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Ärzteschaft

Ärztlicher Pandemierat plädiert für weitere Kennzahl zur Steuerung der Krise

Freitag, 5. März 2021

/picture alliance, Sebastian Gollnow

Berlin – Die Zahl neuer beatmungspflichtiger COVID-19-Intensivpatienten sollte als zusätzlicher Faktor zur Steuerung der Maßnahmen in der Pandemie herangezogen werden. Dafür setzt sich eine Experten­gruppe des Ärztlichen Pandemierats der Bundesärztekammer (BÄK) ein.

Dieser Wert sei aufgrund der Meldepflicht an das DIVI-Intensivregister ein sehr zuverlässiger Parameter zur Beurteilung des Pandemiegeschehens, heißt es in einem neuen Positionspapier mit dem Titel „Wei­teres Vorgehen zum Um­gang mit dem epidemischen Geschehen – Empfehlungen aus ärztlicher Sicht“.

Nach dem Thesenpapier zu Teststrategien und dem Schutzkonzept für Alten- und Pflegeheime ist es das dritte Papier, dass das fächerübergreifend besetzte Expertengremium nun vorlegt.

„Die aktuell verwendeten Parameter bergen zahlreiche Schwächen“, argumentierte Manfred Dietel, Leiter der Arbeitsgruppe und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der BÄK. Kennzahlen wie der Inzidenzwert oder der R-Wert seien ein zu grobes Maß, um als Basis für politische Entscheidungen mit erheblichen Kon­sequenzen für alle Bürger herangezogen zu werden.

So sage auch die Anzahl der Neuinfektionen nichts über die Krankheitslast in der Bevölkerung aus. Prob­lematisch sei ebenso die erhebliche Dunkelziffer, die aufgrund der vielen asymptomatischen Verläufe und je nach Zahl und Art der Tests, der Teststrategie und der Fähigkeit zur Kontaktnachverfolgung stark variiere.

Aus Sicht des Expertengremiums stellt eine erweiterte Teststrategie in Ergänzung zur Impfstrategie ei­nen weiteren wichtigen Baustein in der Pandemiebekämpfung dar. Der Einsatz von Coronaschnelltests und Laienselbsttests solle weiter forciert werden. Dazu seien klare Verhaltensweisen zu definieren. So sollten positive Ergebnisse unbedingt durch einen PCR-Test, der weiterhin der Goldstandard sei, bestä­tigt werden.

Anzustreben sei auch, möglichst viele Ergebnisse im Sinne eines bevölkerungsbezogenen Monitorings an eine zentrale Stelle zu melden, um eine bessere Übersicht über das wirkliche Geschehen zu erhalten. Um die Entwicklung von SARS-CoV-2-Mutationen besser zu überwachen, sei außerdem die anlassbezo­gene Genomsequenzierung PCR-positiver Fälle von großer Bedeutung.

Zur Ausweitung der Impfkapazitäten und zur Erhöhung der Akzeptanz der Impfung wird die Beteiligung von niedergelassenen Ärzten und Betriebsärzte gefordert. „Die von Bund und Ländern beschlossene Einbindung muss jetzt schnellstmöglich umgesetzt werden“, so Dietel.

Eine Senkung der Infektionszahlen auf null halten die Experten in der aktuellen Situation für nicht re­alistisch. „Wir werden lernen müssen, mit der COVID-19-Erkrankung auch in den nächsten Jahren zu leben“, schreiben sie in ihrem Papier.

Vor diesem Hintergrund plädieren sie dafür, einen interdisziplinär besetzten nationalen Pandemierat zu gründen. Dieser könne „Entscheidungen der Politik transparent und unabhängig vorbereiten und so die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Anti-Coronamaßnahmen verbessern.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Rufen nach einer Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als ent­scheidende Messgröße zur Beurteilung der Lage in der Pandemie zuletzt eine Absage erteilt. „Die Inzi­denz ist nach wie vor der mit Abstand beste und verlässlichste Wert“, sagte der CSU-Chef heute in seiner Regierungserklärung im Landtag in München.

Es mache aus seiner Sicht keinen Sinn zu warten, bis die Zahl der Coronatoten wieder steigt. „Wer auf Todesraten wartet, hat die Zeit verpasst zu handeln“, sagte Söder. Es gebe bei allem Verständnis und Är­ger, den die Einschränkungen bedeuten, keinen Grund nachzulassen. Die britische Virusvariante gewinne die Oberhand, dies sei besonders in den Regionen an den bayerischen Außengrenzen zu beobachten. © EB/dpa/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #55321
jc.ulshoefer
am Sonntag, 7. März 2021, 05:11

Dieses Pferd ist schon lange tot,

umso unverständlicher, dass es immer noch Leute gibt die es reiten wollen. Ich gebe stapff völlig recht, die Zahl der Hospitalisierungen ergibt noch Sinn. Wieso man dann noch die weiteren Wochen warten sollte bis Infizierte auf ICU/beatmet/verstorben sind erschließt sich mir aber nicht. Wenn die letzten Monate weltweit eines gezeigt haben: Wer erst reagiert wenn die ICU am Anschlag ist, wird immer zweiter Sieger bleiben. Wenn man die Inzidenz nach Alter stratifiziert, ist der Rest vorhersagbar.
Avatar #93878
stapff
am Freitag, 5. März 2021, 20:09

Es kann doch nicht so schwierig sein....

... wichtige Maßzahlen korrekt zu interpretieren.
Wie in der Medizin muß man zwischen Indikatoren des 1) Risikos, 2) der Erkrankung und 3) der Konsequenzen unterscheiden.
1) Als Risiko-Indikatoren können die wohlbekannten 7-Tage Inzidenzen verwendet werden. Diese sind bereits richtigerweise hinsichtlich der Einwohnerzahl normalisiert. Allerdings hat bisher niemand die Bevölkerungsdichte berücksichtigt. Es macht einen riesigen Unterschied, ob 35 Infektionen pro 100000 Einwohner in Berlin (4000 pro km2) oder in Schleswig-Holstein (184 pro km2) gefunden werden. Analog zu Cholesterinwerten in der Medizin sind positive Testergebnisse allerdings nur ein Surrogatparameter. Außerdem müssen sie in Zusammenhang mit der Test- und Meldeintensität gesehen werden.
2) Als für die Erkrankung relevante Maßzahlen können Hospitalisierungen verwendet werden.
3) Die vorgeschlagene Zahl neuer beatmungspflichtiger COVID-19-Intensivpatienten oder der Todesfälle durch Covid-19 beschreiben schließlich die klinisch relevanten Konsequenzen, sind aber als Risikoindikatoren nicht verwendbar, da sie zu sehr von der Demographie und der ärztlichen Versorgung abhängen.
Das alles kann man hier nachlesen:
https://openaccesspub.org/jphi/article/1496
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