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Medizin

Gestationsdiabetes: Intensives Screening bleibt in US-Studie ohne Nutzen für Mutter und Kind

Freitag, 30. April 2021

/gamelover, stock.adobe.com

Portland/Oregon – Das von Diabetologen bevorzugte Screening von Schwangeren mit einem oralen Glukosetoleranztest (oGTT) hat in einer randomisierten Studie zwar die Zahl der Diagnosen eines Gestationsdiabetes erhöht. Die Häufigkeit der perinatalen und maternalen Komplikationen wurde nach den jetzt im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2026028) publizierten Ergebnissen jedoch nicht gesenkt.

Das Screening auf einen Gestationsdiabetes wird als notwendig betrachtet, da ein erhöhter Blutzucker in der Schwangerschaft die Gesundheit von Mutter und Kind gefährdet. Die Schwangeren haben laut der gemeinsamen Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Gynä­kologie und Geburtshilfe (DGGG) ein erhöhtes Risiko auf hypertensive Erkrankungen, Infektionen, Frühgeburt, Sectio, Geburtsverletzungen, postpartale Blutungen und Depressionen.

Die Kinder sind infolge des vermehrten intrauterinen Wachstums durch Geburtskomplikationen gefähr­det, sowie durch eine diabetische Fetopathie mit Hypoglykämien, Atemstörungen, Polyglobulie, Hypokalzämie, Hypomagnesiämie und Hyperbilirubinämie.

Wie das Sceening aussehen soll, ist umstritten. Gynäkologen bevorzugen einen 50-g-Suchtest, der in Deutschland laut Mutterschaftsrichtlinien in der 24. bis 27. Gestationswoche angeboten werden muss. Der Test ist praktikabel, da die Schwangeren nicht nüchtern sein müssen und die Untersuchung nach 1 Stunde abgeschlossen ist. Bei einem positiven Ergebnis, einem Blutglukosewert von 135 mg/dl oder mehr nach 1 Stunde, wird an einem 2. Termin ein 3-stündiger 75-g-oraler-Glukosetoleranztest (oGTT) durchgeführt.

Die Diabetologen befürchten, dass dieses Vorgehen in 2 Schritten viele Erkrankungen übersieht. Sie hielten es für günstiger, gleich beim ersten Termin einen (auf 2 Stunden verkürzten) oGTT durchzu­führen, für den die Schwangere jedoch nüchtern sein muss und der mit mehreren Blutabnahmen verbunden ist.

Die Forderung der Diabetologen wurde durch die Ergebnisse der HAPO-Studie („Hyperglycemia and Adverse Pregnancy Outcomes“) gestützt, die im Jahr 2008 einen linearen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen eines 2-stündigen oGTT mit Nachteilen für das Neugeborene (Makrosomie, Kaiserschnitt­entbindung und neonatale Hypoglykämie) aufgezeigt hatte. Die International Association of the Diabetes and Pregnancy Study Groups (IADPSG) hat sich deshalb für das 1-Schritt-Screening mit sofortigem oGTT ausgesprochen.

Die „ScreenR2GDM“-Studie hat jetzt die beiden Screening-Strategien miteinander verglichen. Insgesamt 23.792 Mitglieder des US-Krankenversicherers Kaiser Permanente Northwest wurden auf ein 1-Schritt oder 2-Schritt-Screening randomisiert. Die primären Endpunkte waren einmal die Diagnose eines Schwanger­schaftsdiabetes und dann verschiedene Folgen des Gestationsdiabetes für Mutter und Kind.

Wie erwartet führte das 1-Schritt-Screening zu einem deutlichen Anstieg der Diabetesdiagnosen auf 16,5 % gegenüber 8,5 % nach dem 2-Schritt-Screening. Teresa Hillier vom Forschungszentrum von Kaiser Permanente Northwest in Portland/Oregon ermittelt ein relatives Risiko von 1,94, das mit einem 97,5-%-Konfidenzintervall von 1,79 bis 2,11 signifikant war.

Trotz der häufigeren Diagnoserate und den damit verbundenen Therapien gab es jedoch keine Unter­schiede bei den klinischen Endpunkten zur Gesundheit von Mutter und Kind. Zur Makrosomie („large-for-gestational-age“) kam es bei 8,9 % und 9,2 % der Kinder nach 1-Schritt beziehungsweise 2-Schritt-Screening (relatives Risiko 0,95; 0,87 bis 1,05)

Zu perinatalen Komplikationen wie Totgeburt, neonataler Tod, Schulterdystokie, Knochenbruch oder Parese von Arm oder Hand infolge einer Geburtsverletzung kam es bei 3,1 % und 3,0 % (relatives Risiko 1,04; 0,88 bis 1,23).

Eine Schwangerschaftshypertonie oder Präeklampsie traten bei 13,6 % und 13,5 % der Frauen auf (relatives Risiko 1,00; 0,93 bis 1,08). Ein Kaiserschnitt wurde bei 24,0 % und 24,6 % durchgeführt (relatives Risiko 0,98; 0,93 bis 1,02).

Die häufigere Diabetesdiagnose hatte damit keine Vorteile für Mutter und Kind. Sie könnte sogar die Diagnose erschweren, weil die Compliance beim 1-Schritt-Screening schlechter war. Nur 66 % der Frauen nahmen an der Untersuchung teil, vor der sie nicht essen durften und die mehrere Blutentnahmen erforderlich macht und etwas mehr Geduld erfordert. Am 2-Schritt-Screening beteiligten sich dagegen 92 % der Schwangeren. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 2. Mai 2021, 12:09

HbA1c-Anachronismus?

Von Diabetologen bevorzugtes Screening von Schwangeren mit einem oralen Glukosetoleranztest (oGTT) hat in einer randomisierten Studie die Zahl der Diagnosen eines Gestationsdiabetes naheliegenderweise erhöht, aber die Häufigkeiten perinataler und maternaler Komplikationen wurden nach den jetzt im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2026028) publizierten Ergebnissen nicht gesenkt.
Screening auf Gestationsdiabetes ist notwendig, da erhöhter Blutzucker in der Gravidität Gesundheit von Mutter und Kind gefährdet. Laut gemeinsamen Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Gynä­kologie und Geburtshilfe (DGGG) haben Betroffene erhöhte Risiken hypertensiver Erkrankungen, Infektionen, Frühgeburten, Sectios, Geburtsverletzungen, postpartale Blutungen und Depressionen.

Doch warum werden als Parameter nicht die einfacheren HbA1c-Messungen genommen, die bei jeder Blutentnahme einfach mitbestimmt werden.

Ein Anachronismus sondergleichen, weil der oGTT völlig unphysiologisch ist!

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Quellen:
HbA1c Measured in the First Trimester of Pregnancy and the Association with Gestational Diabetes
Hinkle SN et al. Sci Rep 2018; 8: 12249
https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/gestationsdiabetes-risiko-per-hba1c-bestimmen/


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