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Politik

„Wir geben den Ärztinnen und Ärzten Handlungssicherheit im Kinderschutz“

Sonntag, 28. März 2021

Berlin – In der Coronapandemie gibt es mutmaßlich mehr Fälle von Kindesmisshandlung und -miss­brauch als zu „normalen“ Zeiten. Nicht selten sind die Verdachtsfälle unklar. In Nordrhein-Westfalen kann dann das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW angerufen beziehungsweise konsultiert werden. Dort beraten Rechtsmediziner und Kinder- und Jugend­ärzte gemeinsam.

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) sprach mit der Leiterin des Kompetenzzentrums, Sibylle Banaschak, Pro­fessorin am Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Köln, über die Notwendigkeit, verstärkt über den Kinderschutz zu informieren.

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5 Fagen an Sibylle Banaschak, Leiterin des Kompetenzzentrums Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW

DÄ: Experten vermuten, dass es während der Coronapandemie deutlich mehr Fälle von Kindesmisshand­lung und -missbrauch gegeben hat. Können Sie das für NRW bestätigen?
Sybille Banaschak: Wir vermuten das für NRW auch. Wir verpassen natürlich im Lockdown alle die Fälle von Kindesmisshandlung oder -missbrauch, die sonst in Kita, Krippe oder in der Schule aufgefallen wären, weil diese geschlossen haben.

Es kommt sicherlich zu mehr Fällen als beispielsweise vor einem Jahr, weil der Stress in den Familien unglaublich angestiegen ist. Wegen der Schließung der Betreuungs- und Bildungseinrichtun­gen, aber auch weil viele Familien von Kündigungen oder Kurz­arbeit betroffen sind, hat sich die soziale Situation verschärft. Menschen, die sowieso wenig Ressourcen haben, geraten jetzt unter Druck. Da kann dann auch den Kindern mehr passieren. Diese Fälle werden wir – wenn die Verletzungen abgeheilt sind – im Kinderschutz im Gesundheitswesen aber leider nicht mehr erkennen.

DÄ: Das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW gibt es seit April 2019. Es ist am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln angesiedelt und an den Vestischen Kinder- und Jugend­kliniken Datteln, Abteilung Kinderschutz. Warum war es notwendig ein solches Zentrum zu errichten, und welche Kompetenzen sind dort gebündelt?
Banaschak: Die Medizin hat sich aufgemacht über die Gründung von Kinderschutzgruppen und –ambu­lan­­zen Kindesmisshandlung viel expliziter anzunehmen als es bis dahin der Fall war. Gerade am Anfang gibt es dabei viele Fragen und unsere Einrichtung berät die Ärzte und andere Heilberufe.

Darüber hinaus haben wir ein Konsilsystem, das anonymisiert, passwortgeschützt und verschlüsselt, die Möglichkeit für eine Kinderschutzgruppe eröffnet, Bilder hochzuladen, sodass wir die Befunde gemein­sam anschauen und besprechen können. Das ist für die konkrete Fallarbeit sehr hilfreich.

Und bei uns schaut ja nicht nur die Rechtsmedizin auf einen Fall, sondern bei komplexen Fällen auch Kinder- und Jugendärzte. Diese Kombination von pädiatrischer Klinik und Rechtsmedizin, die im Zweifel gemeinsam einen Fall beraten, ist sehr günstig.

Über das wichtige Angebot der bundesweiten Medizinischen Kinderschutzhotline hinaus, die ja Ärzte und andere Heilberufe telefonisch in Kinderschutzfragen berät, können wir konkrete Fallarbeit am Befund anbieten, – aber eben nur für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des nordrhein-westfälischen Gesundheitssystems.

Bis Ende 2020 haben wir etwa 400 Fallberatungen durchgeführt, die bei komplexeren Fragestellungen auch nicht in einem einzelnen Kontakt beraten wurden. Die Anfragen zu Einzelfällen beziehen sich bislang ganz überwiegend auf Fälle von Verdacht auf körperliche Misshandlung, beraten haben wir aber auch zu sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung.

DÄ: Sie bieten auch Fortbildungen an…
Banaschak: Genau. Wir bieten Fortbildungen an für Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen in NRW, die sich Wissen im Kinderschutz aneignen wollen. Erreicht wurden mit den Fortbildungsveranstaltungen bislang überwiegend Ärztinnen und Ärzte in Kliniken und aus der Niederlassung und dabei überwiegend Kinderärzte und Kinderchirurgen, aber auch Pflegepersonal, Mitarbeitende aus den Sozialdiensten der Krankenhäuser, Ärzte und Zahnärzte aus dem Öffentlichen Gesundheitsdienst, Psychologen, sowie Mitarbeiter im Rettungsdienst.

Mit unseren Kooperationspartnern erproben wir zudem die Integration entsprechender Inhalte in der Pflegeausbildung und streben dies auch für andere Disziplinen an, zum Beispiel für Hebammen und Physiotherapeuten. Die Rückmeldungen zu den Veranstaltungen, aber auch die Integration in die Ausbil­dung, waren durchweg positiv. Während der Pandemie finden natürlich alle Fortbildungsveranstaltungen online statt.

DÄ: Bekommen Sie Rückmeldungen zu Ihrem Angebot aus der Praxis?
Banaschak: Das Angebot des Kompetenzzentrums Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW wurde von Beginn an gut aufgenommen. Geschätzt wird an der Struktur, dass eine unvoreingenommene Beratung erfolgen kann und sich im Gespräch die verschiedenen Aspekte eines Falles gemeinsam erörtern lassen.

Bislang haben sich keine Diskrepanzen zwischen der Einschätzung der Klinikärzte und unseren Mitarbei­tern ergeben. Ist ein Fall unklar – und unklare Fälle gibt es häufig und regelmäßig – besprechen wir ein sinnvolles Vorgehen. Auch das hilft den behandelnden Ärzten für die konkrete Arbeit weiter. Denn es geht letztlich bei allem Bemühen darum, das Kind vor weiteren Gefährdungen zu schützen. Welches Vorgehen in welchem Fall verantwortbar und sinnvoll ist, kann und soll niemand allein entscheiden. Wir geben Ärztinnen und Ärzten Handlungssicherheit.

DÄ: Gibt es vergleichbare Angebote in anderen Bundesländern?
Banaschak: Sagen wir, ähnliche Angebote. Es sind häufig rein rechtsmedizinische Projekte, ohne den pädiatrischen Beratungsanteil, den wir haben. In Gießen, Hannover, Hamburg und München gibt es ähnlich Projekte, die ein Konsil dann jeweils für das entsprechende Bundesland anbieten.

DÄ: Wie ist die Kooperation mit der Jugendhilfe geregelt?
Banaschak: Wir kooperieren nicht mit der Jugendhilfe, das machen die Kinderschutzgruppen, -ambulan­zen oder natürlich auch die niedergelassenen Ärzte vor Ort. Wir sind ausschließlich Ansprechpartner für das Gesundheitswesen. Aber wir überlegen in Beratungen natürlich gemeinsam, was sinnvoll wäre zu tun, um das Kind vor weiteren Gefährdungen zu schützen. Insofern vermitteln wir indirekt schon in die Jugendhilfe hinein. © PB/aerzteblatt.de

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