NewsMedizinForscher erzeugen frühe Affenembryonen mit menschlichen Anteilen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Forscher erzeugen frühe Affenembryonen mit menschlichen Anteilen

Freitag, 16. April 2021

/Dan Race, stock.adobe.com

La Jolla/Kalifornien und Kunming/Yunnan – Forscher aus den USA und China haben menschliche Stamm­zellen in Blastozysten von Javaaffen injiziert und die weitere Entwicklung im Labor beob­achtet. Nach ihrem Bericht in Cell (2021; DOI: 10.1016/j.cell.2021.03.020) haben die menschlichen Zellen in den Affenembryonen bis zu 19 Tage überlebt und mit den Zellen der anderen Spezies kommuniziert. Das fer­ne Ziel der Forscher ist die Züchtung von menschlichen Spenderorganen in Tieren, wobei aber eher an Schweine als an Primaten gedacht ist.

Das Team um Izpisua Belmonte vom Salk Institut in La Jolla/Kalifornien und Weizhi Ji von der Universität in der Stadt Kunming in der Provinz Yunnan begründen ihre Forschung mit dem Mangel an Spender­orga­nen. Weltweit würden derzeit etwa 130.000 Organtransplantationen durchgeführt. Der Bedarf sei jedoch 10 mal höher.

Anzeige

Die meisten Patienten würden vergeblich auf ein Spenderorgan warten und viele auf der Warteliste ster­ben. Dieses Problem ließe sich vermeiden, wenn menschliche Organe beispielsweise in Schweinen ge­züchtet werden könnten (die anatomisch in etwa die Organgröße des Menschen haben).

Möglich gemacht werden soll dies durch die Injektion von menschlichen Stammzellen in tierische Em­bry­onen. Die Stammzellen sollen sich zu menschlichen Organen entwickeln, die später nach der Geburt und nach einem ausreichenden Wachstum „geerntet“ werden könnten, um sie Menschen einzu­pflanzen. Die Spendernieren kämen dann gewissermaßen vom Bauernhof, oder besser einer Hightech-Farm der Organzüchter.

Damit aus den Stammzellen ganze Organe werden, muss die Injektion frühzeitig erfolgen, bevor sich die 3 Keimblätter gebildet haben. Ein geeignetes Stadium ist die Blastozyste, die sich kurz vor der Implan­tation in den Uterus bildet. Belmonte hat hierzu vor einigen Jahren bereits Experimente durchgeführt und menschliche Stammzellen in die Blastozysten von Schweinen injiziert. Die Ergebnisse waren jedoch unbefriedigend.

Belmonte benötigte 1.500 Embryonen, um einen einzigen chimären Embryo aus Schwein und Mensch zu kreieren. Die Experimente blieben zudem auf das frühe Stadium der Embryonalentwicklung beschränkt. Eine Implantation in den Uterus wurde niemals versucht. Die Züchtung menschlicher Organe in Schweinen ist vor diesem Hintergrund derzeit keine realistische Perspektive.

Anders ist dies bei Nagern. Vor 4 Jahren berichteten japanische Forscher in Nature (2017; DOI: 10.1038/nature21070), wie sie durch die Injektion von Stammzellen Inselzellen des Pankreas in Ratten gezüchtet und diese später zur Behandlung eines Typ-1-Diabetes bei Mäusen verwendet haben. Mäuse und Ratten sind verwandtere Spezies als Mensch und Schwein. Die evolutionäre Distanz beträgt etwa 21 Millionen Jahre. Mensch und Schwein trennten sich bereits vor 90 Millionen Jahren.

Folglich hat Belmonte zusammen mit chinesischen Forschern die Experimente an Javaaffen fortgesetzt, die wie der Mensch zu den Primaten gehören. Die Versuche verliefen offenbar erfolgreicher als bei den Schweinen. Die Forscher injizierten die menschlichen Stammzellen in 132 Blastozysten. Nach 11 Tagen lebten noch 91, nach 17 Tagen waren es noch 12 und nach 19 Tage noch 3 Embryonen. Auch dieses Mal haben die Forscher nicht versucht, die Embryonen in einen Uterus zu implantieren, um damit lebens­fähige Mischwesen von Mensch und Affen zu erzeugen. Der ethischen Problematik seien sie sich durchaus bewusst, versichern sie.

