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Politik

„Jetzt zeigen Test- und Impfkonzepte in den Pflegeheimen Wirkung“

Montag, 22. März 2021

Berlin – Im Bereich der Pflege brachte die Coronapandemie insbesondere für die Pflegeheime teils dra­matische Einschnitte in den gewohnten Alltag mit sich. Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) sprach mit Johan­nes Miller, Hausdirektor im Martin-Haug-Stift in Freudenstadt, über die während der Pandemie gesammelten Erfahrungen.

5 Fragen an Johannes Miller, Hausdirektor im Martin-Haug-Stift in Freudenstadt

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DÄ: Wie bewerten Sie ein Jahr nach Beginn der Coronapandemie deren Bekämpfung in Deutschland? Was ist aus Ihrer Sicht gut gelaufen, was nicht so gut?
Johannes Miller: Dazu gibt es derzeit einen lebhaften öffentlichen Diskurs. Aus meiner Sicht kann die Leistung der Wissenschaft bei der Impfstoffentwicklung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn durch die Impfungen gibt es nun endlich eine Vision davon, wie wir weltweit wieder Begegnung ermöglichen und Normalität finden können.

Ganz konkret gilt das natürlich auch für Pflegeheime: Alle, die hier leben oder arbeiten, haben eine Hauptlast der Pandemie getra­gen. Diese Menschen brauchen eine Perspektive und dürfen bei den Öffnungsschritten nicht vergessen werden.

DÄ: Wie bewerten Sie die Konzepte, mit denen ein Coronaaus­bruch in einem Pflegeheim verhindert werden sollte? Was war gut, was war schlecht?
Miller: In der ersten Welle mussten wir uns der Pandemie mit wenig Erfahrung entgegenstellen. Es gab keine Masken, keine Tests, kein Wissen über das Virus. Deshalb wurden Eingangstüren von Pflegeheimen geschlossen. Das war nicht einfach, aber damals sicher richtig. Doch mit der Zeit hat sich gezeigt, dass man keine Glasglocke über ein Pflegeheim legen kann.

Deshalb haben wir uns in der zweiten Welle für eine offene Türe und gute Besuchsregelungen einge­setzt. Natürlich gibt es weiterhin keine absolute Sicherheit. Aber wir addieren Maßnahmen, um das Risiko zu minimieren. Symptomscreenings und Schnelltests sind wichtige Maßnahmen.

Bei uns in der Evangelischen Heimstiftung wurden sehr früh alle getestet, die die Einrichtung betreten haben – Mitarbeitende vor jedem Dienst, Gäste vor jedem Besuch und Bewohner mehrmals in der Woche. So konnten wir sicher viele Infektionsketten verhindern. Die Impfungen werden sich hoffentlich als die entscheidende Maßnahme erweisen. Und dass Pflegeheime bei der Impfung priorisiert wurden, hat viele Leben gerettet.

DÄ: Wie dramatisch war aus Ihrer Sicht die Isolation während der Pandemie sowohl für die Heimbe­wohner als auch für die Pflegefachpersonen?
Miller: Wir blicken auf ein Jahr Corona zurück. Es war geprägt von vielen Einschränkungen und Unwäg­bar­keiten, aber nicht unbedingt von Isolation. Die Menschen im Pflegeheim waren ja nicht allein. Die Frage, wie soziale Kontakte und Gemeinschaft trotz strenger Schutzvorkehrungen erhalten werden können, haben wir immer in den Mittelpunkt gestellt.

Besonders belastend – körperlich und psychisch – war es für diejenigen, die für eine gewisse Zeit nur im Zimmer versorgt werden konnten. Bewohnerinnen und Bewohner sind insgesamt auf beeindruckende Weise mit der schweren Situation umgegangen. Die Bilder von Pflegekräften in Schutzausrüstung, die mit einer unglaublichen Professionalität Pflege und Zuspruch in manchmal sehr langen Diensten geleis­tet haben, bewegen mich noch heute.

DÄ: In welcher Weise wird die Coronapandemie aus Ihrer Sicht die Arbeit und das Leben in einem Pflege­heim in der Zukunft verändern?
Miller: Alte und pflegebedürftige Menschen haben einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft. Sie haben ein Anrecht auf Teilhabe und dürfen nicht an den Rand gedrängt werden. Das ist ein zentraler Aspekt diakonischer Altenhilfe. Dafür setzen wir uns seit Jahren ein, vernetzen uns im Gemeinwesen und verfolgen quartiersorientierte Ansätze.

In der Krise wurde Begegnung plötzlich als Bedrohung empfunden. Jetzt zeigen Test- und Impfkonzepte in den Pflegeheimen Wirkung und es ist an der Zeit, den „Schalter im Kopf“ umzulegen. Wir brauchen sicher weiterhin gute Konzepte, aber wir müssen auch die Angst vor Begegnungen wieder verlieren.

Das Leben und Arbeiten im Pflegeheim war übrigens schon immer Veränderungen unterworfen und diese sind auch während der Coronakrise weitergegangen. Es erscheinen neue Wohnformen und Betreu­ungsangebote, wir orientieren uns immer mehr an der eigenen Häuslichkeit, passen die Wohn- und Orga­nisationsstruktur an. Durch Corona sind wir vielleicht bei der Digitalisierung etwas schneller geworden – Pflege- und Betreuungskonzepte haben wir aber schon davor weiterentwickelt.

DÄ: Welche persönlichen Lehren ziehen Sie aus der Coronapandemie? Wie groß war der Einfluss, den die Pandemie auf Ihr Leben hatte?
Miller: Wir haben gesehen, dass sich die großen Herausforderungen unserer Zeit nur durch Kooperation und offene Kommunikation lösen lassen. Das gilt für die Entwicklung von Impfstoff oder die Bekämp­fung einer Pandemie genauso wie für alle anderen Menschheitsfragen. Und es gilt auch für uns, wenn wir im Pflegeheim vor Ort etwas schaffen wollen.

Für mich persönlich hat die Pandemie auch einiges verändert. Meine Familie und ich wohnen in der Einrichtung, die ich leiten darf, und stehen durch die mit Corona verbundene Verantwortung gewisser­maßen unter Dauerstrom.

Natürlich gab es auch Erkenntnisse. Viele sehr dringend erscheinende Verpflichtungen mussten ausfallen und haben überhaupt keine Lücke hinterlassen. Das Wesentliche erkennen und den Mut aufbringen, sich darauf zu konzentrieren – das wäre eine schöne Lehre aus der Pandemie. © fos/aerzteblatt.de

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