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Politik

RKI-Chef appelliert: Regelbetrieb in Krankenhäusern einschränken, Intensivpatienten frühzeitig verlegen

Donnerstag, 15. April 2021

Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, nimmt neben Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Institut (RKI) an der wöchentlichen Pressekonferenz zur aktuellen Coronalage teil und hört den Ausführungen von Steffen Weber-Carstens, Intensivmediziner an der Charité zu. /picture alliance, Michael Kappeler

Berlin – In der momentanen Coronalage müssen Krankenhäuser den Regelbetrieb einschränken und Intensivpatienten rechtzeitig in ander Regionen verlegen, um Überlastungen zu vermeiden. Das hat der Präsident des Robert-Koch-Institutes (RKI), Lothar Wieler, heute bei einer Pressekonferenz in Berlin be­tont.

Neun von zehn Patienten, die aufgrund ihrer Atemwegserkrankung intensivmedizinisch behandelt wür­den, seien COVID-19-Patienten, berichtete Wieler. Immer häufiger sei eine ECMO-Behandlung nötig und es würden die Plätze sowie das verfügbare Personal sehr knapp.

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Wieler mahnte an, die Intensivkapazitäten rasch bestmöglich durch einen eingeschränkten Regelbetrieb in den Krankenhäusern zu unterstützen. Darüber hinaus müssten stabile Patienten aus Regionen mit aku­tem Intensivbettenmangel rechtzeitig in weniger ausgelastete Regionen verlegt werden.

Dies seien einschneidende Maßnahmen, aber es müssten Ressourcen für die noch kommenden COVID-19-Fälle frei gehalten werden. „Wir müssen eine bestmögliche Versorgung garantieren“, so Wieler.

Die Lage auf vielen Intensivstationen werde täglich kritischer, betonte auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Die Hinweise der seit Monaten überlasteten Pflegekräfte und Ärzte müssten ernstge­nommen werden. Ohne einen Stopp dieser Entwicklung werde das Gesundheitssystem zeitnah an den Rand der Kapazitäten gelangen.

Der Minister appellierte eindringlich an die Bundesländer, die Notbremse bereits jetzt umzusetzen und nicht auf die Verabschiedung des geänderten Infektionsschutzgesetzes in der kommenden Woche zu war­ten. „Gegen ein exponentielles Wachstum der Infektionen kann man nicht animpfen oder antesten. Wir müssen erst das Infektionsgeschehen in den Griff bekommen und die Zahlen senken“, betonte Spahn.

Dass die Inzidenzen dringend gesenkt werden müssen, erklärte auch der Intensivmediziner Steffen We­ber-Carstens von der Berliner Charité. Er warnte wegen steigender Infektionszahlen vor einer Überlas­tung des Gesundheitssystems.

In einigen Regionen gebe es nur noch zehn Prozent freie Kapazitäten, sagte Weber-Carstens. Das bedeu­te bei einer durchschnittliche Größe einer Intensivstation von zehn bis zwölf Betten, dass genau ein ein­ziges Intensivbett frei sei. Das müsse dann sowohl für COVID-19-Patienten als auch für Patienten mit Schlaganfall oder Unfällen vorgehalten werden. „Das ist die Situation, wie sie im Moment ist.“

„Wir brauchen jetzt an dieser Stelle eine Kontrolle der Infektionsdynamik. Sonst werden wir das in Zu­kunft auf den Intensivstationen nicht mehr adäquat leisten können“, sagte der Mediziner. Im Moment laufe man „sehenden Auges in eine Spitzenbelastung“ wie es sie zum Jahreswechsel gegeben habe oder noch darüber hinaus. Es gelte jetzt, das Erreichte nicht zu verspielen: Bislang sei das „Absaufen“ des Gesundheitssystems vermieden worden.

Weber-Carstens betonte, dass es nicht ausreiche, Betten und Maschinen zur Verfügung zu haben. Ohne Personal, das die Menschen versorge, gehe es nicht. „Die Versorung ist nur möglich, wenn man andere Bereiche herunterfährt“, sagte er. So hätten etwas Assistenzärzte und Medizinstudierende bei der letzten Welle die Pflegekräfte auf den Intensivstationen unterstützt. Aber auch dabei müsse man bedenken, dass Kapazitäten und auch die entsprechende Qualifikation von Pesonal endlich seien.

Patienten würden von stark belasteten Regionen bereits in andere Regionen umverteilt, Thüringen etwa habe strategische Patientenverlegungen angefragt, schilderte Weber-Carstens, der zur wissenschaftli­chen Leitung des DIVI-Intensivregisters gehört. Dass viele Kliniken bereits wieder planbare Eingriffe verschöben, bedeute auch für Nicht-COVID-19-Patienten eine erhebliche Einschränkung der Versorgung.

Wieler erklärte, dass die meisten Neuerkrankungen derzeit bei den 15- bis 49-Jährigen stattfinden. Und: „Die Todeszahlen gehen nicht mehr zurück.“ Auch nach dem Überstehen der Krankheit sei das Leiden zudem nicht immer vorbei, berichtete Wieler. Einer von zehn Genesenen leide noch Wochen oder Monate nach der Genesung an Langzeitfolgen.

Wieler verglich die aktuelle Pandemielage mit einem Bild: „Stellen Sie sich vor, Sie fahren über enge Straßen in den Dolomiten. Es ist kurvenreich und an einer Seite ist ein steiler Abhang. Jeder weiß, in diese Kurve kann ich nur mit 30 fahren. Wenn ich hier mit einer Geschwindigkeit von 100 reinfahre, dann ist das lebensgefährlich. Man kommt nämlich von der Straße ab. Und ehrlich gesagt hilft dann auch keine Notbremse mehr.“ © kna/dpa/may/aerzteblatt.de

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