NewsPolitikKritik an Zwangspsychotherapie bei Transsexuellen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Kritik an Zwangspsychotherapie bei Transsexuellen

Dienstag, 20. April 2021

/picture alliance, Christian Ohde

Berlin – Transsexuelle Menschen sollen sich grundsätzlich psychotherapeutisch behandeln lassen, wenn sie ihren Körper etwa durch eine Operation an ihr empfundenes Geschlecht angleichen wollen. Das sieht eine neue Richtlinie des GKV-Spitzenverbandes vor.

Demnach soll der Medizinische Dienst einer Geschlechtsangleichung bei Transsexuellen nur dann zu­stim­men, wenn sie sich vorher mindestens sechs Monate und mindestens zwölf Sitzungen à 50 Mi­nu­ten psychotherapeutisch behandeln lassen.

Anzeige

Der GKV-Spitzenverband begründete die Richtlinie auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes mit fehlen­den gesetzlichen Regelungen zum Leistungsrecht bei Transsexualismus. Daher könne nach wie vor nur die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (BSG) einen Leistungsanspruch innerhalb des Sozialgesetz­buchs V (SGB V) begründen.

„Veränderungen daran – somit auch ein gänzlicher Verzicht auf Psychotherapie – können nur durch den Gesetzgeber oder durch eine veränderte Rechtsprechung erfolgen“, erklärte ein Sprecher des GKV-Spit­zenverbands.

Begutachtungsanleitungen (BGA) regeln die Zusammenarbeit zwischen den Krankenkassen und den Me­dizinischen Diensten. Sie müssen sicherstellen, dass die sozialme­dizinische Einzelfallbegutachtung nach einheitlichen Standards erfolgt.

Eine Begutachtungsanleitung muss sich nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes zwingend nach dem Leistungsrecht der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) richten und darf „in keinem Fall den Gel­tungs­be­reich des SGB V“ verlassen. Dies beinhalte zwingend die Verwendung der derzeit gültigen ICD-10 (GM) und der zugehörigen Sozialrechtsprechung.

„Die Besonderheiten bei der sozialmedizinischen Begutachtung geschlechtsangleichender Maßnahmen bei Transsexualismus liegen vor allem darin, dass an einem dem Grunde nach biologisch gesunden Kör­per ein medizinischer Eingriff mit irreversiblen Folgen vorgenommen wird“, erläuterte der Sprecher des GKV-Spitzeverbandes weiter.

Die Sozialrechtsprechung sehe geschlechtsangleichende Operationen bei Transsexualismus daher nur dann vor, wenn bestimmte Bedingungen vorliegen. Das BSG betrachte in seiner Rechtsprechung weniger den Transsexualismus als Erkrankung an, sondern vielmehr den im Einzelfall vorhandenen Leidensdruck (BSG-Urteil vom 6. August 1987, 3 RK 15/86).

„Als ,krank' im Sinne des SGB V gelten Betroffene laut BSG nur dann, wenn die innere Spannung zwi­schen dem biologischen Geschlecht und der seelischen Identifizierung mit dem anderen Geschlecht eine derartige Ausprägung erfahren hat, dass ein krankheitswertiges psychisches Leiden vorliegt“, betonte der Sprecher.

Nur wenn psychiatrische und psychotherapeutische Mittel das Spannungsverhältnis nicht zu lindern oder zu beseitigen vermögen, gehöre es dem BSG zufolge zu den Aufgaben der Krankenkassen, die Kosten für eine geschlechtsangleichende Operation zu tragen.

Die Krankenkassenseite wies darauf hin, dass im Gegensatz zur Begutachtungsanleitung aus dem Jahr 2009 in der neu überarbeiteten Fassung keine starren Zeitkriterien von etwa 12 bis 18 Monaten Psycho­therapie vor den verschiedenen geschlechtsangleichenden Maßnahmen mehr vorgesehen seien.

Für die Behandlung des krankheitswertigen Leidensdruckes sei in der aktuellen BGA auch keine Kurz­zeit­therapie (KZT) im Sinne der Psychotherapie-Richtlinie gefordert. Vielmehr werde lediglich in Bezug auf einen Behandlungsmindestzeitraum die Analogie zur KZT gezogen, um valide einschätzen zu könn­en, ob der krankheitswertige Leidensdruck durch psychiatrische oder psychotherapeutische Mittel nicht ausreichend gelindert werden konnte.

„In der BGA ist zudem festgehalten, dass zur Behandlung des Leidensdrucks auch andere Behandlungs­set­tings in Frage kommen können, wenn ein vergleichbarer Mindestzeitraum gegeben ist“, so der Spre­cher des Kassenverbandes. Damit könnten etwa auch psychotherapeutisch tätige Ärzte und Spezialam­bu­lanzen in die Versorgung einbezogen werden.

Die Psychotherapeuten sehen die Neuerungen kritisch. „Menschen mit der Selbsteinschätzung, im fal­schen Körper zu leben, grundsätzlich als psychisch krank zu betrachten und sie zu einer psychotherapeu­tischen Behand­lung zu zwingen, ist fachlich unverantwortlich und diskriminierend“, sagte Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psychotherapeutenkammer (BPtK).

Die neue Krankenkassenrichtlinie widerspreche wesentlichen wissenschaftlichen Empfehlungen zur Be­ratung und Behandlung von transsexuellen Menschen. Sie verletze zudem deren Recht auf Selbstbe­stim­mung und den Grundsatz partizipativer Entscheidung vor einer Behandlung.

Die BPtK ruft den GKV-Spitzenverband dazu auf, seine Begutachtungsanleitung „Geschlechtsanglei­chen­de Maßnahmen bei Transsexualismus“ zurückziehen und neu mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Vertretern der Transsexuellen berät. © may/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #549553
C. Goergen
am Mittwoch, 21. April 2021, 11:56

Krank oder nicht?

Die Psychotherapie ist zwingende Voraussetzung vor der Anwendung einer Serie von operativen Eingriffen, die a) nicht das gewünschte Ergebnis haben könnten - den Einklang zwischen sichtbarem Körper, dem gefühlten Körper und der gefühlten Identität und b) zum Teil lebensbedrohliche Komplikationen nach sich ziehen könnten. Dies aus Sicht eines Neurochirurgen, der auch für eine "Banalität" wie den Bandscheibenvorfall auf die Reihenfolge konservative vor operative Therapie dringt.
Wenn dann noch behauptet wird, diese Menschen seien gar nicht unbedingt krank, dann behaupte ich: wer gesunde Menschen operiert, macht sich strafbar.
LNS
VG WortLNS LNS
Anzeige

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER