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Adipositas und Diabetes als „Zwillingspaar“

Dienstag, 2. März 2021

/Aunging, stock.adobe.com

Berlin – Wer an Adipositas leidet, ist sechs- bis zehnmal so häufig von einem Typ-2-Diabetes betroffen wie ein normalgewichtiger Mensch. Darauf hat Monika Kellerer, Präsidentin der Deutschen Diabetes Ge­sellschaft (DDG), heute hingewiesen. Die ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin I am Ma­rienhospital in Stuttgart bezeichnete Adipositas und Diabetes als „Zwillinge“.

Die Verzahnung der beiden Diagnosen zeigt sich direkt auf metabolischer Ebene in der aktuellen Pande­mie, wie Wolfgang Rathmann, der stellvertretende Direktor des Instituts für Biometrie und Epidemio­lo­gie am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) in Düsseldorf, auf der DDG-Pressekonferenz erläuterte.

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Es sei nicht nur so, dass Diabetespatienten ein höheres Risiko für einen schwereren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung trügen und auch eher daran versterben würden. Dieses höhere Risiko sei unter anderem damit zu erklären, dass Diabeteskranke beispielsweise eher herzkrank oder nierenkrank seien und dies zusätzliche Risikofaktoren für einen problematischen Coronaverlauf darstellt.

Es sei vielmehr auch so, dass bereits allein erhöhte Blutglukosewerte ähnlich ungünstige Effekte im Falle einer COVID-19-Erkrankung hätten – selbst wenn noch kein manifester Diabetes vorliege. Das ist eine Situation, die gerade auf adipöse Patienten häufiger zutrifft.

Eine Metaanalyse aus drei Studien mit Krankenhausdaten aus China habe einen Zusammenhang zwi­schen der Schwere einer COVID-19 Erkran­kung und erhöhten Blutglukosewerten bei Patienten auch ohne bekannten Diabetes nachweisen können (Frontiers of Endocrinology, 2020; DOI: 10.3389/fendo.2020.574541).

COVID-19 Patienten mit bereits prästationär erhöhten Blutglukosewerten von ≥126 mg/dl ohne zuvor bekannten Diabetes hatten ähnlich wie Patienten mit bekannten Diabetes eine ungünstige Prognose der Erkrankung, auch dies zeigt eine Studie aus China (Diabetes, Obesity and Metabolism, 2020; DOI: 10.1111/dom.14086).

Die Evidenz aus randomisierten Studien dafür, dass man mit einer Verbesserung der Glukoseeinstellung auch die COVID-19 Prognose verbessern kann, fehlt jedoch noch. Einen Anhalt für einen problemati­schen Verlauf scheint einer Studie aus Großbritannien zufolge der HbA1c-Wert zu liefern: Bei Men­schen mit Typ-2-Diabetes war das Mortalitätsrisiko für COVID-19 ab einem HbA1c-Wert von 7,5 Prozent erhöht. Es nahm überdies mit steigendem HbA1c-Wert weiter zu (The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2020; DOI: 10.1016/S2213-8587(20)30271-0).

Zwar haben die bisherigen Empfehlungen noch meistens Menschen mit Diabetes im Blick. In einem aktuellen Review von deutschen und US-amerikanischen Forschern wurde indes auch der besondere Betreuungsbedarf von adipösen COVID-19-Patienten -herausgestellt, die noch keinen Diabetes ent­wickelt hatten (Nature Reviews Endocrinology, 2020; DOI: 10.1038/s41574-020-0364-6).

Die dort aufgeführten Vorschläge sind nach der Einschätzung von Rathmann für die Begleitung von ambulanten Patienten mit COVID-19 relevant: Bei Patienten mit Adipositas und metabolischen Störun­gen, zum Beispiel bei Prädiabetes, sei eine genaue Überwachung der klinischen Entwicklung von CO­VID-19 während der akuten Phase der Infektion notwendig, da das Risiko für einen komplizierten Verlauf erhöht ist.

