislauf-Erkran­kun­gen gelitten hatten. Die Hazard Ratio betrug hier 1,51 (1,25 bis 1,82). Doch auch bei Personen ohne kardiovaskulären Vorerkrankungen war das Risiko mit einer Hazard Ratio von 1,21 (1,11 bis 1,34) signifikant erhöht.

Auch Übergewicht kann das Risiko zusätzlich steigern. Für Personen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 kg/m2 oder höher ermittelten Jenkins und Mitarbeiter eine Hazard Ratio von 1,38 (1,22 bis 1,55) für das Quintil mit dem höchsten glykämischen Index. Für Menschen mit Normalgewicht (BMI unter 25 kg/m2) war das kardiovaskuläre Risiko mit einer Hazard Ratio von 1,14 (1,00 bis 1,30) nicht so deutlich erhöht.

Dass übergewichtige Menschen stärker gefährdet sind, lässt sich plausibel mit der in dieser Gruppe häufigen Insulin-Resistenz erklären. Die schlechtere Wirkung des Hormons führt dazu, dass die Blut­zucker­werte stärker ansteigen, was die glykämische Last dieser Personen erhöht.

Von den verschiedenen Regionen der Erde scheinen die Menschen in China (Hazard Ratio 1,76; 1,23 bis 2,53) und noch mehr im Nahen Osten (Hazard Ratio 3,22; 1,02 bis 10,19) am stärksten gefährdet zu sein. Wohlstand ist ebenfalls mit einem erhöhten Risiko verbunden. Jenkins und Mitarbeiter ermitteln für die Länder mit dem höchsten Einkommen eine Hazard Ratio von 1,93 (1,05 bis 3,53). © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Samstag, 1. Mai 2021, 09:13

Ist die Aufnahme von Vitamin C in die Zellen insulinabhängig?

Insulinresistenz:
Bei der Lektüre der Seite eines Arztes erhielt ich davon Kenntnis, dass um 1972 herum entdeckt worden sei, dass die Insulinresistenz auf Verstopfung der Zellzwischenräume infolge einer über den Bedarf liegenden Eiweißzufuhr beruhe. Die Folge davon sei, dass das Insulin nicht schnell genug an die Zellen herankomme, um diesen zu signalisieren, dass Glucose Einlass begehre.
Glucose und Vitamin C:
Aus der Wikipedia ist zu erfahren, dass zwischen diesen beiden bei der Aufnahme in die Zellen eine Konkurrenzsituation herrsche. Wörtlich: »Dehydroascorbat in das Zellinnere menschlicher Zellen findet mittels dreier Glucosetransporter statt, GLUT-1, GLUT-3 und GLUT-4. Dehydroascorbat konkurriert dabei mit Glucose, sodass ein Übermaß an Glucose effektiv die Aufnahme von DHA verhindern kann.« — Angesicht dieser Tatsache stellt sich die Frage, ob die Aufnahme von Dehydroascorbat in die Zelle ebenfalls insulinabhängig ist.
In dem Artikel https://www.derstandard.at/story/2000048419142/zwoelf-faelle-von-skorbut-in-australien-diagnostiziert ist denn auch der Appell einer Ärztin enthalten, bei Diabetikern deren höheres Skorbutrisiko im Auge zu haben.
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