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Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten eine Psychotherapie

Dienstag, 2. März 2021

/motortion, stock.adobe.com

Berlin – Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland befinden sich in psychotherapeutischer Behandlung. Innerhalb von elf Jahren hat sich die Zahl der jungen Patienten mehr als verdoppelt. Das geht aus dem aktuellen Arztreport der Barmer hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Demnach benötigten im Jahr 2019 rund 823.000 Kinder und Jugendliche psychotherapeutische Hilfe, 104 Prozent mehr als im Jahr 2009.

Als Gründe nennt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, dass psychische Probleme heute insgesamt einen höheren Stellenwert als früher haben. Die Reform der Psychotherapierichtlinie in 2017 erleichterte zudem den Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten. Hinzu komme der Anstieg an Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in den letzten zehn Jahren.

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„Die Coronapandemie samt strikter Kontaktbeschränkungen dürfte dabei die Situation noch weiter ver­schärfen“, sagte Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. Bei den Barmer-versicherten Kin­dern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 24 Jahren seien die Zahlen für die Akutbehandlung so­wie die Anträge für die erstmalige Therapie und deren mögliche Verlängerung in 2020 um sechs Prozent auf mehr als 44.000 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Hohe psychische Belastungen in der Coronapandemie

„Es gibt massive Hinweise dafür, dass die psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie hoch sind und dass die Pandemie besonders bei denjenigen Spuren hinterlässt, die ohnehin schon psychisch angeschlagen sind“, sagte Straub. Dem Arztreport zufolge gab es im 3. und 4. Quartal 2020 bereits 12,6 Prozent mehr Anträge auf eine Richtlinienpsychotherapie. Besonders betroffen sind Jungen im Alter von elf Jahren und Mädchen von 17 Jahren.

2019 haben den Ergebnissen des Arztreports zufolge rund 162.300 Kinder und Jugendliche erstmals eine Richtlinienpsychotherapie erhalten. Die Ursachen dafür seien sehr unterschiedlich: in knapp 37.400 Fällen Reaktionen auf schwere Belastungen, wie beispielsweise Trauererlebnisse und Mobbing, sowie Anpassungsstörungen. Die zweithäufigste Ursache für eine erstmalige Therapie waren dem Report zu­folge Depressionen, und zwar in rund 23.100 Fällen gewesen, gefolgt von emotionalen Störungen im Kindesalter in 22.000 Fällen.

„Psychische Probleme können für Kinder und Jugendliche ernste Folgen haben. Deshalb ist es wichtig, auf ihre Alarmsignale zu achten. Zeitnahe Hilfe und Prävention können viel dazu beitragen, dass psychi­sche Probleme erst gar nicht entstehen oder sich verstetigen und zu einer psychischen Erkrankung füh­ren“, betonte Straub.

Eltern, Bezugspersonen, Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psy­chotherapeuten sollten nach Vorstellungen des Barmer-Vorsitzenden gerade in der Coronapandemie „möglichst eng zusammenarbeiten“. Damit Kinderärzte gezielt auf psychische Auffälligkeiten achteten, habe die Barmer ein Kinder- und Jugend-Programm (KJP) aufgelegt, bei dem derzeit fast 580.000 Kinder und Jugendliche eingeschrieben seien. Das KJP beinhalte mehrere Extra-Vorsorgeuntersuchungen, die über den Leistungen der Regelversorgung lägen.

Berliner Kinder und Jugendliche haben den Höchsten Bedarf an Psychotherapie

Wie aus dem Barmer Arztreport weiter hervorgeht, gibt es deutliche regionale Unterschiede bei der In­anspruchnahme psychotherapeutischer Leistungen. Am größten war im Jahr 2019 demnach der Bedarf in Berlin mit 5,19 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Den geringsten Anteil verzeichnete Mecklenburg-Vorpommern mit 3,33 Prozent aller jungen Menschen. Allerdings war die Steigerungsrate bei der Inanspruchnahme seit dem Jahr 2009 mit 239 Prozent am größten, gefolgt von Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Die niedrigste Steigerungsrate verzeichnete Bremen mit 52 Prozent.

„Psychotherapeutische Leistungen für Kinder und Jugendliche nehmen in allen Bundesländern immer mehr zu. Hier gibt es vor allem in den Bundesländern hohe Steigerungsraten, in denen der Abstand zum Bundesschnitt besonders groß war“, erläuterte Joachim Szecsenyi, Autor des Arztreports und Geschäfts­führer des aQua-Instituts in Göttingen.

Damit seien die regionalen Unterschiede bei der Inanspruch­nahme bis zum Jahr 2019 zwar verringert, aber nach wie vor erheblich und rein medizinisch nicht erklärbar. „Hier sind weitere Analysen erforder­lich“, sagte er.

Immer mehr langfristige Verläufe

Viele junge Menschen leiden Szecsenyi zufolge über Jahre an psychischen Störungen. Dies belege eine Langzeitbetrachtung von Kindern und Jugendlichen, die im Jahr 2014 erstmals eine Psychotherapie er­hal­ten haben und mindestens zwei Jahre zuvor keine anderweitige therapeutische Hilfe benötigten.

So wurde bei mehr als jedem oder jeder dritten Betroffenen bereits fünf Jahre vor Start der Richtlinien­therapie zumindest eine psychische Störung dokumentiert. Nur bei 40,7 Prozent beschränkten sich die Psycho­therapiesitzungen auf maximal ein Jahr, 36,4 Prozent erhielten auch mehr als zwei Jahre nach Start der Be­handlung noch Psychotherapien. Bei 62,5 Prozent aller Betroffenen seien auch noch fünf Jahre nach Start der Psychotherapie psychische Störungen diagnostiziert worden. © PB/aerzteblatt.de

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