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Medizin

WHO-Report: Herkunft von SARS-CoV-2 bleibt unklar

Mittwoch, 31. März 2021

/dennizn, stock.adobe.com

Genf – Woher das Betacoronavirus SARS-CoV-2 kommt, das in den ersten 15 Monaten seit seiner Ent­deckung weltweit zu 127 Millionen bestätigten COVID-19-Fällen mit 2,79 Millionen Todesfällen geführt hat, ist weiter unklar. Ein 120-seitiger Report der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), den eine Gruppe von 34 Wissenschaftlern in den letzten Wochen erstellt hat, hält einen zoonotischen Ursprung über einen Zwischenwirt für das wahrscheinlichste Szenario.

Es ist jedoch bisher weder der Zwischenwirt noch das eigentliche Reservoir in der Tierwelt bekannt. Die künstliche Erzeugung von SARS-CoV-2 in einem Forschungslabor in Wuhan halten die Experten für das am wenigsten wahrscheinliche Szenario. Die Forscher fanden auch keine Hinweise dafür, dass die chine­sischen Behörden den Ausbruch über längere Zeit geheim hielten.

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Chinesischen Forschern war es im Januar 2020 relativ schnell gelungen, die infektiöse Ursache für eine Häufung von Pneumonien zu finden, die zu einem raschen Anstieg von Todesfällen in der Stadt Wuhan geführt hatten. In den Atemwegszellen der Erkrankten wurden die Gene eines positivsträngigen RNA-Virus aus der Familie der Coronaviridae gefunden, das der Untergruppe B (Betacoronavirus) zugeordnet wurde.

Dieses Virus war zuvor nirgendwo beobachtet worden. Es wies jedoch eine hohe Ähnlichkeit mit dem Coronavirus auf, das in den Jahren 2002-2004 eine kurze aber heftige SARS-Pandemie verursacht hatte, die in 31 Ländern zu 8.096 bestätigten Erkrankungen mit 774 Todesfällen geführt hatte. Der Verursacher, der heute SARS-CoV genannt wird, gehört ebenfalls zu den Betacoronaviren.

Beide SARS-Coronaviren konnten bisher nicht im Tierreich identifiziert werden. Beide sind jedoch mit Coronaviren verwandt, die bei bestimmten Fledermausarten auftreten, die in Südostasien verbreitet sind. SARS-CoV-2 weist in der Gensequenz eine Übereinstimmung von 96,2 % mit dem Coronavirus RaTG13 auf, das zuvor bei einer Hufeisenfledermaus (Rhinolophus-Arten) gefunden wurde. Eine etwas geringere Übereinstimmung besteht mit einem bei Pangolinen (Schuppentiere) identifizierten Coronavirus.

Die Übereinstimmung von SARS-CoV-2 mit RaTG13 ist größer als mit SARS-CoV (etwa 79 %) oder MERS-CoV (etwa 50%). Dennoch gibt es Unterschiede, die eine spontane Veränderung von RaTG13 in SARS-CoV-2 unwahrscheinlich machen.

Die WHO-Experten sprechen von einem „evolutionären Abstand“ zwischen beiden Viren von mehreren Jahrzehnten. Andererseits sei nicht auszuschließen, dass im Tierreich doch noch ein näherer Verwandter gefunden werde. So seien erst kürzlich in malaiischen Pangolin zwei verschiedene Arten eines „SARSr-CoV“ nachgewiesen worden. Sie waren bei Tieren in chinesischen Rettungszentren für geschmuggelte importierte Wildtiere nachgewiesen worden. Laut den Experten können RaTG13 und andere Pangolin-Coronaviren zwar an den menschlichen ACE2-Rezeptor binden, die Bindung sei jedoch relativ schwach.

Ein anderes potenzielles Reservoir seien Nerze. Diese Tiere können sich relativ leicht bei Menschen mit SARS-CoV-2 anstecken, und im Prinzip ist eine Übertragung auch in die andere Richtung möglich. Nerze sind deshalb für die WHO-Experten als Reservoir nicht völlig auszuschließen. Dennoch erscheint ihnen eine direkte Übertragung von Wildtieren nur das zweitwahrscheinlichste Szenario. Die Autoren des WHO-Reports stufen es als „möglich bis wahrscheinlich“ ein.

Als „wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich“ erscheint der Expertengruppe der Weg über einen Zwischen­­wirt zu sein. Dieser Zwischenwirt könnte eine Tierart sein, die mit dem Menschen in näherem Kontakt steht als Hufeisenfledermäuse oder Pangoline. In dem Szenario hätten die Tiere in einer natur­nahen Haltung Kontakt zu dem Reservoir, sie würden sich dann im Zwischenwirt vermehren und dabei genetisch in eine Richtung entwickeln, die eine Ansteckung des Menschen und die Verbreitung beim Menschen wahrscheinlicher macht.

