NewsMedizinErnährung: Studie untersucht Erkrankungsrisiken von Fleischessern
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Ernährung: Studie untersucht Erkrankungsrisiken von Fleischessern

Mittwoch, 12. Mai 2021

/Firn, stock.adobe.com

Oxford – Menschen, die gerne und viel rotes Fleisch und Wurstwaren verzehren, sind anfälliger für Herzinfarkt, Lungenentzündungen, Darmdivertikel, Dickdarmpolypen und Diabetes, erkranken aber seltener an einer Eisenmangelanämie.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der UK Biobank in BMC Medicine (2021; DOI: 10.1186/s12916-021-01922-9). Der vermehrte Verzehr von Geflügelfleisch war mit einem höheren Risiko auf gastroösophageale Refluxkrankheit, Gastritis und Duodenitis, Darmdivertikel, Gallenblasen­erkrankungen und Diabetes verbunden.

Die UK Biobank, die zwischen 2006 und 2010 Blutproben von fast einer halben Million Briten archiviert hat, entwickelt sich zu einer wichtigen Datenquelle, um den Einfluss von Ernährungsgewohnheiten auf die Gesundheit zu untersuchen. Der Grund ist ein Fragebogen zu den Ernährungsgewohnheiten, den die Teilnehmer bei ihrem Besuch in den Studienzentren ausfüllten. Die Antworten lassen sich mit späteren Erkrankungen in Beziehung setzen, die sich durch eine Vernetzung mit den Krankenhausstatistiken und Sterberegistern ermitteln lassen.

Epidemiologen der Universität Oxford haben jetzt die Auswirkungen auf 25 häufige Erkrankungen untersucht – wobei Krebserkrankungen ausgenommen wurden, da diese bereits in früheren Untersuchu­ngen mit einem erhöhten Verzehr von rotem Fleisch und insbesondere Wurstwaren in Verbindung gebracht wurden. Der World Cancer Research Fund rät deshalb, den Fleischkonsum auf weniger als 3 Portionen oder maximal 350 bis 500 Gramm pro Woche einzuschränken (auf Wurstwaren sollte weit­gehend verzichtet werden).

Zunächst einmal fiel Keren Papier und Mitarbeitern vom Nuffield Department of Population Health auf, dass Fleischliebhaber offenbar auch in anderen Bereichen zu einem ungesunden Lebensstil neigen. Es gab unter ihnen mehr Raucher und der Alkoholkonsum war höher. Der hohe Fleischverzehr war mit einer geringen Aufnahme von Obst und Gemüse, Ballaststoffen und Fisch verbunden. Fleischesser bewegten sich weniger, und sie hatten im Durchschnitt einen höheren Body-Mass-Index.

Da diese Faktoren für sich das Erkrankungsrisiko beeinflussen können, musste Papier es bei den Berechnungen berücksichtigen, was möglich und in epidemiologischen Studien seit langem üblich ist.

Die Analyse ergab, dass der begleitende ungesunde Lebensstil die Krankheitsrisiken nicht vollständig erklären konnte. Ein vermehrter Verzehr von rotem Fleisch oder Wurstwaren blieb mit einem erhöhten Risiko auf verschiedene Krankheiten verbunden. So steigt pro 70 Gramm Fleischverzehr am Tag das Risiko auf ischämische Herzerkrankungen um 15 % (Hazard Ratio, HR 1,15; 95-%-Konfidenzintervall 1,07 bis 1,23).

Das Risiko auf Lungenentzündungen nahm um 31 % zu (HR 1,31; 1,18 bis 1,44) und das Risiko auf Darmdivertikel um 19 % zu (HR 1,19; 1,11 bis 1,28). Dickdarmpolypen (HR 1,10; 1,06 bis 1,15) und ein Diabetes (HR 1,30; 1,20 bis 1,42) traten ebenfalls häufiger auf. Die Risiken waren für rotes Fleisch und Wurstwaren in den meisten Fällen ähnlich.

Einzige Ausnahme war die Eisenmangelanämie. Unter ihr leiden Menschen, die häufiger rotes Fleisch verzehren, tendenziell seltener (HR 0,80; 0,72 bis –0,90 pro 50 g/Tag ). Ein protektiver Einfluss von Wurstwaren war hier nicht erkennbar.

Der Verdacht, dass ein hoher Fleischverzehr das Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, ist nicht neu. Frühere Studien, etwa die EPIC-Studie, sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Mögliche Erklä­rungen sind der hohe Anteil an gesättigten Fettsäuren und der Salzgehalt (vor allem bei Wurst­waren). Auch die Darmflora mit der vermehrten Bildung von Trimethylaminoxid (TMAO) könnte eine Rolle spielen. Das erhöhte Pneumonierisiko ist neu. Der hohe Eisengehalt, der das Wachstum von Bakterien fördert, bietet einen möglichen Erklärungsansatz.

Dass ein hoher Fleischkonsum mit einem erhöhten Risiko auf Darmdivertikel einhergeht, ist ebenfalls in früheren Studien aufgefallen. Dass bei Fleischessern bei der Darmspiegelung häufiger Polypen gefunden werden, ist ein erster Hinweis auf das erhöhte Darmkrebsrisiko.

Auch der Verzehr von Geflügelfleisch war mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden. Teilweise sind es die gleichen Risiken wie beim roten Fleisch. Pro 30 Gramm Geflügelfleisch pro Tag kam es häufiger zu Darmdivertikeln (HR 1,10; 1,04 bis 1,17) und einem Diabetes (HR 1,14; 1,07 bis 1,21) und seltener zur Eisenmangelanämie (HR 0,83; 0,76 bis 0,90).

Der vermehrte Verzehr von Geflügelfleisch war (pro 30 Gramm/Tag) auch mit einem höheren Risiko auf eine gastroösophageale Refluxkrankheit (HR 1,17; 1,09 bis 1,26), Gastritis und Duodenitis (HR 1,12; 1,05 bis 1,18) verbunden. Auch das Risiko auf eine Gallenblasenerkrankung (HR 1,11; 1,04 bis 1,19) stieg an.

Die gastroösophageale Refluxkrankheit sowie Gastritis und Duodenitis ließen sich plausibel durch eine erhöhte Rate von Infektionen mit Helicobacter pylori erklären, zu denen es bei einer unhygienischen Zubereitung oder dem unzureichenden Garen von Geflügelfleisch kommen könnte. Bei den Gallenbla­senerkrankungen vermutet Papier einen Einfluss der Adipositas, die durch die Berücksichtigung des BMI vielleicht nicht völlig eliminiert werden konnte.

Wie bei allen epidemiologischen Untersuchungen lässt sich trotz der hohen Teilnehmerzahl auch in der UK Biobank-Studie nicht ganz ausschließen, dass nicht der Fleischverzehr, sondern andere nicht erkannte Aspekte des Lebensstils für das erhöhte Risiko verantwortlich sind. Auch die Tatsache, dass die Teilnehmer nur ein einziges Mal nach ihrer Ernährung befragt wurden, ist eine Schwäche der Studie.

Wenn aber epidemiologische Studien immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen kommen, drängt sich der Verdacht auf, dass ein übermäßiger Fleischverzehr doch für die eine oder andere Erkrankung verantwortlich sein könnte. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 14. Mai 2021, 12:43

HAXE DES BÖSEN ODER HAXE DES BLÖDEN?

2015 schrieb ich über "Die Haxe des Bösen":
Carcinogenicity of consumption of red and processed meat war der plakative Titel einer vorläufigen Publikation, die 22 internationale Experten aus 10 Ländern gemeinsam mit der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon/F im Lancet veröffentlichten. Verarbeitetes/gepökeltes/geräuchertes Fleisch (‚processed meat‘), insbesondere gebraten/gegrillt/nitrosamin-/acrylamid-haltig wurde mit unbehandeltem Schlachtfleisch (rotem Fleisch) in einen Topf geworfen.
https://www.doccheck.com/de/detail/articles/12338-haxe-des-boesen-3-0

Wie das die im DÄ aktuell beschriebenen Krankheitsrisiken von hohem Fleisch- und Wurstkonsum angeht? Einmalig retrospektiv befragte Konsumenten, die nur beschreiben, was sie gegessen h a b e n, nicht was sie essen w e r d e n, weisen bei exzessivem, undifferenzierten Fleischkomsum besondere Charakteristika auf: Signifikant niedrigeren sozioökonomischen Status/Bildungsgrad/geringeres Krankheits-/Präventions-Bewusstsein/mangelhaft ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein/wesentlich höheres sonstiges Risikoverhalten durch Rauchen/Alkohol/Fehl-, Überernährung/Bewegungsmangel. Fettleber/metabolisches Syndrom/Typ-2-Diabetes/Adipositas/Hypertonie/hypertensive Herzkrankheit/Dyslipidämie/KHK/Herzinsuffizienz/Konsum weiterer Drogen/Inkaufnahme von Umweltbelastungen (Wasser, Erde, Luft)/ungünstigere Lebens-/Wohn-/Arbeitsverhältnisse/Arbeitslosigkeit/ psychische Belastungen/fehlende kulturelle Reflexion treten hinzu.

Kausalität versus bloße Korrelation lässt sich nur mit gut geplanten prospektiven Studien lösen. Das gilt auch und besonders für Ernährungstudien bzw. damit verbundene, möglicherweise nachweisbare Fleischkonsum-Risiken.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER