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Medizin

Bauchchirurgie: Forscher entdecken überraschende Ursache für postoperative Adhäsionen

Donnerstag, 22. April 2021

/picture alliance, BSIP, A. NOOR

Calgary – Die häufig ausgedehnten Adhäsionen, die sich nach abdominalchirugischen oder gynäko­logischen Operationen im Periteneum bilden können und dann Darmobstruktionen oder eine Infertilität verursachen, sind die Folge einer Überaktivierung von Makrophagen, die zum evolutionär älteren angeborenen Immunsystem gehören.

Dies zeigen jetzt in Science (2021; DOI: 10.1126/science.abe0595) vorgestellte tierexperimentelle Studien, die auch Perspektiven für eine zukünftige Prävention aufzeigen.

Etwa 2/3 aller Patienten entwickeln nach einer gastrointestinalen Operation Adhäsionen. Die Ursache für die Vernarbungen waren bisher unbekannt, und eine Möglichkeit, die Komplikation zu vermeiden, gibt es bisher nicht.

Ein Team um Paul Kubes von der Universität von Calgary in Kanada hat in den letzten Jahren die Bildung der Adhäsionen erforscht, wobei es auch ein von Forschern des Inselspitals in Bern entwickeltes Mikros­ko­piesystem nutzte, mit der sich die Entwicklung der Adhäsionen „live“ verfolgen ließ.

Bisher ging die Forschung davon aus, dass die normale Wundheilung der Auslöser der Adhäsionen ist. Nach einer Verletzung bedecken zunächst Thrombozyten die Wundfläche, es folgt ein Verschluss mit einem Blutgerinnsel und im späteren Verlauf kommt es dann zur Bildung einer Narbe.

Die Forscher fanden jetzt heraus, dass in der Bauchhöhle (und vermutlich auch in anderen Körperhöhlen) ein anderer Akteur im Mittelpunkt steht. Es sind die Makrophagen. Diese Zellen gehören zum angebo­renen Immunsystem. Ihre Aufgabe ist die Beseitigung von Zelltrümmern, aber auch von Krankheits­erregern, die die Makrophagen aufnehmen und dann im Zellinneren verdauen.

Makrophagen gehen auch in den Körperhöhlen auf Patrouille. Sie beseitigen dort jedoch nicht nur vermeintliche Angreifer. Sie sind auch in der Lage, Defekte zu versiegeln. Die von den Forschern ent­deckten GATA6+-Makrophagen besitzen dabei Eigenschaften, die an Thrombozyten erinnern.

Bei einer Verletzung verklumpen sie auf der Läsion und dichten sie dabei ab. Diese Reparatur setzt wie bei der Blutgerinnung sehr schnell ein. Die Forscher beobachteten, dass sich innerhalb weniger Minuten ein Aggregat aus Makrophagen auf der verletzten Stelle bildet. Die Wundheilung setzte relativ rasch ein. Die Makrophagen-Aggregate werden innerhalb von 3 Tagen von mesenchymalen Zellen bedeckt. Eine weitere Stabilisierung erfolgt durch Kollagen.

Diese Form der Wundheilung scheint ein alter evolutionärer Schutzmechanismus zu sein. Er existiert bereits bei Stachelhäutern wie dem Seeigel. Die Stärke besteht laut Kubes darin, dass kleinere Verlet­zungen rasch ausheilen, was vor allem im Bauchraum wichtig ist, da der Darm zahlreiche Bakterien enthält, die dem Organismus gefährlich werden können.

Bei größeren Verletzungen erreicht der Selbstschutz jedoch schon bald seine Grenzen. Die Makrophagen formen dann „Superaggregate“ die nicht nur den Defekt abdecken, sondern auch mit der gegenüberlie­genden Wand des Bauchfells verwachsen. Dies ist dann die Grundlage der Adhäsionen, die nach Opera­tionen in der Bauchhöhle zu den lästigen Verwachsungen führen.

Die Entdeckung könnte zu einer Neuorientierung der präventiven Maßnahmen führen. Bisher wurde, mit wenig Erfolg, versucht, die Bildung der Adhäsionen mit Mitteln zu verhindern, die bei der Blutgerinnung und der Fibrinolyse ansetzen. Das schweizerisch-kanadische Team schlägt jetzt vor, gezielt Rezeptoren auf den Makrophagen zu blockieren.

Bei Mäusen konnte die Bildung der Makrophagenaggregate durch Polyinosinsäure, Poly-(I), verhindert werden. Bei den Tieren kam es danach zu weniger Verwachsungen. Die Forscher haben Poly-(I) bereits zum Patent angemeldet.

Ob der Wirkstoff sicher und effektiv ist, muss zunächst in weiteren tierexperimentellen Studien unter­sucht werden. Bis zu einem Medikament gegen postoperative Adhäsionen dürfte es noch ein weiter Weg sein. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #881964
V.-SHG-e.V.
am Montag, 26. April 2021, 15:43

Narben, die keiner sieht...

der Titel meines Buches . Erfahrungen aus vielen Operationen bzgl. Verwachsungen/Adhäsionen - um im Alltag mit sehr eingeschränkter Lebensqualität umzugehen. Ihr Bericht gefällt mir sehr gut! In der Hoffnung, auf mehr Verständnis und bessere Aufklärung von Ärzten zu diesem Thema! Leider wird das Thema noch immer verschwiegen! Es gibt einige Barrier - Mittel, jedoch ohne Erfolg. Alle betroffenen Patienten warten darauf, dass z. B. ein "MRT" die Verwachsungen -gut- sichtbar macht.
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