Es sollten Biomarker der Lungen-, Herz-, Leber- und Nierenfunktion sowie der glykämischen Kontrolle frühzeitig im Krankheitsverlauf eingesetzt werden, um das mögliche Fortschreiten der Erkrankung zu überwachen. Er formulierte daher als Fazit: „Ambulante Patienten mit Adipositas und symptomatischer COVID-19 Infektion sollten auch ohne manifesten Diabetes engmaschig – inklusive Glukose – über­wacht werden.“

Kellerer hob auf Bedeutung der Adipositas für die Prävention von Diabetes Typ 2 ab: Ohne Prävention der Adipositas sei diese nicht zu haben. Die Zahl von täglich 1.000 Diabetesneuerkrankungen in Deutsch­land werde nicht zu senken sein, wenn nicht die Zahl der Adipösen vermindert werde. Kellerer warb daher dafür, ein Disease Management Programm (DMP) Adipositas als Teil der Nationalen Diabe­tes­­strategie (NDS) so bald wie möglich zu implementieren.

Die Nationale Diabetesstrategie sei bereits im Sommer 2020 im Bundestag beschlossen worden, nun sollte sie aber auch zügig umgesetzt werden, wie Kellerer im Namen der DDG forderte. Dazu zählte, vor allem drei Empfehlungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) endlich anzugehen: Es gelte, den Zuckeranteil in verarbeiteten Lebensmitteln spürbar zu verringern, außerdem die stark zuckerhaltigen Süßgetränke höher zu besteuern und schließlich ein Verbot der Werbung für jene ungesunden Lebens­mittel auszusprechen, die speziell auf Kinder abzielt.

Bei der Verwirklichung dieser Ziele sei die Politik eindeutig hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Hier wünscht sich die Diabetologin aus Stuttgart „etwas mehr Tempo und etwas mehr Tatendrang“, damit die Betroffenen von den längst ausgesprochenen Forderungen auch in ihrem Alltag profitieren könnten.

Bisher habe man hierzulande beispielsweise in Sachen Zuckerreduktion auf die Freiwilligkeit der Her­stel­ler gesetzt – jedoch ohne Erfolg. Dabei wisse man aus anderen Ländern längst, dass sich beispiels­weise über die Besteuerung von zu stark gesüßten Softdrinks innerhalb kurzer Zeit eine substanzielle Verringerung des Zuckergehaltes erzielen ließe.

Als Lichtblick bezeichnete Kellerer das Vorhaben, mit der Einrichtung eines strukturierten Behandlungs­programms, wie es mit der Einführung eines Disease Management Programm (DMP) für Adipositas an­gedacht ist, den adipösen Patienten endlich die kontinuierliche Therapie zukommen zu lassen, die die Erkrankung verdiente.

Denn bisher gilt weder Adipositas als eigenständige Krankheit, noch sind fettleibige Menschen als Pa­tienten zu bezeichnen – und infolgedessen sind einschlägige Therapien auch keine Regelleistungen der gesetzlichen Krankenkassen.

Selbst wenn die Einführung eines DMP-Programms bisher für die Krankenkassen eine freiwillige Leis­tung darstellt, zeigte sich Kellerer zuversichtlich, dass der Druck sehr hoch sein werde und mit den rich­tigen Anreizen der Weg für eine Regelversorgung der Adipositas offen wäre. Sie rechne jedoch frühes­tens im nächsten Jahr mit einer Umsetzung, und dies auch nur dann, wenn an den Gemeinsame Bundes­ausschuss (G-BA) bis zum Sommer der Auftrag für eine inhaltliche Ausgestaltung erginge.

Da die Diabetologen über jahrzehntelange Erfahrung mit DMP-Programmen verfügten, plädierte die DDG-Präsidentin dafür, die bereits bestehenden interdisziplinären und transsektoralen Strukturen bei der Implementierung eines Adipositas-DMP zu nutzen.

Es werde kaum gelingen, innerhalb kurzer Zeit eigene flächendeckende Angebote mit vollkommen neu zu schaffenden Strukturen hierfür „auf die Straße zu bringen“, sprich die Versorgung der adipösen Patien­ten im Rahmen eines DMP praktisch zu gewährleisten. Aufgrund der Verzahnung der beiden Erkrankun­gen biete sich diese Verzahnung auch bei der Versorgung an. © mls/aerzteblatt.de

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