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Ärzteschaft

Trotz Pandemie: Für Kinder in Not ist immer ein OP-Saal frei

Mittwoch, 7. April 2021

/muratolmez, stock.adobe.com

Berlin – Selbst wenn coronabedingt die Operationskapazitäten mancherorts deutlich gesenkt werden mussten – für wirklich dringende Operationen bei Kindern versuchen Kliniken und Ärzte offenbar stets, vorrangig Platz zu schaffen.

Ihm selbst jedenfalls, so erläuterte Uwe Rolle, Direktor der Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie der Universitätsklinik Frankfurt, sei die Bitte um einen Operationsaal noch nie abgeschlagen worden, wenn er für einen seiner pädiatrischen Patienten einen solchen benötigt hätte.

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Seine Fachkollegen in anderen Häusern hätten die gleiche positive Erfahrung gemacht, sagte der Präsi­dent der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) anlässlich einer heutigen Pressekonferenz zum diesjährigen Chirurgenkongress.

Rolle konnte mithilfe aktueller Daten einer repräsentativen Umfrage an 129 deutschen kinderchirurgi­schen Kliniken und Abteilungen nachweisen, dass es in der Zeit des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 bei pädiatrischen Indikationen, die keinen Aufschub dulden, keine Einbrüche bei der chirurgischen Ver­sorgung gegeben hat.

Kindertumore wurden ebenso unverzüglich operiert wie ein akutes Abdomen, eine Hodentorsion, ange­borene Fehlbildungen und Unfälle. Für die Indikation „akut komplizierte Appendizitis“ wurden entspre­chende Ergebnisse bereits publiziert.

Verschoben werden mussten hingegen bei den Kindern laut der Umfrage Eingriffe für Brustwand- und Genitalfehlbildungen, Hodenhochstand, Leistenhernien oder die Entfernung von Osteosynthesematerial nach Frakturen. Diese Ergebnisse werden derzeit weiter im Detail ausgewertet und für eine Veröffentli­chung vorbereitet.

Allerdings ließen sich einige der weniger dringlichen Eingriffe nicht beliebig auf die lange Bank schie­ben: „Alle Leitlinien empfehlen zum Beispiel, einen Hodenhochstand möglichst bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres zu behandeln“, erklärte der Kinderchirurg.

Ähnlich ist es bei manchen genitalen Fehlbildungen, deren Therapie im Kleinkindalter weit weniger be­lastend ist, als wenn dies erst im Vorschul- oder Schulalter korrigiert wird. Auch Schrauben nach einer Frakturbehandlung könnten nicht ewig im Körper verbleiben. Infolgedessen verwandelt die Pandemie sukzessive und zwangsläufig subakute Indikationen in akute.

Bessere Bilanz für Kinder

Dennoch fällt damit die Bilanz für die jüngsten und kleinsten Patienten der Chirurgen besser aus als für die Erwachsenen. Wolf O. Bechstein, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeral­chirurgie (DGAV), verwies zwar auf der Pressekonferenz auf die ebenfalls beruhigenden Resultate der Chirurgen-Studie zur Appendizitis.

Danach erhielten lediglich jene Patienten keinen Eingriff wegen einer Blinddarmentzündung, deren Wurmfortsatz ohnehin nicht entzündet war. Die hochdringlichen und gefährlichen Appendektomien seien daher lediglich im Verhältnis angestiegen, nicht jedoch in absoluten Zahlen. Dies zeugt von einer Schärfung der Differentialdiagnose bei dieser Indikation.

Dass in Zeiten der Pandemie bevorzugt die unnötigen Blindarmentfernungen unterbleiben, werten iri­sche Chirurgen um Arnold D. K. Hill vom Beaumont Hospital in Dublin in einer jüngsten Publikation denn auch als gelungene Präzisierung der Indikationsstellung. Sie schlagen vor, diese Praxis – die nicht zuletzt mit Hilfe der Bildgebung erzielt wurde – beizubehalten, da sie den Patienten auch Operationen erspare.

Weniger gute Nachrichten gibt es hingegen aus der onkologischen Chirurgie. Hier sank das Operations­volumen beim Darmkrebs um insgesamt 20 Prozent, bei Brustkrebs war der Rückgang vergleichsweise gering und betrug „lediglich“ fünf Prozent, wie aus einer WIdO-Analyse zu Krankenhausbehandlungen in der zweiten Pandemiewelle hervorgeht.

Dies sei nicht zuletzt eine Folge der Angst vor Ansteckung in der Bevölkerung gewesen, hieß es auf der Pressekonferenz. Deshalb hätten die Patienten den Weg in die Arztpraxis und in die Klinik gemieden, in der Folge wurden vermutlich etliche Pathologien nicht diagnostiziert.

