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Politik

„Rehabilitation wird für unsere Gesellschaft immer wichtiger werden“

Montag, 22. März 2021

Konstanz – Auch für den Bereich der rehabilitativen Versorgung hat die Coronapandemie große Verände­run­gen mit sich gebracht. Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) sprach mit Michael Jöbges, Ärztlicher Leiter der Rehaklinik Kliniken Schmieder Konstanz, über seine Erfahrungen in der Pandemie.

5 Fragen an Michael Jöbges, Kliniken Schmieder Konstanz

DÄ: Wie war Ihre Rehaklinik in die Bekämpfung der Coronapan­de­mie eingebunden?
Michael Jöbges: Zu Beginn der Pandemie verlegten viele zuwei­sende Kliniken Rehabilitanden zu uns ab, damit freie Betten für die erwarteten COVID-19 Patienten zur Verfügung standen. Eine Schwesterklinik in Allensbach hat für die Behandlung von COVID-19-Patienten auch Beatmungskapazitäten zur Verfügung gestellt. Diese wurden aber nicht abgerufen.

Auch im weiteren Verlauf stellten wir den sicheren „Patienten­abfluss“ aus den zuweisenden Akutabteilungen sicher, damit dort genügend freie Betten vorhanden waren.

Die Pandemie hat die Arbeit in den Rehabilitationskliniken ganz erheblich erschwert. Vielleicht steht an erster Stelle die Reduktion beziehungsweise der Verlust des Austauschs der Rehabilitanden untereinander. Durch das strenge Hygieneregime mussten Orte des Austauschs geschlos­sen und auf die Einhaltung der Mindestabstandsregelung et cetera geachtet werden. Durch Verkleinerung der Gruppengrößen, Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken beziehungsweise FFP2-Masken, regelmäßiges Lüften und regel­mäßige Informationsveranstaltungen konnten wir eine sichere Rehabilitation anbieten.

Leider musste ein gewisser Anteil der Rehabilitanden sehr intensiv zur Einhaltung der Hygieneregeln gemahnt werden, was ebenfalls der allgemeinen Stimmungslage abträglich war. Im Prinzip waren aber alle therapeutischen Maßnahmen unter Einhaltung der Hygieneregeln durchführbar.

DÄ: Inwieweit hat die Coronapandemie die Rehabilitation in Deutschland beeinträchtigt?
Jöbges: Die Coronapandemie hat die neurologische Rehabilitation in Deutschland schwer beeinträchtigt. Zum einen entzogen sich Patienten mit zum Teil schweren neurologischen Erkrankungen der Akut­behandlung, die demzufolge auch nicht der Rehabilitation zugeführt werden konnten. Dadurch wird ein langfristiger Schaden an Teilhabe entstehen, der unsere Gesellschaft teuer zu stehen kommen wird.

Zum anderen wurden nicht wenige Rehabilitationskliniken durch die Empfehlung großer Kostenträger, zunächst keine Heilverfahren durchzuführen, an den Rand der Existenz gebracht. Einige Kliniken mussten schließen. Einigen Kliniken waren aber auch von schweren Ausbrüchen betroffen, sodass sie über viele Wochen keine Patienten aufnehmen konnten.

Auf der anderen Seite wird aber Rehabilitation für unsere Gesellschaft immer wichtiger werden. Hier seien als Stichworte nur der Fachkräftemangel, die Rente mit 67 und der demografische Wandel genannt. Für alle diese Problemfelder hält die Rehabilitation Antworten bereit, die natürlich ein Fortbestehen der Rehabilitationsstrukturen in Deutschland voraus­setzt.

DÄ: Wie können nun entsprechend spezialisierte Rehakliniken dazu beitragen, an Long-COVID erkrankte Patienten zu behandeln?
Jöbges: Ich möchte aus der Sicht des Neurologen zu dieser Frage Stellung nehmen. Wahrscheinlich gibt es nicht das eine Post-COVID-Syndrom. Zum einen gibt es Menschen, die eine schwere COVID-Infektion dank intensivmedizinischer Maßnahmen überlebt haben. Hier wissen wir mittlerweile, dass sowohl Strukturen im Bereich des zentralen als auch des peripheren Nervensystems zu Schaden kommen, eventuell kommt es zudem zu thrombembolischen Komplikationen.

Dies ist durchaus vergleichbar mit anderen Post-ICU-Syndromen. Diese Menschen bedürfen intensivster frührehabilitativer Behandlung sowie die dann anschließenden anderen Rehabilitationsphasen, um eine erneute Chance auf Teilhabe zu bewahren. In wie weit sich das Kollektiv dieser Post-COVID-Patienten signifikant von anderen Post-ICU-Syndromen unterscheiden wird, muss in Zukunft noch näher beleuchtet werden.

Eine ganz andere Gruppe von Post-COVID-Syndromen waren zu Beginn der Infektion nur gering betrof­fen und mussten zum großen Teil nicht einmal stationär behandelt werden. Hier steht häufig eine Fa­tigue im Vordergrund.


In den Kliniken Schmieder in Konstanz haben wir einen wissenschaftlichen und klinischen Schwerpunkt in der Rehabilitation von Menschen mit einer Multiplen Sklerose und auch hier ist das Symptom Fatigue dasjenige, das am häufigsten zur Empfehlung einer Erwerbsminderungsrente führt.

Zurzeit analy­sieren wir die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Formen von subjektiver Ermüdung (Fatigue) und messbarer Erschöpfbarkeit (Fatigability) sowohl im motorischen als auch im kognitiven Bereich. Dabei werden auch die erlittenen Belastungen sowie psychodynamischen Reaktionen nicht ausgespart. So können wir zunächst das neue Krankheitsbild möglichst treffsicher beschreiben und hieraus dann die individuellen Rehabilitationsprogramme ableiten.

DÄ: Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Krankheitslast, die durch die Spätfolgen von COVID-19-Erkrankungen erwächst?
Jöbges: Diese Frage möchte ich gerne im Lichte der neuesten Veröffentlichung der Deutschen Gesell­schaft für Neurologie betrachten. Bei vier von fünf Betroffenen, die im Krankenhaus behandelt wurden, kommt es zu neurologischen Begleitsymptomen. In der Schweiz waren bei einem Drittel der nicht stationär behandelten SARS-CoV-2-Infizierten persistierende Symptome nachweisbar. Sollten sich diese Zahlen in der Zukunft auch nur ansatzweise bestätigen, rollt auf die neurologische Rehabilitation eine Welle von neuen Herausforderungen zu.

DÄ: Welche persönlichen Lehren ziehen Sie aus der Coronapandemie?
Jöbges: Die für mich wichtigste Lehre ist, dass wir Menschen unglaublich anpassungsfähig und wandel­bar sind. Die Leistungen in vielen Bereichen der Medizin, aber auch der Gesellschaft, waren ganz erstaun­lich und stimmen mich sehr zuversichtlich. Diese großen Erfolge sollte man sich nicht von dem „fake news“ generierenden, querulatorischen Potenzial unserer Gesellschaft kaputtreden lassen. © fos/aerzteblatt.de

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