Ihr Ziel sei weiterhin die Produktion von Spenderorganen in evolutionär entfernteren Lebewesen (sprich: Schweinen). Die Experimente an den Affen dienten nur der Grundlagenforschung, um zu verstehen, wie die Zellen verschiedener Spezies miteinander kommunizieren.

Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn der Experimente ist nicht ganz klar. Belmonte berichtet, dass die menschlichen Stammzellen in den Affenembryonen überlebt, sich vermehrt und verschiedene Zell­linien gebildet hätten. Es sei auch zu einem „Crosstalk“ zwischen den Zellen der verschiedenen Spezies gekommen.

Konkret wurden die Stammzellen im Hypoblast und im Epiblast des Embryos nachgewiesen. Aus dem Hypoblast entwickeln sich später die Keimblätter, aus denen der eigentliche Embryo entsteht. Das Epi­blast ist Vorläufer der Plazenta. Wie sich die Stammzellen weiter entwickeln würden, ist nicht bekannt. Um dies herauszufinden, müssten die Embryonen wohl in einen Uterus implantiert werden, was jedoch nicht geplant ist und auf ethische Bedenken stoßen würde.

Die Erzeugung von Chimären ist in den USA zwar nicht verboten. Die Regierung hat allerdings öffent­li­che Forschungsgelder für Versuche an Chimären gestrichen. Die aktuellen Experimente wurden von der chinesischen Regierung, einer Universität in Spanien und von einer privaten US-Stiftung finanziell ge­fördert. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #760232
penangexpag
am Sonntag, 18. April 2021, 11:29

.. aber WIR sollten wissen, was wir wollen

Die Pandemie lehrt uns : es gibt keine absoluten Wahrheiten. Es kommt immer auf die Perspektive an. Aus der Sicht unserer HEUTIGEN irdischen Gegenwart sind diese Stammzellen-Experimente ein abstoßender Kulturschock. Man kann noch weiter gehen : Der durchschnittliche Erdenbewohner erreicht sein statistisches Lebensalter z.B. ohne eine notwendige Organtransplantation. Der mit diesen sehr aufwendigen medizinischen Eingriffen verbundene Nutzen betrifft also nur eine sehr kleine Zahl von Menschen. Es entspricht aber unserem vollständig am Individuum ausgerichteten Sozialethos, dennoch genau so zu handeln. Es gibt aber durchaus auch eine andere Perspektive. Sie orientiert sich am Nutzen für die Gesamtgesellschaft (wobei "Nutzen" nicht nur rein materiell verstanden werden sollte). Rückt man DIESE Perspektive in den Vordergrund UND erweitert man die Perspektive in eine zugegeben ferne Zukunft, dann ergeben sich wahrscheinlich Notwendigkeiten zu eben DIESEM Perspektivwechsel. Noch betreiben wir z.B. Raumfahrt um der Erkenntnis willen - wobei ja durchaus die Frage im Raum steht, ob die gewaltigen Kosten dafür gerechtfertigt sind. ABER es ist nicht auszuschließen, daß die Menschheitsgesellschaft gezwungen sein könnte, um ihrer schieren Existenz willen solche Projekte zu betreiben. Und vor einem solchen Hintergrund könnten eben auch die Stammzellenexperimente und überhaupt die Experimente mit dem Genom gerechtfertigt sein. Es ist ganz sicher Aufgabe UNSERER Gesellschaft, hier eine Entscheidung zu treffen - allerdings eine, die dann auch Aussicht auf Realisierung hat.
Avatar #648349
AnDix
am Samstag, 17. April 2021, 18:26