Als wichtige Botschaft formulierte Bechstein daher, dass solche Befürchtungen nicht der Grund sein soll­ten, ein Beschwerdebild nicht abklären oder eine Vorsorgeuntersuchung nicht vornehmen zu lassen. Viel problematischer sei es, wenn durch unterbliebene Untersuchungen eine chirurgische Therapie ver­schleppt werde.

SARS-CoV-2-Infektion und Operation als unheilige Allianz

Wird allerdings ein operierter Patient unmittelbar perioperativ von einer SARS-CoV-Infektion befallen, verschlechtert dies seine Prognose, worauf Thomas Schmitz-Rixen, Vizepräsident der Deutschen Gesell­schaft für Chirurgie (DGCH) und Direktor der Klinik für Gefäß- und Endovascularchirurgie an der Univer­sitätsklinik in Frankfurt, auf der Pressekonferenz hinwies.

Dies treffe laut international erhobenen Daten rund 0,6 bis 1,6 Prozent der chirurgischen Patienten. Nicht in jedem Fall müsse diese Infektion im Krankenhaus erworben sein, sie könne auch vor oder nach dem stationären Aufenthalt stattgefunden haben.

Es trifft, wie auch sonst im Zusammenhang mit SARS-CoV-2, bevorzugt die älteren Patienten. Bei den über 70-jährigen sei die 30-Tage-Sterblichkeit sieben- bis achtfach höher, wenn eine COVID-19-Erkran­kung einen frisch Operierten befällt.

Handelte es sich um onkologische Patienten, so war bei diesen Patienten die 30-Tage-Mortalität bei einer Kombination aus onkologischem Eingriff und perioperativer Infektion mit SARS-CoV-2 ebenfalls mit 18,6 Prozent deutlich erhöht.

Für den Fall, dass bei einem bereits aus der Klinik entlassenen Patienten nach einer größeren Operation – Schmitz-Rixen nannte hier aus seinem Fachbereich etwa die Versorgung eines Bauchaortenaneurys­mas – zu Hause eine Infektion festgestellt werde, empfahl der Frankfurter Gefäßchirurg, die Schwelle für eine erneute stationäre Einweisung denkbar niedrig anzusetzen.

Aus dieser Konstellation leiten die Chirurgen seit längerem die Forderung ab, dass Patienten mit drin­gen­der Operationsindikation bevorzugt eine COVID-19-Impfung erhalten sollten. Jüngste Zahlen aus Israel hätten zeigen können, dass es lediglich der Impfung von 559 Personen unter den 50-69 chirurgi­schen Patienten bedürfe, um damit einen Todesfall zu verhindern. In der Normalbevölkerung müssten hingegen 13.000 Personen geimpft werden, um einen COVID-19-assoziierten Todesfall zu verhindern.

Wenn keine Impfung möglich sei, sollte angesichts der höheren Risiken die Operation verschoben wer­den. Angesichts solcher Perspektiven ist es besonders problematisch, dass sich Tumorpatienten hierzu­lande nach wie vor lediglich auf Stufe 3 der Priorisierungsliste befänden. Man fordere seit längerem eine Höherstufung und befände sich in Gesprächen mit der Ständigen Impfkommission (STIKO), so Schmitz-Rixen, aber dies sei bisher noch nicht umgesetzt worden.

Jeder chirurgische Patient wird in Deutschland derzeit präoperativ getestet. Wer mit SARS-CoV-2 infiziert ist, muss eine Operation sogar um sechs bis sieben Wochen verschieben – auch dann, wenn keine, oder nur milde Symptome vorliegen.

Dass das Hinausschieben von Operationen auf Dauer die chirurgische Versorgung beeinträchtigt, zeichne sich schon ab, auch darauf machte Schmitz-Rixen aufmerksam. So beobachte man bereits jetzt, dass die Zahl der Extremitätenamputationen in Deutschland ansteige. Dies liegt auch daran, dass weniger Res­sour­cen in den Kliniken zur Verfügung stehen.

Anders als in anderen Ländern, wo die eigens Klinikkomplexe für Infizierte und potentiell Infizierte umge­widmet und geschaffen worden seien, sei man hierzulande in der Gesundheitspolitik solchen Vorschlä­gen nicht gefolgt. Absehbar werde sich der Operationsstau bei weiteren Pandemiewellen nur verschär­fen, so die Prognose des Vizepräsidenten der Chirurgen. © mls/aerzteblatt.de

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