Für diese Möglichkeit spricht, dass SARS-CoV-2-Infektionen bei Mardern, Katzen und Nerzen aufgetreten sind, die deshalb prinzipiell als Zwischenwirt infrage kämen. Alle bisher bei diesen Tierarten entdeckten Infektionen konnten jedoch auf den Menschen zurückgeführt werden. Eine Verbindung zu einem eigent­lichen Reservoir bei eher exotischen Wildtieren konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

In einem weiteren Szenario, dass die Experten als „wahrscheinlich“ einstufen, würden die Viren über Nahrungsmittel auf den Menschen übertragen. Diese Möglichkeit wird durch Ausbrüche gestützt, zu denen es kürzlich in China kam. In einem Ausbruch konnten die chinesischen Behörden 2 Hafenar­beiter als Indexfälle identifizieren. Keiner der beiden hatte China vor der Erkrankung verlassen. Beide hatten allerdings mit importierten Tiefkühlwaren hantiert, auf denen später SARS-CoV-2 nachgewiesen wurden.

Die chinesischen Behörden hatten den Ausbruch damals gestoppt, indem sie innerhalb von 5 Tagen PCR-Tests bei 10,9 Millionen Einwohnern durchführten. Gegen das Szenario einer Ausbreitung über Nah­rungs­mittel spricht allerdings, dass es keine direkte Verbindung der Lebensmittelerzeugnisse zu den bei Wildtieren vermuteten Reservoiren gibt.

Als „äußerst unwahrscheinlich“ stufen die Experten das Szenario ein, dass SARS-CoV-2 bei einem Unfall im Wuhan Institut für Virologie in die Umwelt freigesetzt wurde. Diese Möglichkeit hat in den vergan­genen Monaten die Fantasie von Verschwörungstheoretikern beflügelt, zumal das Labor mit RaTG13 experimentiert hat (das Erbgut des Erregers wurde dort entschlüsselt).

Virologen des Instituts hatten zudem 2019 in Fledermäusen das Virus RmYN02 entdeckt, dessen Gen­sequenz zu 93,3 % mit SARS-CoV-2 übereinstimmt (Current Biology, 2020; DOI: 10.1016/j.cub.2020.05.023). Hinzu kam, dass das Labor am 2. Dezember 2019 umgezogen ist und zwar ausgerechnet in die Nähe des Huanan-Marktes für Meeresfrüchte, der anfangs mit der Entstehung der Epidemie in Verbindung gebracht wurde. Dies kann für Verschwörungstheoretiker unmöglich ein Zufall gewesen sein.

Die WHO-Experten stellen jedoch nüchtern fest, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass das Virus bei einem Unfall mehrere Jahrzehnte der Evolution übersprungen hat. Außerdem gab es keine Hinweise auf Laborunfälle oder verdächtige Erkrankungen unter Mitarbeitern.

Das Institut verfüge zudem über Hochsicherheitslabore. Der Huanan-Markt wird übrigens nicht mehr mit den ersten Erkrankungen in Verbindung gebracht, da nur wenige Patienten zu Beginn der Epidemie eine Verbindung zu dem Markt hatten (was aus Sicht eines Verschwörungstheoretikers natürlich nur Teil eines Vertuschungsmanövers sein kann).

Die WHO-Experten haben sich auch mit der Frage beschäftigt, ob die Epidemie vor dem Dezember 2019 schon längere Zeit in Wuhan grassierte. Sie fanden keine Hinweise auf einen Anstieg von grippeartigen Erkrankungen (die in China wie in anderen Ländern in Sentinels erfasst werden), noch sei in den Mona­ten vor der Bekanntgabe des Ausbruchs der Verkauf von Antipyretika, Erkältungs- und Hustenmedika­menten gestiegen.

Und in 4.500 archivierten Proben aus verschiedenen Forschungsprojekten aus der 2. Hälfte des Jahres 2019 wurde niemals SARS-CoV-2 nachgewiesen. Auch phylogenetische Analysen sprechen dafür, dass das Virus im Dezember oder frühestens im November erstmals beim Menschen zu einer konstanten Kette von Infektionen geführt hat. Bei dieser Analyse werden die Gensequenzen der im Januar und Februar gefundenen Viren verglichen. Aus den Unterschieden kann mithilfe der bekannten Mutationsrate von SARS-CoV-2 auf den „Geburtstermin“ des gemeinsamen Vorfahren geschlossen werden.

Gegen die Arbeit der WHO-Experten lässt sich einwenden, dass sie sich bei ihren Besuch in Wuhan ausschließlich auf öffentlich verfügbare Daten verlassen konnten. Sie haben keine Inspektionen oder gar Beweissicherungen durchgeführt. Bei dem Misstrauen, das derzeit den chinesischen Behörden und dem Land insgesamt entgegen gebracht wird, dürfte der Report der Wissenschaftler deshalb nicht jedermann überzeugen. © rme/aerzteblatt.de

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