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Medizin

Down-Syndrom: Kann Grüner Tee die Entwicklung in den ersten Lebensjahren beeinflussen

Montag, 8. März 2021

/picture alliance, dpa-tmn

Barcelona – Die regelmäßige Einnahme von kommerziell erhältlichem Grüntee-Extrakt im Kindesalter hat in einer Beobachtungsstudie in Scientific Reports (2021: DOI: 10.1038/s41598-021-83757-1) die Entwicklung der für das Down-Syndrom typischen Gesichtsmerkmale abgeschwächt. Tierexperimentelle Studien weisen jedoch auf Risiken der Behandlung hin.

Die Trisomie 21 geht bekanntlich mit charakteristischen Gesichtsmerkmalen einher, die sich im Verlauf der Kindheit verstärken. Dazu gehören neben den nach oben stehenden Lidspalten (Epikanthus) eine Abflachung (Hypoplasie) des mittleren Gesichts mit einer kleinen Nase sowie ein im Verhältnis zum Oberkiefer verkleinerten Unterkiefer (Mikro- und Retrognathie). Die leicht zuzuordnenden Merkmale können nicht nur zu einer Stigmatisierung der Betroffenen führen. Sie haben auch funktionelle Auswirkungen, die in einem Fehlbiss (Malokklusion) und Atemstörungen (obstruktive Schlafapnoe) bestehen können.

Der Wunsch nach einer Korrektur ist deshalb auch aus medizinischer Sicht verständlich. Als mögliche Behandlung wird die Einnahme von Grüntee-Extrakten mit einem hohen Anteil an Epigallocatechingallat (EGCG) diskutiert. Die Substanz hat eine hemmende Wirkung auf die Proteinkinase DYRK1A, die zu den Enzymen gehört, deren Aktivität durch das dritte Chromosom 21 verstärkt wird. Die Popularität von EGCG beruht auf den Ergebnissen einer Phase 2-Studie, die ein Team um Mara Dierssen vom Centre for Genomic Regulation in Barcelona vor 5 Jahren in Lancet Neurology (2016; 15, 801-810) vorgestellt hat. Dort hatte die Behandlung mit einem Grüntee-Extrakt mit EGCG nach 12 Monaten die kognitiven Leistungen von Personen mit Down-Syndrom (16 bis 34 Jahre) verbessert. Die klinische Relevanz ist unklar, zumal eine Bestätigung der Ergebnisse durch eine Phase 3-Studie noch aussteht.

Offenbar gibt es aber Eltern, die die Behandlung bei ihren Kindern durchführen. Ein Team um Neus Martínez‑Abadías vom Center for Genomic Regulation hat die Erfahrungen in einer Studie zusammengefasst. Zur Kohorte gehören 287 Kinder im Alter von 0 bis 18 Jahren. Darunter sind 13 Kinder mit Down-Syndrom, die mit EGCG behandelt wurden, sowie 63 Kinder mit Down-Syndrom, die die Extrakte nicht erhielten.

Bei allen Kindern waren mit einer Spezialkamera dreidimensionale Profile des Gesichts angefertigt worden mit 21 verschiedenen Markierungspunkten. Wie Martínez‑Abadías berichtet, waren die Unterschiede der Kinder mit Down-Syndrom zu der Kontrollgruppe ohne Down-Syndrom geringer, wenn die Kinder mit EGCG behandelt wurden. Am größten war der Effekt in der jüngsten Gruppe zwischen 0 und 3 Jahren.

Hier gab es in 57 % der linearen Abstände signifikante Unterschiede zwischen unbehandelten Kindern mit Down-Syndrom und Kindern ohne Down-Syndrom. Bei den Kindern, die mit EGCG behandelt wurden, gab nur bei 25 % der gemessenen Abständen Unterschiede zur Kontrollgruppe. Die Behandlung könnte dazu geführt haben, dass die Kinder mit Down-Syndrom anderen Kindern im Aussehen ähnlicher werden, schreibt Martínez‑Abadías. In den anderen Altersgruppen waren die Unterschiede geringer und ab dem Jugendalter nicht mehr vorhanden. Danach würde eine Behandlung mit EGCG vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern die größte Wirkung erzielen.

Die Aussagekraft der Querschnittstudie, in der die Kinder nur zu einem Zeitpunkt untersucht wurden, ist jedoch gering. Besser wäre es gewesen, wenn die Forscher die Entwicklung bei den einzelnen Kindern beobachtet hätten, am besten in einer prospektiven randomisierten Studie.

Hinzu kommt, dass die Behandlung offenbar nicht ohne Risiken ist. Dies zeigen die Ergebnisse der begleitenden tierexperimentellen Studien, die an der Katholischen Universität Leuven an Mäusen mit einer dem Down-Syndrom vergleichbaren Trisomie. Die Behandlung wurde teilweise bereits vor der Geburt begonnen. Wie Greetje Vande Velde berichtet, konnte auch bei den Mäusen die Gestalt des Gesichtsschädels verändert werden. Die Ergebnisse entsprachen allerdings nicht immer den Erwartungen. Bei einer niedrigen Dosierung kam es zu einer Annäherung des Gesichtsschädels an die Form von Mäusen ohne Trisomie. Bei einer höheren Dosierung vergrößerten sich die Unterschiede jedoch. Vande Velde rät deshalb Eltern vorerst von einer eigenmächtigen Behandlung ihrer Kinder ab. Zunächst müsse in klinischen Studien die richtige Dosis ermittelt werden. © rme/aerzteblatt.de

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