NewsPolitikAstrazeneca-Im­pfungen starten wieder, Impfung in Praxen rückt erneut in den Fokus
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Astrazeneca-Im­pfungen starten wieder, Impfung in Praxen rückt erneut in den Fokus

Freitag, 19. März 2021

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (rechts) und Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts /picture alliance, Annette Riedl

Berlin/Amsterdam – Die vorsorglich gestoppten Coronaimpfungen mit dem Präparat von Astrazeneca sollen in Deutschland wieder starten. Vorgesehen sind allerdings ein neuer Warnhinweis zu möglichen Nebenwir­kun­gen und eine entsprechende Aufklärung durch die impfenden Ärzte.

Ziel sei, dass schon heute damit begonnen werden könne, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gestern Abend Punkt 20 Uhr – einige Stunden nach einem Votum der Europäischen Arzneimittel­be­hörde (EMA) und Bera­tungen mit den Ländern. Die EMA hatte zuvor die Sicherheit des Impfstoffes be­kräftigt. Es werde aber eine extra Warnung vor möglichen seltenen Fällen von Thrombosen in Hirnvenen hinzugefügt.

Anzeige

Spahn sagte, das Aussetzen sei notwendig gewesen, um Sicherheit zu bekommen. Dies zeige, dass die Bürger darauf vertrauen könnten, dass sorgfältig geprüft werde. Ärzte ohne diese Informationen weiter­im­pfen zu lassen, wäre schwer zu verantworten gewesen.

Das festgestellte Risiko werde weiterhin als geringer angesehen als die Folgen, die Nichtimpfen habe. Wichtig für das Vertrauen sei aber „informiertes Impfen“. In die Aufklärungsbögen für Patienten solle schnellstmöglich das Risiko bei Frauen unter 55 Jahre eingefügt werden. Ärzte könnten eine erfolgte Aufklärung dazu vorerst auch handschriftlich ergänzen.

Der Präsident des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, sagte: „Es ist klargestellt, es handelt sich um ein sehr seltenes Ereignis, und es ist klargestellt, dass insofern die Im­pfungen weiterhin ein positives Nutzen-Risiko-Profil tragen und weitergeimpft werden kann.“

Die Länder-Gesundheitsminister sprachen sich einstimmig für eine Fortsetzung der Impfungen mit Astrazeneca ab heute aus. „Das ist ein gutes Signal für alle Menschen, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen wollen“, sagte der Vorsit­zende Klaus Holteschek (CSU) aus Bayern. Die Länderminister stünden auch hinter dem vorüberge­hen­den Impfstopp mit Astrazeneca, betonte er. „Sicherheit geht vor.“

Der Impfstoff kam nachdem Auffälligkeiten in einigen Ländern auf den Prüfstand. In Deutschland gibt es inzwischen 13 gemeldete Fälle von Hirnvenenthrombosen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen mit dem Präparat, wie das Gesundheitsministerium mitteilte.

Drei Patienten seien gestorben. Insgesamt handele es sich um zwölf Frauen und einen Mann im Alter zwi­schen 20 und 63 Jahren. Die Bundesregierung stoppte den Einsatz von Astrazeneca am vergangenen Mon­tag nach einer Empfehlung des PEI – damals gab es sieben Fälle. Trotz insgesamt mehr als 1,6 Millionen Impfungen sei dies überdurchschnittlich häufig, hieß es aus dem PEI.

Prüfungen werden fortgesetzt

Die EMA erklärte, sie sehe keine erhöhten Gesundheitsgefahren und empfahl die Fortsetzung der Im­pfungen. „Der Impfstoff ist sicher und effektiv gegen COVID-19, und die Vorteile sind wesentlich größer als die Risiken“, sagte EMA-Chefin Emer Cooke in Amsterdam. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Impfungen die Vorfälle verursacht hätten. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen. Daher würden die Prüfungen und Studien auch fortgesetzt. Exper­ten der EMA hatten alle Daten der Fälle gemeinsam mit dem Hersteller des Impfstoffes, Experten für Bluterkrankungen sowie Gesundheitsbehörden geprüft.

Astrazeneca ist als dritter Coronaimpfstoff zugelassen worden und spielt eine wichtige Rolle in der ge­samten Impfstrategie der EU. Der britisch-schwedische Hersteller hat zwar Lieferschwierigkeiten, den­noch sind 70 Millionen Dosen für das zweite Quartal vorgesehen. Weil das Präparat nicht so stark ge­kühlt werden muss, kann es auch gut von Hausärzten gespritzt werden. Verfügbar sind daneben auch die schon zuvor zugelassenen Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna.

