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Ärzteschaft

„Noch können wir die Lage meistern, indem wir Intensivpatienten verlegen“

Mittwoch, 14. April 2021

Ludwigsburg – Analog zur Zahl der Neuinfektionen steigt seit Wochen auch wieder die Zahl der schwer erkrankten COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen. Während ein Abflachen der dritten Pandemie­welle nicht in Sicht ist, geraten manche Intensivstationen wie zur Hochzeit der zweiten Welle dabei erneut an ihre Belastungsgrenzen.

Der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten und Ärztliche Direktor der Klinik für Anäs­the­siologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Ludwigsburg, Götz Geld­ner, berichtet im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ), wie dramatisch die Situation schon heute im Südwesten des Landes ist, weshalb die Patienten in der dritten Welle länger auf den Intensiv­statio­nen liegen und was er sich von Politik und Gesellschaft wünscht.

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Fünf Fragen an Götz Geldner, Klinikum Ludwigsburg

DÄ: Herr Professor Geldner, seit Wochen steigt die Zahl der Neu­infektionen in Deutschland an. Welche Auswirkungen hat das auf die Intensivstationen bei Ihnen in Baden-Württemberg?
Götz Geldner: Wir haben in allen Landesteilen von Baden-Würt­temberg steigende Inzidenzen. Deshalb sind in den vergangenen Wochen immer mehr schwer kranke COVID-19-Patienten auf die Intensiv­stationen verlegt worden.

Die Auslastung ist regional sehr unterschiedlich. Derzeit haben wir eine hohe Auslastung vor allem im nördlichen Teil von Baden-Württemberg. Hier nähern wir uns einem Anteil von 35 Prozent COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen. Das ist ein ziem­lich hoher Wert.

Während der zweiten Welle waren wir einmal bei knapp über 40 Prozent angekommen. Danach ging der Anteil wieder zurück. Würden wir uns einem Anteil von 50 Prozent COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen nähern, kämen wir an unsere Belastungsgrenze und könnten nur sehr schwer weitere Intensivpatienten aufnehmen.

DÄ: Wie reagieren die Krankenhäuser derzeit darauf?
Geldner: Einen Anteil von 30 Prozent COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen kann man versor­gen, ohne das Elektivprogramm stark einschränken zu müssen. Da wir uns derzeit den 40 Prozent nä­hern, haben viele große Krankenhäuser in Baden-Württemberg damit begonnen, wieder elektive Ein­griffe zu verschieben. Derzeit können wir zudem die Lage meistern, indem wir innerhalb von Baden-Württemberg schwer kranke COVID-19-Patienten zwischen den Krankenhäusern verlegen.

DÄ: Wie organisieren Sie die Verlegungen in Baden-Württemberg?
Geldner: Wir verwenden dafür seit Beginn der Pandemie ein Resource-Board, in dem alle baden-würt­tembergischen Krankenhäuser zweimal am Tag ihre Intensivbetten eintragen. Das DIVI-Intensivregister benutzen wir dafür nicht. Es ist eher politisch ausgerichtet. Damit kann man nicht steuern. Es enthält auch weniger Informationen als unser Board.

Bei uns werden zum Beispiel auch die freien Betten auf den Normalstationen gemeldet, damit man sehen kann, wie stark eine Normalstation belegt ist. Denn etwa 20 bis 25 Prozent der Patienten auf den Normalstationen werden erfahrungsgemäß irgendwann auf die Intensivstationen verlegt. Zudem enthält es mehr Informationen über den Krankenstand des Personals. Und es sind keine Spezialkliniken ent­hal­ten, die Intensivbetten betreiben. Denn am Ende kann man diese nicht wirklich für die Versorgung be­nutzen.

Für das Resource-Board ist Baden-Württemberg in sechs Cluster aufgeteilt: Freiburg, Tübingen und Ulm im Süden und Karlsruhe, Heidelberg und Ludwigsburg/Stuttgart im Norden. Es beinhaltet drei Stufen.

Erstens: Wenn es nachts um drei einen Notfall gibt, müssen die einzelnen Häuser ihn selbst behandeln. Zweitens: Wenn ein Krankenhaus ansonsten einen schwer kranken COVID-19-Patienten verlegen will, weil es keinen Platz mehr auf der Intensivstation hat, schaut es in das Register und ruft bei dem nächst­gelegenen Krankenhaus desselben Clusters an, das freie Betten gemeldet hat. Dafür gibt es eine 24/7-Rufnummer, die immer mit demjenigen besetzt ist, der auch direkt die Entscheidung vor Ort treffen kann, ob ein Intensivpatient aufgenommen werden kann oder nicht.

Drittens: Gibt es innerhalb des eigenen Clusters keine freien Betten mehr, ruft das Krankenhaus den Cluster-Koordinator an, der dann in den anderen Clustern nachfragt. Mit diesem System haben wir in der zweiten Welle über 400 Patienten innerhalb von Baden-Württemberg verlegt.

DÄ: Inwiefern unterscheidet sich die aktuelle dritte Welle von der zweiten im Winter?
Geldner: In der ersten und zweiten Pandemiewelle waren die COVID-19-Intensivpatienten älter. Viele von ihnen waren über 70 Jahre alt. Heute sind die meisten Patienten auf den Intensivstationen zwischen 45 und 70 Jahren alt. Das heißt also: Impfen hilft.

Leider sind die Krankheitsverläufe bei den jüngeren Intensivpatienten genauso schwer wie die Verläufe, die wir vorher bei den älteren Intensivpatienten gesehen haben. Allerdings haben die jüngeren Intensiv­patienten eine bessere Gesamtlebensprognose. Deshalb erhalten sie häufiger sehr invasive Therapien wie extrakorporale Lungenersatzverfahren als die älteren Intensivpatienten in der ersten und zweiten Welle. Und deshalb liegen diese Patienten dann auch länger auf der Intensivstation.

Wir sehen allerdings nicht, dass die britische Mutation, die in Baden-Württemberg mittlerweile 90 Prozent der Infektionen auslöst, zu einer deutlich höheren Sterberate führt. Nach wie vor ist es so, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Intensivpatienten auf der Intensivstation versterben.

DÄ: Was wünschen Sie sich von der Politik und der Gesellschaft?
Geldner: Derzeit können wir noch mit der Situation umgehen. Ob das nächste Woche auch noch so sein wird, kann ich allerdings nicht sagen. Deshalb plädieren wir für einen Lockdown bei gleichzeitigem Fortschreiten des Impfens.

Von den Bürgern wünschen wir uns, dass sie sich an die Coronaschutzmaßnahmen halten. Allerdings glaube ich, dass in dieser Hinsicht bei vielen Bürgern eine gewisse Müdigkeit eingetreten ist. Die ist allerdings auch dadurch entstanden, dass viele gar nicht mehr wissen, welche Regeln in ihrer Region überhaupt gelten. Deshalb brauchen wir jetzt bundeseinheitliche Vorgaben, die gut begründet sind. Dann halten sich aus meiner Sicht auch wieder mehr Menschen an die Maßnahmen. © fos/aerzteblatt.de

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