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Medizin

Majordepression: Psychedelisches Pilzgift erzielt in Studie (tendenziell) bessere Wirkung als Standardmedikament

Freitag, 11. Juni 2021

/contentdealer, stock.adobe.com

London – Die Einnahme der Droge Psilocybin, die aus halluzinogenen Pilzen („magic mushrooms“) gewonnen wird, hat in einer Phase-2-Studie im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2032994) die Symptome einer Majordepression mindestens so gut gelindert wie die Einahme von Escitalopram, einem Standardmedikament aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme­hemmer.

Das Interesse an psychedelischen Wirkstoffen zur Behandlung von psychischen Erkrankungen hat in den letzten Jahren wieder zugenommen, nachdem die Substanzen mehr als 40 Jahre verboten waren und auch in Studien nicht verwendet werden durften. Das Team um Robin Carhart-Harris, der am Imperial College London ein „Centre for Psychedelic Research“ leitet, benötigte für seine Studie eine Sondergenehmigung des Innenministeriums.

An der Studie nahmen 59 Patienten im Alter von durchschnittlich 41 Jahren teil, die seit längerem unter einer mittelschweren bis schweren Depression litten. Sie durften nicht unter psychotischen Erkrankun­gen leiden, nicht alkohol- oder substanzabhängig oder suizidgefährdet sein, und sie sollten nach Möglich­keit auch körperlich gesund sein.

Die Patienten wurden zu gleichen Teilen auf eine Behandlung mit einer hohen Dosis von Psilocybin und Placebos oder eine sehr niedrige (unwirksame) Dosis von Psilocybin und Escitalopram randomisiert. Die Psilocybinbehandlung erfolgte an 2 Terminen im Abstand von 3 Wochen. Escitalopram wurde wie üblich täglich eingenommen.

Die Psilocybinbehandlungen fanden – nach einem vorbereiteten Gespräch tags zuvor – in der Klinik in einem speziell ausgestatteten Raum statt. Die Teilnehmer hielten sich dort über 4 bis 6 Stunden auf, während sie über Kopfhörer klassische westliche oder indische Musik hörten. Neben dem Bett des Patienten standen 2 Betreuer bereit, dem Patienten beizustehen und im Notfall zu intervenieren. Am Ende der Sitzung wurden die Patienten aufgemuntert, mit den Betreuern über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Am Tag darauf fand ein psychologisches „Debriefing“ statt, das eine Woche später per Telefon oder Skype wiederholt wurde und der Vertiefung der Therapieerfahrungen diente. Die gleiche Behandlung erfuhren die Teilnehmer der Escitalopramgruppe, nur dass die Psilocybindosis bei ihnen einem Placebo entsprach.

Der primäre Endpunkt der Studie war die Veränderung im „Quick Inventory of Depressive Symptoma­tology–Self-Report“ (QIDS-SR-16) der 16 Aspekte der depressiven Symptomatik abfragt und mit 0 bis 27 Punkten bewertet. Die Durchschnittswerte lagen in der Psilocybingruppe bei Studienbeginn bei 14,5 Punkten und in der Escitalopramgruppe bei 16,4 Punkten.

Am Ende der 6-wöchigen Studie hatten sie in der Psilocybingruppe um 8,0 Punkte und in der in der Escitalopramgruppe um 6,0 Punkte gebessert. Psilocybin hatte demnach eine etwas bessere Wirkung erzielt als Escitalopram. Die Differenz von 2,0 Punkten war nach den Berechnungen von minus 0,9 bis 5,0 Punkten jedoch nicht signifikant. Auch in den sekundären Endpunkten erzielte Psilocybin zumeist eine bessere Wirkung.

So wurde eine Reduktion des QIDS-SR-16 um 50 % in der Psilocybingruppe von 70 % der Patienten erreicht gegenüber 48 % der Patienten in der Escitalopramgruppe (Differenz 22 %-punkte; minus 3 bis 48 %-punkte). Eine Remission der Depression (Reduktion des QIDS-SR-16 um mindestens 70 %) erreich­ten 57 % beziehungsweise 28 % der Patienten. Hier war die Differenz von 28 %-punkten mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 2 bis 54 %-punkten signifikant.

Die Inzidenz unerwünschter Ereignisse war in beiden Gruppen ähnlich, wobei die Nebenwirkungen von Psilocybin typischerweise in den ersten 24 Stunden nach der Einnahme auftraten. In der Escitalopram­gruppe kam es häufiger zu Mundtrockenheit, Angstzuständen, Schläfrigkeit und sexuellen Funktions­störungen. Die häufigste Nebenwirkung von Psilocybin waren Kopfschmerzen.

Ein Vorteil von Psilocybin könnte sein, dass die Wirkung schnell eintritt. Bei den Serotonin-Wiederauf­nahme­hemmern ist dies in der Regel erst nach mehreren Wochen der Fall. In der Studie kam es jedoch in der Escitalopramgruppe bereits nach wenigen Tagen zu einem Rückgang der depressiven Symptome. Ob es sich hierbei um eine Placebowirkung handelt, lässt sich mangels unbehandelter Kontrollgruppe nicht beurteilen.

Studienleiter David Nutt hofft, dass die Ergebnisse dazu beitragen, dass Psilocybin in Zukunft zu einem zugelassenen Medikament wird. Dazu dürften allerdings noch weitere Studien erforderlich sein. Die Anwen­dung würde dann wohl auf Zentren beschränkt.

Dass Psilocybin zu einem Mittel wird, dass die Patienten in der Apotheke auf Rezept erhalten, ist schwer vorstellbar, zumal wenig über das Abhängigkeitspotenzial bekannt ist. Das 40-jährige Verbot hatte zur Folge, dass über die medizinischen Wirkungen und Risiken der psychedelischen Wirkstoffe wenig bekannt ist. © rme/aerzteblatt.de

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