Nach Kritik wegen knapper Mengen und überlasteten Terminhotlines werden in den nächsten Monaten größere Impfstoffmengen erwartet. Im zweiten Quartal sollen 40,2 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer kommen. Von Astrazeneca waren bisher 16,9 Millionen Dosen vorgesehen. Dazu sind 6,4 Millionen Do­sen von Moderna eingeplant. Zudem wird wohl in der zweiten Aprilhälfte der Lieferbeginn des inzwi­schen ebenfalls zugelassenen Präparats von Johnson & Johnson erwartet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder wollen sich heute zu einem „Impfgipfel“ per Telefonkonferenz zusammenschalten. Beraten werden soll auch über den Zeitplan für einen breiten Impfstart in Praxen.

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern peilen diesen Übergang spätestens für die Woche vom 19. April an. Zu klären ist dafür auch, wie verfügbarer Impfstoff zwischen Praxen und den regionalen Impfzentren der Länder aufgeteilt werden soll. Spahn sagte, mit dem Beginn der Astrazeneca-Impfungen am Freitag gelte es nun, vier verstrichene Tage aufzuholen.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte: „Die Einbindung der Ärzteschaft in die Re­gel­versorgung wäre ein starkes Signal.“ Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte Bund und Länder auf, frühzeitig mit den Coronaimpfungen in den Praxen zu beginnen.

Bereits am 10. März hatten sich die Landesgesundheitsminister auf eine Empfehlung für das Spitzen­treffen von Bund und Ländern geeinigt. Spätestens in der Woche vom 19. April sollen demnach die Impfungen in den bis zu 70.000 Haus- und Facharztpraxen flächendeckend beginnen.

Die Länder wollen ferner, „dass für die Startphase im April bundesweit eine Grundmenge von 2,25 Millionen Impfdosen pro Woche für die Impfzentren zur Verfügung steht“. Bis heute wollen die Länder dem Bund mitteilen, „wie ihr Anteil auf die verschiedenen Hersteller im April pro Woche aufgeteilt werden soll“.

Zahlreiche Reaktionen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wertet die EMA-Entscheidung als gute Nachricht. Jetzt müssten die Ministerpräsidenten gemeinsam mit der Kanzlerin auf ihrem Impfgipfel die Weichen dafür stellen, dass das Impfen schnell in die Praxen überführt werden könne, sagte KBV-Chef Andreas Gassen. „Jeder Tag zählt. Wir haben keine Zeit zu verlieren“. „Wir haben das erwartet und sind erleichtert, dass jetzt endlich durch die Praxen Schwung ins Impfgeschäft kommen kann“, erklärte KBV-Vize Stephan Hofmeister.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat nach der Wiederzulassung des Impfstoffs vom Hersteller Astrazeneca durch die Europäische Arzneimittelbehörde eine flächendeckende Impfung mit diesem Vakzin in Arztpraxen der Hauptstadt gefordert. Gerade mit Blick auf die derzeitige Verunsicherung der Bevölkerung solle der britisch-schwedische Impfstoff dort gespritzt werden, wo bereits ein Vertrauens­verhältnis zwischen Ärzten und Patienten bestehe, teilte die Vereinigung gestern mit. In den Praxen könne es auch eine intensive Aufklärung geben.

Für Frank Bergmann, den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, ist der Impfstoff von Astrazeneca unverzichtbar. „Wir können es uns gesellschaftlich nicht leisten, auf so einen entscheidenden Baustein bei der Immunisierung der Bevölkerung zu verzichten“, sagte er. Gerade mit Blick auf das aktuelle hohe Infektionsgeschehen und den gleichzeitigen Wunsch, möglichst schnell wieder in eine gewisse Alltagsnormalität zurückkehren zu können, brauche man „grundsätzlich jeden verfügbaren Impfstoff“. Er betonte, die Ärzte im Rheinland warteten nur darauf, ins Impfgeschehen einsteigen zu dürfen.

„Das Vertrauen in den Impfstoff hat jetzt leider stark gelitten. Es wäre daher sicher eine gute Möglich­keit, Astrazeneca für Freiwillige zur Verfügung zu stellen, die keine Angst haben und in der Impfreihen­folge aber noch gar nicht berücksichtigt werden“, sagte DIVI-Präsident Gernot Marx. Zudem eigne sich der Impfstoff hervorragend, um endlich die Hausärzte in die Strategie mit einzubin­den. Wir können damit jetzt deutlich schneller werden. Es darf einfach keine Impfdosis ungenutzt bleiben."

SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, zeigte sich erleichtert, wies aber auch darauf hin, dass eine gute und umfassende Aufklärung der Impfwilligen über mögliche Risiken und Ausschlusskriterien erfol­gen muss. „Als Hausärztin weiß ich aus meiner eigenen Praxiserfahrung, wie wichtig das Vertrauensver­hältnis zwischen Arzt und Patient für Aufklärung, Behandlung und Nachverfolgung ist“, sagte sie.

Sie teile die Auffassung des Hausärzteverbandes, dass die ambulanten Praxen umgehend in die Impf­stra­tegie einbezogen werden müssten. „Es ist jetzt wichtig, dass wir den Impfturbo einlegen. Wir müssen alle vorhandenen Impfstoffdosen verimpfen, damit die Bevölkerung möglichst gut geschützt ist gegen die 3. Coronawelle.“

Die Grünen-Chefin Kathrin Göring-Eckardt forderte, sofort auch Coronaimpfungen durch Haus- und Be­triebsärzte zuzulassen. Sie müssten "umgehend mit ins Boot", sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Sie kennen ihre Patienten, sie wissen, wen sie wie aufklären müssen.“ Nun müsse die Bundesregierung „rasch für Klarheit sorgen“, wie zügig weiter geimpft werden könne. Abgesagte Termine müssten so schnell wie möglich erneut vergeben werden.

Aus Sicht der CDU-Abgeordneten und Gesundheitspolitikerin Karin Maag war die vorsorgliche Ausset­zung bis zu dieser Prüfung richtig. „Angesichts des um ein Vielfaches höheren Risikos für einen sehr schweren Krankheitsverlauf bei COVID-19, der auch junge Menschen treffen kann, und der möglichen Folge­wirkungen einer Coronainfektion ist es eine gute Entscheidung, wenn wir auf einer guten Prüfbasis auch diesen Impfstoff weiter verimpfen können“, sagte sie.

Der CDU-Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel (CDU) sagte der Passauer Neuen Presse: „In den Arztpraxen darf die Priorisierung keine Rolle spielen. Menschen, die prioritär geimpft werden sollen, können über die Impfzentren einen Termin erhalten.“

Kordula Schulz-Asche, Berichterstatterin für Infektionsschutz der Grünen im Bundestag, mahnte an, das Vertrauen in die Impfung wieder zu stärken. Dafür sei eine „gute“ Kommunikation zu den Gründen der EMA notwendig. Die Sicherheit der Impfstoffe habe eine große Bedeutung, gerade auch für die Akzep­tanz der Impfungen in der Bevölkerung. Verdachtsfällen von Nebenwirkungen müsse weiter nachgegan­gen werden."

Achim Kessler, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion erneuerte die Forderung nach einer Li­zenzfreigabe. Damit könne man „die Impfstoffproduktion weltweit massiv hochgefahren“. Wenn die Her­stellung des Kuchens weltweit ausgeweitet werde, bekämen auch die Menschen in Deutschland mehr davon ab. Er plädiere auch dafür, die Prüfung der Zulassung des russischen Impfstoffs Sputnik V voran­zutreiben.

Der AfD-Gesundheitspolitiker Detlev Spangenberg forderte, „dass die Bürger in ihrer Entscheidung, ob und womit sie sich impfen lassen wollen, frei bleiben“. Der Virologe Alexander Kekulé forderte in der Neuen Osnabrücker Zeitung, die Impfunterbrechung aufzuholen, indem alle Älteren zunächst nur einmal geimpft werden. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

Themen:

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #801950
psych12
am Freitag, 19. März 2021, 16:23

EMA lässt Impfstoff anhand statist.Daten zu

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) kündigte am Donnerstag weitere Untersuchungen an. Ihre Überprüfung des AstraZeneca-Impfstoffs erfolgte lediglich anhand von statistischen Daten. Nach der Auswertung kam die EMA zu dem Schluss, dass das Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken oder zu sterben, sehr viel wahrscheinlicher sei, als eine extrem seltene Hirnvenenthrombose mit oder ohne Blutung zu erleiden. Dementsprechend sei der Impfstoff „sicher“ und könne weiter verimpft werden - allerdings mit einem entsprechender Warnhinweis.
So eine Aussage schafft kein Vertrauen.
LNS
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER