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Politik

Frühgeborene: Neue Mindestmengen führen zu Leistungsverlagerung

Mittwoch, 24. März 2021

/picture alliance, Florian Peljak

Berlin – Die neue Mindestmenge für Neugeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1.250 Gramm ist für die Versorgung relevant. Das hat die stellvertretende Leiterin des Instituts für Qualitätssi­che­rung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG), Regina Klakow-Franck, betont.

„Es ist unbestreitbar, dass es einen statistischen Zusammenhang zwischen der Leistungsmenge und der Ergebnisqualität gibt“, sagte sie gestern auf einer virtuellen Veranstaltung der AOK Nordost. „Alle Stu­di­en zu diesem Thema haben diesen Zusammenhang immer wieder neu bestätigt.“

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Auf der Basis eines IQTIG-Gutachtens hatte der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) Ende Dezember 2020 die entsprechende Mindestmenge von 14 auf 25 angehoben. Es gilt ein Übergangszeitraum bis 2025.

„In Deutschland wurden im Jahr 2018 circa 6.500 Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1.250 Gramm pro Jahr geboren – in insgesamt 309 Standorten“, erklärte Klakow-Franck. „Nur die Hälfte dieser Standorte hat die alte Mindestmenge von 14 Geburten pro Jahr erreicht.“

„Der Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Ergebnisqualität ist linear“, betonte Klakow-Franck. „Je mehr Frühchen versorgt werden, desto besser ist das Outcome.“ Der Übergang sei allerdings fließig. „Insofern ist es schwierig, einen eindeutigen Cut-Off-Punkt festzulegen“, betonte sie. „Der G-BA hat sich für 25 entschieden. International werden noch viel höhere Zahlen diskutiert.“

Es geht ums Überleben

Sabine Leitner vom Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ erklärte, dass sich ihr Verband für eine Mindestmenge von 30 eingesetzt habe. „Und damit liegen wir schon im unteren Bereich“, betonte sie.

„Wichtig war es in jedem Fall, die Mindestmenge von 14 zu beenden, weil diese zu niedrig war. Es ist wichtig für die Eltern, dass sie ihre Frühchen in einem Zentrum gebären können, das routiniert ist, so­wohl im ärztlichen als auch im nichtärztlichen Bereich.“

Leitner zufolge handelt es sich um ein sehr vulnerables Patientenklientel, bei dem das Geburtsgewicht von 1.250 Gramm die Obergrenze ist. Es gehe dabei „auch um Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 400 bis 600 Gramm, die gerade in der ersten Stunde nach der Geburt einer besonders kritischen Phase ausge­setzt sind. Wenn das Kind dann nicht richtig abgeholt wird, geht es ums Überleben“, sagte sie.

Die Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, Daniela Teichert, erklärte: „Wir befürworten Mindestmengen überall dort, wo es eine gesicherte Studienlage gibt und wo es Sinn macht, Leistungen zu konzentrieren. Da möchten wir dann nicht, dass unsere Versicherten in das nächstgelegene Krankenhaus fahren, son­dern in das Krankenhaus, in dem sie eine möglichst gute Behandlung erhalten.“ Dabei berate die AOK Nordost ihre Versicherten unter anderem mit einer Mindestmengentransparenzliste.

In Brandenburg werden Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1.250 Gramm bislang in vier Krankenhäusern in Cottbus, Potsdam, Frankfurt an der Oder und Brandenburg an der Havel versorgt. „Durch die neue Mindestmenge wird es zu einer Leistungsverlagerung kommen“, sagte Jouleen Gruhn vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Brandenburg. So könne die Versorgung künftig nur noch in Cottbus und Potsdam vorgenommen werden.

„In allen vier Zentren wird heute eine hochwertige Versorgung angeboten“, betonte Gruhn. „In allen vier Standorten gibt es jahrzehntelange Erfahrung in diesem Bereich. Wenn man zwei Standorte nun auf­grund von Mindestmengen streicht, geht diese Expertise für die Bewohner verloren.“ Es beständen keine Hinweise darauf, dass die Versorgungsqualität in Frankfurt und Brandenburg schlechter sei, als sie sein sollte.

„Deshalb würden wir diese Standorte gerne erhalten“, sagte Gruhn. „Deshalb strebt Brandenburg eine Sonderregelung aufgrund der regionalen Besonderheit an, mit der diese Standorte erhalten bleiben. Man kann nicht alle Bundesländer über einen Kamm scheren.“ Zudem müsse man auch überlegen, was eine Schließung dieser beiden Zentren für die ärztliche Ausbil­dung bedeute. Denn junge Ärzte könnten dort dann nicht mehr ausgebildet werden.

Ausnahme schwierig

„Wir können jetzt nicht anfangen, für jeden eine Ausnahme zu machen“, entgegnete Leitner. „Wir brau­chen gute Übergangsregelungen. Es werden jedes Jahr zwischen 63.000 und 66.000 Frühchen in den Krankenhäusern geboren. Die Länder wissen gut darüber Bescheid, was auf sie zukommt. Das ist meist eine planbare Sache.“

Im Hinblick auf die ärztliche Ausbildung erklärte Klakow-Franck: „Dann muss man eben akademische Lehrkrankenhäuser in der Fläche errichten. Es kann aber nicht sein, dass Krankenhäuser weiterhin eine Behandlung anbieten dürfen, für die sie die Mindestmenge nicht erreichen, nur, damit eine ärztliche Ausbildung durchgeführt werden kann.“ © fos/aha/aerzteblatt.de

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