NewsMedizinSchlafmangel im mittleren Alter kündigt späteres Demenzrisiko an
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schlafmangel im mittleren Alter kündigt späteres Demenzrisiko an

Montag, 21. Juni 2021

/picture alliance, Christin Klose

London – Ein erholsamer Schlaf ist nicht nur wichtig, um am nächsten Tag bei vollen Kräften zu sein, ausreichender Schlaf könnte langfristig auch vor kognitiven Schäden schützen und helfen, im Alter einer Demenz vorzubeugen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Langzeitstudie in Nature Communications (2021; DOI: 10.1038/s41467-021-22354-2).

Die Funktionen des Schlafs, in dem die Menschen etwa 1/3 ihres Lebens verbringen, sind erst ansatz­weise erforscht. Eine Aufgabe könnte darin bestehen, das Gehirn, das Organ mit dem höchsten Energie­verbrauch im ganzen Körper, von Schadstoffen wie Beta-Amyloid zu befreien, deren Ablage­rungen den Boden für degenerative Erkrankungen wie den Morbus Alzheimer bilden, der häufigsten Ursache von Demenzerkrankungen im Alter.

Anzeige

Für diese Hypothese spricht die vor 10 Jahren gemachte Entdeckung, nach der der Liquor cerebro­spinalis, der in den Hirnventrikeln gebildet wird, vor seiner Resorption in den Hirnhäuten regelmäßig das Gehirn „spült“. Dies erfolgt über ein „glymphatisches“ System, das in den nächtlichen Stunden den Zwischen­raum zwischen den Nervenzellen vergrößert und die Reinigungsarbeiten am Gehirn ermöglicht.

Im letzten Jahr berichteten französische Forscher, dass Patienten mit obstruktivem Schlafapnoesyndrom, einer häufigen Schlafstörung, häufiger als andere Menschen Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn haben, auch wenn sie keine kognitiven Störungen aufweisen.

Diese Störungen könnten sich erst nach vielen Jahren bemerkbar machen. Hirnforscher vermuten seit längerem, dass sich ein Morbus Alzheimer über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten entwickelt, was sich inzwischen mit der Positronen-Emissions-Tomografie verfolgen lässt.

Eine andere Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und Demenzen zu untersuchen, besteht in der Beobachtung von größeren Menschengruppen über einen längeren Zeitraum. Eine solche Kohorte bilden 7.959 britische Staatsangestellte, die in der Whitehall-II-Studie seit Mitte der 1980er-Jahre regelmäßig befragt und auch medizinisch untersucht werden. In den Jahren 2012 bis 2013 wurden 4.267 Teilnehmer gebeten, über 9 Tage einen Akzelerometer zu tragen, der ihre Körperbewegungen aufzeichnete. Damit ließen sich die Angaben in den Fragebögen objektivieren.

Séverine Sabia vom University College London und Mitarbeiter haben die Antworten in den Fragebögen und die Daten aus den Akzelerometern mit den späteren Demenzdiagnosen in Verbindung gesetzt. Eine Stärke der Studie ist, dass zwischen den Befragungen und dem Beginn der Demenzen teilweise mehr als 25 Jahre lagen, eine für Beobachtungsstudien ungewöhnlich lange Nachbeobachtungszeit. Außerdem wurden die Teilnehmer nicht nur 1 Mal, sondern über die Jahre immer wieder befragt, so dass wechseln­de Schlafgewohnheiten berücksichtigt werden konnten.

Die Teilnehmer waren zu Beginn der Studie zwischen 35 und 55 Jahre alt. Inzwischen haben sie ein Alter von 63 bis 86 Jahren erreicht. In dieser Zeit wurde bei 521 Teilnehmern eine Demenz diagnostiziert. Die Angestellten, die im Alter von 50 Jahren eine Schlafdauer von weniger als 6 Stunden angegeben hatten, waren zu 22 % häufiger erkrankt.

Sabia ermittelt eine Hazard Ratio von 1,22, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,01 bis 1,48 signifikant war. Angestellte, die im Alter von 60 Jahren weniger als 6 Stunden in der Nacht schliefen, waren zu 37 % häufiger erkrankt (Hazard Ratio 1,37; 1,10 bis 1,72). Im Alter von 70 Jahren erhöhte der Kurzschlaf das Risiko um 24 % (Hazard Ratio 1,24; 0,98 bis 1,57).

Am höchsten war das Risiko bei den Angestellten, die zu allen Terminen einen kurzen Schlaf angegeben hatten (Hazard Ratio 1,30; 1,00 bis 1,69). Die Auswertung der Akzelerometerdaten bestätigten den Zusammenhang: Die Hazard Ratio betrug 1,63 (1,04 bis 2,57).

Eine weitere Stärke der Studie besteht darin, dass durch die ausführlichen Interviews einige andere konkurrierende Faktoren berücksichtigt werden konnten, die das Demenzrisiko beeinflussen könnten wie Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität, Body-Mass-Index, Verzehr Obst- und Gemüsekonsum, Bildungsniveau, Familienstand und Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Durch die lange Beobachtungszeit lässt sich weitgehend ausschließen, dass die Schlafstörungen ein Frühsymptom der späteren Demenzen waren (was in epidemiologischen Studien zu einer reversen Kausalität führt). Es bleibt jedoch die Möglichkeit, dass Schlafstörungen und Demenz die gemeinsame Folge einer dritten Erkrankung sind. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER