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Vermischtes

Forscher sehen erhebliches Radikalisierungs­potenzial bei Coronaprotesten

Mittwoch, 24. März 2021

/picture alliance, Geisler-Fotopress, Frederic Kern

Berlin – Wissenschaftler sehen ein erhebliches Risiko für eine weitere politische Radikalisierung der Co­ronaproteste. Dies geht aus einer heute veröffentlichten Untersuchung des Wissenschaftszentrums Ber­lin für Sozialforschung (WZB) zum Mobilisierungspotenzial der Proteste hervor.

„Diejenigen, die Verständnis für die Proteste äußern, sind zugleich überdurchschnittlich offen für Ver­schwö­rungsideologien“, erklärte der Gründungsdirektor des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung am WZB, Edgar Grande.

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Die Analyse basiert auf einer Umfrage unter mehr als 5.000 Menschen im Zeitraum zwischen Juni und November 2020. Sie gibt nach Angaben des WZB erstmals einen umfassenden Überblick darüber, in wel­chem Ausmaß und bei welchen gesellschaftlichen Gruppen die Proteste gegen die staatlichen Corona­maßnahmen Anklang und Anhänger fanden. Damit liefere die Untersuchung empirisch verlässliche Aus­sa­gen über die tatsächliche Stärke der Proteste.

Die Ergebnisse zeigten laut WZB ein erhebliches und stabiles Mobilisierungspotenzial. Jeder zehnte Be­fragte war bereit, sich an Aktionen gegen die Coronapolitik zu beteiligen oder hatte dies bereits getan. Jeder fünfte Befragte äußerte großes oder sogar sehr großes Verständnis für die Proteste.

Dabei verorteten sich mehr als 60 Prozent der „Protestversteher“ in der politischen Mitte. Damit unter­schieden sich diese Befragten kaum von jenen, die kein Verständnis für den Coronaprotest zeigten. Als auffällig werteten es die Wissenschaftler allerdings, dass die extremen Ränder in der Gruppe der Protest­versteher deutlich stärker sind: 12,5 Prozent der Befragten verorteten sich selbst am extremen Rand des ideologischen Spektrums, der größere Teil davon (7,5 Prozent) am rechtsextremen Rand.

Im Durchschnitt würde der Umfrage zufolge ein Viertel der Protestversteher die AfD wählen. Aber mehr als ein Drittel (knapp 35 Prozent) würde sich für keine der im Bundestag vertretenen Parteien entschei­den.

Zusammengenommen bestanden im November 2020 zwei Drittel des Anti-Corona-Mobilisierungspoten­zials aus Teilen dieser „vernachlässigten Mitte“ und aus Anhängern der AfD. Dabei eint die Protestverste­her ein starkes Misstrauen gegenüber der Bundesregierung und die Sorge um Freiheitseinschränkungen.

„Beides bildet die politische Basis der Corona-Proteste“, erläuterte Swen Hutter, Lichtenberg-Professor in politischer Soziologie an der Freien Universität Berlin und Stellvertretender Direktor des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung am WZB.

Mit der zunehmenden Bedeutung der Querdenker im Coronaprotest fand der Studie zufolge im vergan­ge­nen Sommer ein Rechtsruck im Mobilisierungspotenzial statt. Während das Verständnis für den Protest in der radikalen Linken nach der ersten Protestwelle von 21,5 Prozent im Juni/Juli auf 8,2 Prozent im Au­gust zurückging, stieg die Zustimmung bei radikal rechts positionierten Befragten von gut 30 auf 40 Prozent.

Wegen der großen Bedeutung von Verschwörungstheorien messen die Forscher dem Coronaprotest auch ein erhebliches Radikalisierungspotenzial bei. Rund 15 Prozent der Protestversteher glauben demnach uneingeschränkt der zentralen Verschwörungserzählung der Neuen Rechten vom angeblich geplanten „großen Austausch“ der Bevölkerungsmehrheit, 40 Prozent billigen ihr eine gewisse Glaubwürdigkeit zu. Dagegen schenkten fast 70 Prozent der Befragten mit wenig oder keinem Verständnis für die Proteste Verschwörungstheorien keinen Glauben. © afp/aerzteblatt.de

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