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Politik

Tobias Ochmann: „Die emotionale Belastung ist sehr hoch“

Donnerstag, 8. April 2021

Hamburg – Nach über einem Jahr Pandemie füllen sich derzeit die Intensivstationen erneut mit schwer kranken COVID-19-Patienten. Was diese Dauerbelastung mit den Intensivpflegenden macht und was diese sich von Politik und Gesellschaft wünschen, erklärt im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) Tobias Ochmann, der als Fachkrankenpfleger für Intensivpflege & Anästhesie in einem Hamburger Krankenhaus der Schwerpunktversorgung arbeitet.

5 Fragen an Tobias Ochmann, Fachkrankenpfleger für Intensivpflege & Anästhesie

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: Wie bewerten Sie ein Jahr nach Beginn der Coronapandemie deren Bekämpfung in Deutschland? Was ist aus Ihrer Sicht gut gelaufen?
Tobias Ochmann: Ich bin insgesamt sehr zwiegespalten. Ich glaube schon, dass wir in Deutschland, im Vergleich zu anderen Ländern bisher noch ganz gut weggekommen sind. Das liegt meines Erachtens vor allem an der massiven Anstrengung aller im Gesundheitswesen Beschäftigten in ihren jeweiligen Bereichen. Trotz­dem überwiegen inzwischen eher die negativen Aspekte. Das beginnt beim initialen Mangel an Schutz­klei­dung und endet jetzt dabei, dass zum Teil Impfstoff verworfen wird, obwohl dieser insgesamt sehr knapp ist.

: Was hätte aus Ihrer Sicht – mit dem Wissen von heute – anders laufen sollen?
Ochmann: Besonders im Bereich der Pflege gab es schon lange vor Pandemiebeginn einen massiven Personalmangel und nur unzureichende Maßnahmen, um dagegen vorzugehen. Pflegende warnen seit Jahren vor den Folgen, blieben aber weitestgehend ungehört. Die Konsequenzen daraus merken wir jetzt stärker denn je.

Dünne Personaldecken treffen auf hochkomplexe und schwere Krankheitsverläufe in Krankenhäusern oder auf umfangreiche Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen in der stationären Langzeitversorgung. Dadurch steigt die ohnehin zuvor schon hohe Arbeitsbelastung für die Pflegenden noch weiter. Zusätz­liche Aufweichungen des Arbeitszeitgesetzes, die mancherorts Zwölf-Stunden-Schichten und 60-Stun­den-Wochen ermöglichen, potenzieren diese Belastung noch.

Wenn man dann die Aussage von Herrn Gaß von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) liest, dass eine Überlastung des Systems nicht absehbar sei, fehlen einem die Worte. Aussagen wie diese zeigen nochmal deutlich die geringe Wertschätzung gegenüber allen, die inzwischen seit über einem Jahr am Rande ihrer Belastungsgrenze und zum Teil darüber hinaus arbeiten. Sie tragen mit dazu bei, dass in nächster Zeit noch mehr qualifiziertes Personal aus dem Beruf gehen wird.

Das Wissen von heute unterstreicht nur, was Pflegende schon seit Jahren kritisieren. Es braucht verläss­liche und am tatsächlichen Bedarf orientierte Personalbemessungsinstrumente und eine daraus resultie­rende, deutlich verbesserte Personalsituation – gemessen im Patient-Pflegekraft-Verhältnis. Deren Ein­hal­tung muss gesetzlich geregelt und sichergestellt werden. Eine Aufweichung darf auch im Krisenfall nicht stattfinden.

Zudem braucht es eine deutliche Verbesserung in der Bezahlung der Pflegenden und Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung, inklusive der Übernahme von Kompetenzen und Verantwortung. Nur so kann das Berufsfeld der Pflege an Attraktivität und somit auch an Nachwuchs gewinnen. Weiterhin bin ich der Meinung, dass Pflegende als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen zwingend mit in die entsprechenden Gremien zur Bekämpfung der Pandemie, beispielsweise den Pandemierat, eingebunden werden müssen.

: Wie dramatisch und emotional anstrengend ist für Sie die Arbeit mit COVID-19-Patienten auf der Intensivstation, bei der Sie ja teilweise für Sterbende die einzige und letzte Bezugsperson waren?
Ochmann: Die emotionale Belastung ist insgesamt sehr hoch. Die besonderen Arbeits- und Rahmenbe­ding­ungen spielen dabei zweifelsfrei eine große Rolle. Das beginnt bei der alltäglichen Versorgung der Patienten, bei der man häufig in den Isolierzimmern abgeschnitten vom Rest der Station ist und dadurch nicht mitbekommt, was dort passiert oder ob die Kolleginnen und Kollegen Hilfe benötigen. Eine zusätzliche emotionale Belastung ist die Tatsache, dass die Patienten mit schweren Verläufen in der dritten Welle zunehmend jünger werden.

Der Umgang mit Tod und Sterben ist auf einer Intensivstation schon immer Bestandteil der Arbeit. Die Besonderheit ist in der Coronapandemie die Häufung bei einer Erkrankung, die extrem unterschiedlich verläuft. Patienten, von denen man an einem Tag glaubt, dass sie auf einem guten Weg sind, verschlech­tern sich nicht selten am nächsten Tag plötzlich so massiv, dass sie in der Folge versterben, obwohl alles medizinisch Mögliche getan wurde. Die sehr reduzierten Möglichkeiten, Angehörige in die Therapie mit einzubeziehen und den Kontakt zu den Patienten zu ermöglichen, kommt noch erschwerend für alle Seiten hinzu. Die Summe aus allem ist es, was die aktuell deutlich erhöhte psychische Belastung ausmacht.

: In welcher Weise werden die während der Pandemie gemachten Erfahrungen aus Ihrer Sicht die Arbeit auf einer Intensivstation verändern?
Ochmann: Das ist im Moment schwer vorhersagbar, weil wir noch mittendrin sind. Ich befürchte, dass sich die Erfahrungen der Pandemie vorwiegend negativ auf die Personalsituation der Intensivstationen auswirken werden. Die dauerhaft hohe Belastung unter schwierigen Rahmenbedingungen wird aus meiner Sicht leider dazu führen, dass sich Kolleginnen und Kollegen beruflich umorientieren werden.

Im besten Fall wird erkannt, dass es in der Versorgung schwer- und schwerstkranker Patienten nicht nur auf die Quantität des Personals, sondern auch und vor allem auf die Qualität ankommt. Nur so kann eine gute und sichere Patientenversorgung stattfinden. Da dies jedoch auch ein maßgeblicher Kostenfaktor ist, brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber, was uns Gesundheit wert ist und was wir als Gesellschaft bereit sind, dafür zu zahlen.

: Welche persönlichen Lehren ziehen Sie aus der Coronapandemie? Inwieweit können Sie nach der Pandemie beruflich so weitermachen wie zuvor?
Ochmann: Die Pandemie hat mir noch einmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, die persönlichen Belastungsgrenzen zu kennen und sich selbst entsprechende Erholungsphasen zu ermöglichen. Nur so ist ein langfristiger Verbleib in diesem Bereich möglich. Sollten sich jedoch die Rahmenbedingungen nicht grundsätzlich deutlich verbessern, ist eine Ausübung dieses Berufes in der Form bis zur Rente für mich derzeit nicht vorstellbar. © fos/aerzteblatt.de

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