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Politik

Kritik an späterem Start von Coronaimpfungen in Praxen

Freitag, 12. März 2021

Jens Spahn (r, CDU), Bundesminister für Gesundheit, Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Institut (RKI) und Anke Richter-Scheer, Vorstandsmitglied Hausärzteverband Westfalen-Lippe bei der heutigen Pressekonferenz zur Coronalage. /picture alliance, Kay Nietfeld

Berlin – Trotz wachsenden Drucks für einen schnellen Start in Deutschlands Arztpraxen dürfte sich ein kräftiger Anschwung für die Coronaimpfungen noch mehrere Wochen hinziehen. Die Bundesregierung hat mangels Prognosen einiger Hersteller noch keine Sicherheit über die genauen Impfstofflieferungen im April, wie Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) heute mitteilte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten wollen am kommenden Mittwoch den Fahrplan für die Praxen festlegen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnte, rasches Impfen nicht mit zu vielen Regelungen zu erschweren.

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Ziel der Bundesregierung sei, „schnellstmöglich in einer Kombination von Impfzentren und Hausärzten den Impfstoff an die Bürger zu bringen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Dafür müsse beraten werden, wie ein Einstieg der Hausärzte in die Impfkampagne ab Anfang oder Mitte April zu organisieren sei. Die Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Bund und Ländern peilen dies spätestens für die Woche vom 19. April an – oder früher, sollten dies die Liefermengen zulassen. Einzelne Länder planen bereits mit früheren Terminen.

Spahn sagte, für einen flächendeckenden Start in Praxen müsse genug Impfstoff da sein. Die Länder hätten darauf bestanden, im April 2,25 Millionen Impfungen pro Woche in ihren regionalen Impfzentren machen zu können. Daher sei es eine einfache Rechnung, warum dann weiterer Impfstoff im Millionen­umfang für den Start in Praxen nötig ist.

Wenn 50.000 Praxen mitmachten und sich auf die geringe Menge von je 20 Impfungen pro Woche be­schränkten, bräuchten sie schon eine Million Dosen. Schon heute würden aber Praxen in Impfungen ein­gebunden – etwa in Berlin, Vorpommern, Hamburg und dem Saarland. Dies geschehe, damit sich etwa Krebspatienten vom eigenen Arzt impfen lassen können.

Bei den Impfstoffmengen gibt es aber Unsicherheiten. „Wir wissen noch nicht abschließend von allen Herstellern alle Lieferdaten im nächsten Monat“, sagte Spahn mit Blick auf Astrazeneca und Moderna. Im ganzen zweiten Quartal sollten 60 Millionen Dosen nach Deutschland kommen – davon 40 Millionen von Biontech/Pfizer, von denen es aktuelle Daten gebe. Spahn warb für Verständnis fehlender weiterer Prognosen: Die Hersteller produzierten rund um die Uhr. Lagerhaltung gebe es nicht.

Bisher wurden laut Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium 12,5 Millionen Dosen der drei Hersteller an die Län­der geliefert. 2,7 Millionen Personen oder 3,3 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft. Knapp sechs Millionen Menschen haben mindestens eine der zwei nötigen Impfungen erhalten. Rund sieben Millionen Dosen erwartet der Bund noch in den rund drei Wochen bis Ende März. Vom Impfstoff von Biontech/Pfizer sind laut Spahn im April gut neun Millionen Dosen zu erwarten.

Bei dem gestern zugelassenen Impfstoff von Johnson & Johnson seien Lieferungen frühestens Mitte/En­de April realistisch. Spahn begrüßte, dass die EU-Kommission bei dem US-Hersteller nachhake. Die EU sei schließlich bereits im Oktober mit 300 Millionen Euro für den Kapazitätsaufbau in Vorleistung ge­gangen. Probleme beim Lieferstart von Johnson & Johnson in Europa haben damit zu tun, dass die USA die Ausfuhr dort abgefüllter Impfstoffe womöglich nicht erlauben.

Steinmeier warnte vor Schwarzmalerei und zu vielen Regeln. Vulnerable Gruppen müssten zuerst ge­impft werden, sagte er bei einem digitalen Kongress der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In Deutsch­land wolle man es besonders gut machen, sichere jede Maßnahme mit unzähligen Regeln ab. „Etwas mehr Pragmatismus täte uns gut. Erst recht, wenn in den kommenden Wochen mehr Impfstoff zur Verfü­gung steht.“

Spahn betonte, auch in den Arztpraxen könne nicht gleich auf die Reihenfolge von Impfungen zunächst für gefährdete Gruppen verzichtet werden. Bei Vorerkrankungen entscheiden aber ohnehin die nieder­gelassenen Ärzte, wie die Leiterin eines Impfzentrums in NRW, Anke Richter-Scheer, erläuterte.

Zum Beispiel werde eine junge Frau mit Schilddrüsenfehlfunktion später geimpft als ein älterer Mann mit Lungenfibrose, auch wenn beide in einer Prioritätengruppe seien. „Es muss in der Priorisierungs­gruppe 2 Unterscheidungen geben, die kann aber nur eine Ärztin oder ein Arzt vornehmen und das geht differenzierter in den Praxen.“

Aber auch Richter-Scheer, Mitglied im Vorstand des Hausärzteverbandes, forderte, zügiger den Impfstoff in die Praxen zu geben. „Wir sind es gewohnt, die Massen zu impfen“, bekräftigte Richter-Scheer. Dort könne sie auch priorisieren, leichter als oftmals im Impfzentrum. Sie plä­dierte in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Spahn aber dafür, große Berufsgruppen wie Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Polizisten weiter in Zentren zu impfen.

Ebenso forderte sie, die Dokumentationspflichten für die Impfung zu erleichtern. Bis zu sechs Unter­schrif­­­ten müssten von Medizinern im Impfzentrum gegeben werden, ebenso eine weitere unter den Impfpass. Für den Ablauf in der Praxis müsse dies noch verbessert werden, so ihre Forderung an den Bund und an das Robert-Koch-Institut.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Klaus Reinhardt, sprach sich im Deutschen Ärzteblatt dafür aus, so schnell wie möglich auf aufwendige Prüfverfahren zur Einhaltung der Reihenfolge zu verzichten. Der Präsident des Deu­tschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, forderte in der Augsburger Allgemeinen heute das Ende der Impfzentren: „Man mag die jetzt dort noch gebuchten Impftermine ja abarbeiten, aber parallel dazu muss das Feld der Impfungen endlich den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten überlassen werden.“ Die Praxen könnten sofort loslegen.

Auch der CDU-Gesundheitsexperte und Ausschussvorsitzende Erwin Rüddel (CDU) kritisierte das späte Impfen in den Praxen. Er sagte der Bild heute: „Wir müssen jetzt alles verimpfen, was geht. Das klappt nur in Verbindung mit den Arztpraxen.“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rechnet damit, dass es sogar bis Mai dauern wird, bevor das Impfen in den Arztpraxen in vollem Umfang in allen Ländern laufen kann. Er sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe heute: „Hätten wir jetzt schon die niedergelassenen Ärzte eingebunden, hätte das zu Enttäuschungen geführt. Wenn ein Arzt am Tag gerade mal ein paar Leute impfen kann, aber 1.000 bei ihm darauf warten, sorgt das nur für Ärger.“

Das Ethikratmitglied Wolfram Henn hat mehr Spielraum für Hausärzte bei der Impfreihenfolge gefordert, sobald der Coronaimpfstoff in den Praxen verfügbar ist. Grundsätzlich sei es richtig, an der Impfpriorisie­rung festzuhalten, aber: „Je mehr Impfstoff verfügbar wird, desto stärker kann man die weiterhin be­stehen­den ethischen Kriterien individualisieren“, sagte Henn heute dem Bayerischen Rundfunk. Sobald Hausärzte mitimpfen dürfen, sollte die Entscheidung in den Praxen liegen.

Als konkretes Beispiel nannte Henn etwa eine Hausärztin, „die es einfach besser weiß, als ein ministe­riell vorgegebenes Schema, ob der 69-jährige schwer lungenkranke Mensch dringender den Impfstoff braucht, als der 71-jährige Marathonläufer“. Deshalb werbe Henn für Vertrauen in die Hausärzte.

Gleichzeitig warnte das Ethikratmitglied vor zu viel Vorgaben und Kontrolle in der Debatte über die Priorisierung. Man dürfe keinen „bürokratischen Schraubenschlüssel“ ins Getriebe werfen und sollte stattdessen gewisse Freiheitsgrade lassen.

Spahn verwies auf Erfolge der Großaktion. „Wir konnten bereits die meisten Bürgerinnen und Bürger in den Pflegeheimen impfen“, sagte er. „Viele der über 80-Jährigen konnten bereits geimpft werden oder haben zeitnah einen Impftermin.“ Die Impfkampagne gewinne deutlich an Dynamik.

Mehr als sieben Prozent der Bevölkerung seien nun mindestens einmal geimpft. Zuletzt habe es bundes­weit mehr als 270.000 Impfungen am Tag gegeben. Angesichts wieder steigender Infektionszahlen mahnte er zu Vorsicht in der Coronakrise. Man müsse sich noch „auf einige sehr herausfordernde Wochen“ einstellen. © dpa/bee/aerzteblatt.de

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Avatar #88767
fjmvw
am Samstag, 13. März 2021, 21:47

Impfung erfordert bis zu sechs Unterschriften des Arztes - seid ihr völlig irre geworden?

Und bei der Aufzählung eines Vorstandsmitglieds des HÄV fehlt noch die Unterschrift in den Impfpass.

Immerhin, die Politik bleibt sich treu. Von Tuten und Blasen, also den realen Abläufen in Arztpraxen, keine Ahnung und deswegen kommt man auf völlig absurde Vorgaben. Selbst der Ethikrat hat gefordert, man dürfe nicht alles bis ins Kleinste regeln und müsse pragmatisch vorgehen.

Wer für eine Impfung 6 Unterschriften vorschreibt, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Vermutlich haben all diejenigen, die im BMG im letzten Jahr von den Beratern, die 42 Mio erhalten haben, beraten wurden, überhaupt nicht zugehört. Berater sprechen in der Industrie u. a. von "lean management", "lean administration" oder auch von "lean production".

Was auch immer die Politik bisher in Sachen Impfung auf den Weg gebracht hat, von lean ist man meilenweit entfernt. Das ist so ziemlich genau das Gegenteil von lean.

Andererseits, wenn ich es mir recht überlege, was will man von Politikern auch anderes erwarten. Hätten sie fachliche Expertise von Unternehmensorganisation, von Produktion und ähnlichen Dingen, wären sie vermutlich nicht Politiker geworden.
:-)
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