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Medizin

Sildenafil könnte Leben von Koronarpatienten verlängern

Mittwoch, 12. Mai 2021

/picture alliance, Richard Drew

Stockholm – Patienten mit stabiler Koronarer Herzkrankheit, denen die Ärzte zur Behandlung einer erektilen Dysfunktion Sildenafil oder einen anderen Phosphodiesterase-5-Hemmer verschrieben, hatten in einer Studie im Journal of American College of Cardiology (2021; DOI: 10.1016/j.jacc.2021.01.045) ein niedrigeres Sterberisiko als bei einer Verordnung von Alprostadil, einem lokal angewendeten Mittel zur Erzielung einer Erektion.

Die erektile Dysfunktion gehört zu den Gefäßerkrankungen, deren Ursache heute in einer endothelialen Dysfunktion vermutet wird, die als Anfangsstadium der Atherosklerose gilt. Nicht zufällig tritt die Stö­rung häufig bei Personen auf, die weitere Komponenten des metabolischen Syndroms wie Bluthoch­druck, Diabetes und Dyslipidämie aufweisen.

Eine Behandlung mit Sildenafil galt anfangs gerade in dieser Gruppe als riskant. Die gefäßerweiternde Wirkung des Phosphodiesterase-5-Hemmers wurde für Blutdruckabfälle mit Synkopen und für pektan­ginöse Beschwerden verantwortlich gemacht. Auch die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzte­schaft wies im Jahr 2000 auf die mögliche Gefahr hin.

Inzwischen wird eher eine günstige Auswirkung der „Potenzmittel“ auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen diskutiert. Vor 4 Jahren konnte der Epidemiologe Martin Holzmann vom Karolinska Institut in Stockholm zeigen, dass Männer mit einem Herzinfarkt in der Vorgeschichte ein um 33 % geringeres Sterberisiko hatten, wenn der Arzt ihnen Sildenafil verordnet hatte. Auch das Risiko auf eine Herzinsuffizienz war um 40 % vermindert (Heart, 2017; DOI: 10.1136/heartjnl-2016-310746).

Gegen diese Studie wurde eingewendet, dass Holzmann Äpfel mit Birnen verglich. Denn die Männer, denen kein Sildenafil verordnet wurden, litten in der Mehrheit nicht an einer erektilen Dysfunktion und hatten deshalb möglicherweise ein anderes Ausgangsrisiko.

Holzmann hat deshalb für die neue Studie als Vergleichsgruppe Männer ausgewählt, denen Alprostadil verordnet wurde. Alprostadil ist ein Prostaglandin, das wie Sildenafil die Blutgefäße erweitert und dadurch eine Erektion fördert. Anders als Sildenafil wird es ausschließlich lokal angewendet (als Injek­tion in den Schwellkörper oder auch als Salbe).

Seit es Sildenafil gibt, wird Alprostadil seltener eingesetzt. Holzmann konnte in den schwedischen Registern jedoch 1.994 Personen ermitteln, denen das Mittel zwischen 2006 und 2013 über mehr als 6 Monate verordnet wurde. Der Epidemiologe verglich sie mit 16.548 Männern, die im gleichen Zeitraum Sildenafil oder einen anderen Phosphodiesterase-5-Inhibitor (PDE5i) wie Tadalafil oder Vardenafil verschrieben bekommen hatten.

Die Analyse wurde dabei auf Personen beschränkt, bei denen zuvor eine stabile Koronare Herzkrankheit diagnostiziert worden war. Kriterien hierfür waren ein Herzinfarkt, eine Ballondilatation oder eine Bypass-Operation in der Vorgeschichte.

Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 5,8 Jahren kam es in der PDE5i-Gruppe zu 2.261 Todesfällen (14 %) gegenüber 521 Todesfällen (26 %) in der Alprostadil-Gruppe. Der Unterschied beruhte teilweise darauf, dass die Alprostadil-Anwender häufiger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs litten.

Nach der adjustierten Analyse, die diese Ungleichgewichte korrigierte, blieb jedoch ein um 12 % niedrigeres Sterberisiko für die PDE5i-Anwender übrig. Die Hazard Ratio von 0,88 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,79 bis 0,98 signifikant. Ähnliche Assoziationen wurden für Herzinfarkt, Herzin­suffizienz, kardiovaskuläre Mortalität und kardiale Revaskularisationen (Stent oder Bypass) gefunden. Für Schlaganfälle und die periphere arterielle Verschlusskrankheit wurde ein tendenzieller Rückgang bei den PDE5i-Anwendern gefunden.

Die meisten Assoziationen waren dosisabhängig. Die Personen, die die PDE5i am häufigsten eingesetzt hatten, waren in der Folge am wenigsten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tod betroffen. Die deutlichsten Auswirkungen wurden bei den jüngeren Anwendern gesehen, bei denen die erektile Dysfunktion am häufigsten auf eine beginnende Atherosklerose zurückzuführen ist.

Holzmann sieht darin einen Hinweis auf eine Kausalität, die eine epidemiologische Studie jedoch streng genommen nicht beweisen kann. Die Untersuchung zeige jedoch, dass die Zurückhaltung bei der Verord­nung von PDE5i an ältere Menschen mit Koronarer Herzkrankheit nicht berechtigt sei. © hil/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #621880
Puls123
am Samstag, 22. Mai 2021, 11:17

Risiko und deutsche Sprache vs Google translator

"Auch das Risiko auf eine Herzinsuffizienz war um 40 % vermindert" - nein, immer noch ist das Risiko FÜR eine Herzinsuffiziens vermindert - bitte den Translator aus und den Verstand einschalten!
Avatar #760232
penangexpag
am Freitag, 14. Mai 2021, 15:55

Nicht vergleichbar

Alprostadil und Sildenafil haben unterschiedliche Wirkmechanismen. Während Alprostadil unabhängig von der sexuellen Stimulation wirkt, setzt Sildenafil eben diese voraus. Deswegen kann vermutet werden, daß sich die Sildenafil-Kohorte grundsätzlich in einem besseren psychosomatischen Zustand befand als die Alprostadil-Kohorte - und daher eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit hatte. Der Effekt würde dann nicht auf einem pharmakologischen
Prozeß beruhen, sondern in einer nicht vergleichbaren Kohortenauswahl. Sildenafil gleichsam als Medikament im Zusammenhang mit der Behandlung von Koronarerkrankungen zu verwenden wäre dann nicht indiziert.
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