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Medizin

USA stoppen Einsatz von J&J-Impfstoff wegen thrombotischer Komplikationen, Hersteller begrenzt Lieferungen nach Europa

Dienstag, 13. April 2021

/vladim_ka, stock.adobe.com

Silver Spring/Atlanta – Der Coronaimpfstoff des US-Herstellers Johnson & Johnson kann offenbar eine Impfstoff-induzierte immune thrombotische Thrombozytopenie (VITT) auslösen. Nachdem dem „Vaccine Adverse Event Reporting System“ mehrere Verdachtsfälle einer zerebralen venösen Sinusthrombose ge­meldet wurden, die den Zwischenfällen nach dem Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffs AZD1222 in Euro­pa ähnelt, haben die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zusam­men mit der Arzneimittel­behörde FDA die Aussetzung der Impfungen empfohlen.

Das Aussetzen sei aus einem „Übermaß an Vorsicht“ empfohlen worden und werde voraussichtlich nur einige Tage aufrechterhalten, teilten die Gesundheitsbehörde CDC und die Arzneimittelbehörde FDA heute bei einer Pressekonferenz mit.

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Die sechs erfassten Fälle von Sinusvenenthrombosen, die nach Impfungen mit dem Wirkstoff in den USA aufgetreten waren, müssten nun erst einmal „komplett verstanden“ und die Mitarbeiter des Gesundheits­systems entsprechend informiert werden, sagte die amtierende FDA-Chefin Janet Woodcock. „Wir erwar­ten, dass diese Pause einige Tage dauern wird.“ Für morgen ist eine Notfallsitzung eines Beratergre­mi­ums der CDC angesetzt.

Bisher wurden 6,8 Millionen US-Amerikaner mit der Vakzine von Johnson & Johnson geimpft. Wie die beiden Behörden heute in einer gemeinsamen Erklärung mitteilen, handelt es sich bei den 6 Fäll­en um Frauen im Alter zwischen 18 und 48 Jahren. Die Zwischenfälle seien 6 bis 13 Tage nach der Impfung aufgetreten. In allen Fällen sei die Thrombose von einer Thrombozytopenie begleitet gewesen.

Die Komplikation dürfte damit identisch sein mit den Komplikationen, die in Europa – ebenfalls mit zeit­licher Verzögerung – nach dem Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffs AZD1222 (Vaxzevria) beobachtet wur­den.

Auch in Europa ist die Komplikation vor allem bei jüngeren Frauen aufgetreten. Auch sie erkrankten 1 bis 2 Wochen nach der 1. Dosis an einer Kombination aus Thrombosen und einer Thrombozytopenie. Die Thrombosen traten bevorzugt in zerebralen Venen, aber auch im Bauchraum auf.

Die Nebenwirkung erinnert an eine Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT). Da im Blut der Patien­ten Antikörper gegen PF4/Heparinkomplexe gefunden wurden, gehen Experten mittlerweile von dersel­ben Pathogenese aus.

Der Impfstoff von Johnson & Johnson, der von der belgischen Firma Janssen Pharmaceutica entwickelt wurde, gehört wie Vaxzevria von Astrazeneca, den Forscher der Universität Oxford entworfen hatten, zu den Vektor-basierten Impfstoffen. Beide Impfstoffe verwenden ein Adenovirus, um das Gen für das Spike­protein von SARS-CoV-2 nach der intramuskulären Injektion in die Zellen zu transportieren. Dort wird dann das Protein gebildet, der eigentliche Impfstoff.

Beide Impfstoffe verwenden unterschiedliche Adenoviren. Bei Vaxzevria ist es das modifizierte Adeno­vi­rus ChAdOx1, das normalerweise nur Schimpansen infiziert. Der Impfstoff von Johnson & Johnson ba­siert auf dem rekombinanten Adenovirus Typ 26 (Ad26). Beide Viren sind nicht zur Replikation fähig. Sie werden jedoch vom Immunsystem erkannt. Bei Vaxzevria hat dies die Bildung von neutralisierenden An­ti­körpern zur Folge, die die Wirkung der 2. Dosis abschwächen. Der Impfstoff von Johnson & John­son wird nur 1 Mal verabreicht.

Ob und wie die Impfstoffviren ein VITT auslösen, ist unklar. Zur Komplikation kommt es, wenn sich Be­standteile des Impfstoffes mit dem Plättchenfaktor 4 (PF4) verbinden, der von den Thrombozyten gebil­det wird. Dabei entsteht offenbar ein Komplex, der vom Immunsystem als fremd angesehen wird.

Das Immunsystem reagiert mit der Bildung von Antikörpern, was in der Regel 1 bis 2 Wochen dauert. Es kommt dann zu einer Immunreaktion, die für die Thrombosen und den gleichzeitigen Zerfall der Throm­bozyten verant­wortlich ist.

Die US-Behörden scheinen bei den Zwischenfällen von derselben Pathogenese auszugehen. Sie warnen ausdrücklich vor dem Einsatz von Heparin zur Behandlung der Thrombosen.

Auch die Symptome, die bei den 6 US-Patienten aufgetreten sind, sind die gleichen wie bei den europäi­schen Patienten. Die Behörden raten Patienten, die 1 bis 2 Wochen nach der Impfung unter starken Kopf­schmerzen, Bauchschmerzen, Beinschmerzen oder Atemnot leiden, dringend, sich an ihren Arzt zu wen­den.

Die Impfkomplikationen sind für die US-Behörden neu, da der Astrazeneca-Impfstoff AZD1222 in den USA bisher nicht zugelassen ist. Der Impfstoff von Johnson & Johnson ist dagegen in Europa bisher kaum im Einsatz. Die Zulassung erfolgte zwar bereits im März. Der Hersteller hatte jedoch erst Anfang dieser Woche mit der Auslieferung begonnen. Bis Ende Juni sollen 55 Millionen Dosierungen geliefert werden, davon sollen 10 Millionen nach Deutschland gehen.

Johnson & Johnson hat aufgrund der Zwischenfälle angekündigt, die Auslieferung zu verzögern. FDA und CDC wollen morgen ihr weiteres Vorgehen abstimmen.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) war in der vergangenen Woche zu dem Schluss gekommen, dass die Komplikationen auf die Impfung mit der Astrazeneca-Vakzine zurückzuführen sind. Wegen der geringen Anzahl der Fälle – der EU-Datenbank zur Arzneimittelsicherheit „EudraVigilance“ wurden bis zum 3. April 169 Fälle von Hirnvenen- und Sinus­thrombosen und 24 Fälle von splanchnischer Venen­throm­bose gemeldet – wird das Risiko insgesamt als gering eingestuft.

Da die Impfungen gut vor einer schweren COVID-19 schützen, wurde die Nutzen-Risiko-Bilanz als positiv eingeschätzt. Die EMA sah deshalb von einem Verbot ab und beließ es bei einem Hinweis in den Fachin­formationen. Der Gemeinsame Impfausschuss in Großbritannien empfiehlt dagegen, unter 30-Jährigen möglichst ein anderes Vakzin zu verabreichen.

Die vorsorgliche Aussetzung der Coronaimpfungen mit dem Präparat von Johnson & Johnson wird nach Angaben des Weißen Hauses „keine bedeutenden Auswirkungen“ auf die US-Impfkampagne haben. Die USA hätten allein durch die vereinbarten Lieferungen mit den Herstellern Moderna und Biontech/Pfizer genügend Impfstoff für 300 Millionen Menschen, erklärte US-Präsident Joe Bidens Corona-Koordinator Jeff Zients. Die USA könnten daher weiter pro Tag rund drei Millionen Menschen impfen.

Das von Biden vorgegebene Ziel, allein in den ersten Hundert Tagen seiner Amtszeit 200 Millionen Im­pfungen zu verabreichen, werde wie geplant bis Ende April erreicht werden, erklärte Zients weiter. Die Regierung arbeite nun mit ihren Partnern zusammen, um allen Menschen, die einen Impftermin für den Wirkstoff von Johnson & Johnson hatten, einen neuen Termin mit einer der beiden anderen zugelasse­nen Impfungen anzubieten. Biden hat versprochen, bis Ende Mai genügend Impfstoff für alle rund 260 Millionen Erwachsenen im Land zu haben.

Welche Bedeutung der Stopp in den USA für Deutschland haben wird, ist noch offen. Das für die Impf­stoffsicherheit zuständige Paul-Ehrlich-Ins­titut (PEI) teilte dem Deutschen Ärzteblatt auf Nachfrage mit, dass eine „unmittelbare, wissenschaftlich fundierte Einschätzung nicht möglich“ sei. Grund sei, dass das PEI keinen unmittelbaren Zugriff auf die Daten aus den USA habe. Man wolle weitere Informationen „so bald wie möglich“ zur Verfügung stellen.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) äußerten sich auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes zunächst nicht. Das Bundesministerium für Ge­sund­­heit (BMG) teilte heute Mittag vor Journalisten mit, ob es Kon­se­quenzen geben werden, sei noch unklar. © rme/afp/may/aerzteblatt.de

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