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Ärzteschaft

Hausärzteverband verärgert über das Impfgeschehen

Montag, 19. April 2021

DHAEV, Ulrich Weigeldt, Quelle: Axentis, GeorgLopata

Berlin – Die Mitglieder des Hausärzteverbandes ärgern sich über die Organisation der Coronaimpfungen – und fordern eine zügige Freigabe des Impfstoffes für die Praxen sowie eine Aufhebung der Priorisierung. Auf der diesjährigen digitalen Frühjahrestagung des Verbandes am Freitag kritisierte der Vorsitzende Ulrich Weigeldt die mangelnde Einbeziehung des Wissens der Hausärztinnen und Hausärzte in die Pandemiebekämpfung: „Immer wieder haben wir unsere Expertise wie Sauerbier anbieten müssen, der Verband wurde nicht in Beratungs- und Entscheidungsgremien einbezogen.“

Zwar hätten einige Bundesländer mehr Interesse gezeigt, aber der Großteil der Politiker habe sich auf zu viele Experten „ohne Kontakt zu den Menschen“ verlassen. Er forderte von der Bundesregierung, den Stil der Kommunikation zu verändern. „Nach einem Jahr Pandemie vermisse ich noch immer positive Ziele und vor allem eine Kommunikation, die auf Motivation statt auf Angst setzt.“

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Ebenso forderte der Verbandsvorsitzende mehr Engagement der Regierung beim Thema Impfen: „Dass wir jetzt Impfstoffe haben, ist ein grandioser Erfolg der Forscherinnen und Forscher. Hätte die Politik mit gleichem Elan gehandelt, wäre wohl nicht zu spät und zu wenig Impfstoff geordert worden.“ Nachdem aus seiner Sicht Hausärzten unterstellt wurde, sich in ihren Praxen nicht an die Impfreihenfolge zu halten, hätten in den ersten Wochen Hausärztinnen und Hausärzte nun gezeigt, wie schnell sie die Bevölkerung impfen können. „Wir impfen schnell und patientengerecht, wir werden der Verantwortung gerecht, die Patienten mit Risiken durch Vorerkrankungen zu identifizieren, auch ohne das Betrachten des kalendarischen Alters.“

Die Delegierten verabschiedeten einen Antrag, in dem sie für die Zukunft eine zuverlässige Belieferung der Hausarztpraxen fordern. Die Vorgabe, dass zuerst die Impfzentren und dann die Praxen mit Impfstoff beliefert werden, müsse korrigiert werden. „Wir waren der Schutzwall für die Krankenhäuser und sind jetzt die Game Changer der Pandemie“, betonte Weigeldt. Auch müsse die Beratung von Patientinnen und Patienten deutlich besser vergütet werden, da der Aufwand durch die bisherige Kommunikation über die Wirksamkeit und die Gefahren von Impfstoffen deutlich höher sei. Für die Mitarbeiterinnen in den Praxen fordern die Delegierten einen ähnlichen Coronabonus wie er auch für die Mitarbeitenden in der Pflege bereits gezahlt wird.

Skepsis bei digitalem europäischen Immunitätsausweis

Bei den Digitalisierungsprojekten der EU zum europäischen Immunitätsausweis zeigten sich die Delegierten skeptisch: Bei der Umsetzung für Deutschland dürfe kein weiterer bürokratischer Aufwand für die Praxen entstehen, außerdem müsse er barrierefrei gestaltet werden. Nach längerer Debatte wurde klargestellt, dass man nicht gegen die Förderung eines digitalen Impfpasses sei, aber das EU-weite Projekt kritisch sieht. „Wir als Hausärzte dürfen nicht noch zur Passstelle werden“, betonte Markus Beier, Vorsitzender des bayerischen Hausärzteverbandes. Bei der Umsetzung des EU-Projektes eines Immunitätsausweises soll in Deutschland eine eigene App zum Zuge kommen, die derzeit unter anderem von IBM entwickelt wird.

Die Impfzertifikate sollen von den Impfzentren oder Hausarztpraxen ausgestellt werden. Die App soll bis spätestens Mitte Juni zur Verfügung stehen. Noch unklar ist, wie bereits vorher geimpfte Patienten ihre Zertifikate erhalten. Für die nachträgliche Ausstellung der Impfnachweise sollten die Hausärzte nicht eingesetzt werden, so die einhellige Meinung unter den Delegierten.

Über den Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen debattierten die Delegierten generell kontrovers – so fordern sie in einem Beschluss, dass die Entscheidungen der Bundespolitik sowie der gematik künftig mehr die Interessen und die Vereinfachung des Praxisalltages im Blick behalten solle. Dazu gehören auch zukunfssichere Technologien. Auch müsse die Frage beantwortet werden, ob ein elektronischer Heilberufeausweis (eHBA) sich noch lohne oder diese Technik bald abgelöst werde. Die Investitions- und Betriebskosten für neue Lösungen müssten aber finanziert werden.

Verbandsintern soll eine weitere Arbeitsgruppe mit dem Thema „Digitale Arbeitsstrategie“ eingerichtet werden, in der eine einheitliche Strategie zur Digitalisierung im Gesundheitswesen erarbeitet werden soll. In der Diskussion darüber hatten einige Delegierte sowie Vorstandsmitglieder angemerkt, dass es bereits vier Arbeitsgruppen im Verband zur Zukunft der Digitalisierung gäbe – andere wiederum forderten, die Strategie müsse übergreifender und aus der Perspektive von Hauärzten auch an die Politik übermittelt werden.

Streit um Aufnahme von neuem Landesverband

Außerdem nahm der Verband bei der Tagung einen neuen Landesverband auf: Nach hitziger Debatte wurde mit 80 Ja-Stimmen, 13 Gegenstimmen und 12 Enthaltungen der Hausärzteverband Brandenburg aufgenommen, der bisher nicht unter dem Dach des Bundesverbandes vertreten war. Seit elf Jahren bestehen die Verbände Berlin-Brandenburg und Brandenburg nebeneinander.

Die Debatte, bei der es auch um die Namensdopplung sowie Fragen aus der Vergangenheit beim Konflikt über die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) ging, soll bis zur Herbstsitzung des Verbandes befriedet werden. Denn im Chat der Veranstaltung, wurde nicht nur die Vorsitzende des Landesverbandes Brandenburg, Karin Harre, herzlich begrüßt – gleichzeitig war dort die Debatte deutlich angeheizt.

Da der Vorsitzende des Verbandes Berlin-Brandenburg, Wolfgang Kreischer, mit Austritt seines Landesverbandes drohte, sprachen etliche Delegierte im Chat wie auch in der Video-Veranstaltung von „Erpressung“. Der Bundesverband lasse sich so etwas „nicht bieten“, erklärte daraufhin auch Vorsitzender Weigeldt. Vorstandsmitglieder Ingrid Dänschel und Armin Beck wollen nun die Wogen glätten, „damit die Berliner uns nicht verlassen.“ © bee/aerzteblatt.de

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