Die Verantwortung der Forschenden - sie wissen nicht , was sie tun

Die Wissenschaft hat der Menschheit schon viel Segen gebracht, aber auch großes Unheil. Experimente mit Lebewesen werden aus Tierschutzgründen seit Jahrzehnten kritisch gesehen und müssen in unserem Land aus gutem Grund genehmigt sein.
Genetische Forschung mit der Manipulation am Genom braucht zum Schutz aller Lebewesen eine gründliche Schaden/Nutzen -Untersuchung. Darüber kann nur die Gesellschaft in einer breiten Abwägung ethischer, wissenschaftlicher und philosophischer Gesichtspunkte entscheiden.
Das muss vor Beginn der Forschung geschehen. Die amerikanischen Forschenden haben mit angeblich guten Intentionen für die Schaffung biologischer Organe zur Transplantation bei Primaten geforscht. (https://www.cell.com/action/showPdf?pii=S0092-8674%2821%2900305-6) Wahrscheinlich haben sie sich in den USA nicht einmal strafbar gemacht. Dennoch fehlt ihnen die Legitimation. Das muss ein Tabu bleiben.
Natürlich gibt es gute Argumente für das Projekt. Und es gibt auch eine Verantwortung, wenn man etwas unterlässt, denn möglicherweise bringt so ein Projekt einen großen Fortschritt in der Medizin.
Die Kybernetiker haben uns gelehrt, dass ein Eingriff in ein System immer Folgen hat. Deshalb dürfen wir in die Natur nur eingreifen, wenn wir wissen, was wir tun.
Allerdings muss man auch sagen, dass es nicht nur Forschung zum allgemeinen Wohl gibt, sondern auch gegen die Menschen gerichtete Forschung für individuellen Profit. Deshalb ist auch diese amerikanische Geschichte ein erneuter Anlass zur Entwicklung weltweiter Einigung über die Ethik der Forschung.
Da könnte im Zeichen der Pandemie gleich der Auftrag einbezogen werden, Präventionen gegen Pandemien, globale Cyberattacken und Klimakatastrophen zu entwickeln.
Avatar #713112
koala11
am Freitag, 16. April 2021, 21:30

Erschreckend

Die Arglosigkeit, mit der hier die Arbeit der angeblich wohlmeinenden Forscher beschrieben wird, ist wirklich bedrückend. Psychopathen können auch das Quälen eines Menschen mechanistisch so feingliedrig beschreiben, dass es wie eine Kunst klingt, das macht aber das Verbrechen nicht weniger ekelhaft. Jemand mit einem Rest menschlicher Regungen wird spüren, dass die Aussagen der Forscher fehlgeleitete Emotionen und trügerische Argumente sind. So wie vor 30 Jahren anlässlich der Diskussion über das Embryonenschutzgesetz die heilbringende Botschaft von der schönen neuen Welt der Stammzellen bei der Heilung unbehandelbarer Erkrankungen ausgesandt wurde, so sind es jetzt die Chimären, die das richten sollen, was die Stammzellen nicht geschafft haben. Schöne neue Welt der Perversionen ungezügelten Forscherdranges!
Als Ärztinnen und Ärzte mit einem Rest hippokratischen Bewusstseins sollten sich jeglichen Bestrebungen, die Manipulation des menschlichen Genoms weiter auszudehnen, energisch widersetzen. Der vorgeschobene Zweck heiligt nicht alle Mittel. Auch eine Atombombe wäre besser nicht erfunden worden, aber die Erfahrung lehrt, dass gemacht wird, was gemacht werden kann, wenn nur Ideologien ausreichend druckvoll oder der wirtschaftliche Profit ausreichend hoch sind; nicht von ungefähr kommen die "Fortschritte" in der Verfügbarmachung menschlichen Lebens aus China und den USA. Bleibt nur zu hoffen, dass die Horden zukünftiger chimärer Humanoiden den Dank für ihre Existenz noch den skrupellosen Schöpfern und arglosen Befürwortern übermitteln können. Wehret den Anfängen!
LNS
VG WortLNS LNS
Anzeige

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER