NewsMedizinLong-COVID: Morbidität und Mortalität auch nach leichten Erkrankungen erhöht
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Long-COVID: Morbidität und Mortalität auch nach leichten Erkrankungen erhöht

Freitag, 23. April 2021

/dottedyeti, stock.adobe.com

St. Louis/Missouri – US-Veteranen, die wegen einer leichten COVID-19-Erkrankung nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten, wurden im 1. halben Jahr nach der Erholung häufiger wegen anderer Erkrankungen behandelt. Auch das Sterberisiko könnte nach einer Studie in Nature (2021; DOI: 10.1038/s41586-021-03553-9) gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöht sein.

Residualsymptome sind nach Infektionskrankheiten keine Seltenheit. Auch nach einer Grippe benötigen viele Patienten längere Zeit, bis sie sich vollständig erholt haben, auch wenn die Influenza längst abge­klungen ist. In dieser Zeit kommt es häufiger zu Arztbesuchen, die sich in einem Anstieg der Diagnosen und der vermehrten Verordnung von Medikamenten bemerkbar macht. Beides lässt sich heute durch die Analyse von elektronischen Krankenakten ermitteln.

Anzeige

Nach Infektionen mit SARS-CoV-2 wird diese verzögerte Erholung häufig als Long-COVID bezeichnet. Ihr Ausmaß scheint die Folgen einer Grippeerkrankung bei weitem in den Schatten zu stellen, wie jetzt eine Analyse der US-Veteranen-Behörde zeigt.

Ziyad Al-Aly von der Washington University School of Medicine in St. Louis/Missouri und Mitarbeiter haben zunächst die Daten von 73.435 US-Veteranen analysiert, die nur leicht an COVID-19 erkrankt waren und nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten. Trotz des milden Verlaufs kam es bei den Post-COVID Patienten zu einem vermehrten medizinischen Betreuungsbedarf, wie ein Vergleich mit den fast 5 Millionen US-Veteranen zeigt, die im letzten Jahr nicht an COVID-19 erkrankt waren.

Sogar ein erhöhtes Sterberisiko war nachweisbar. Al-Aly ermittelt eine Hazard Ratio (HR) von 1,59 auf einen vorzeitigen Tod, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,46 bis 1,73 signifikant war. Auf 1.000 Veteranen kamen in der Gruppe der COVID-19-Patienten in den ersten 6 Monaten 8,39 (7,09 bis 9,58) zusätzliche Todesfälle. Al-Aly bezeichnet dies als „Excess burden“.

Die erhöhte Mortalität ist erstaunlich, da die Analyse ja auf Patienten beschränkt wurde, deren COVID-19 so mild war, dass sie nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten. Um mögliche Ursachen zu ermit­teln, haben die Forscher untersucht, wegen welcher Erkrankungen die COVID-19-Patienten behandelt wurden. Sie fanden einen breiten Anstieg der Morbidität: Betroffen waren nicht nur die Atemwege, sondern auch das Nervensystem, die mentale Gesundheit, Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Magen-Darm-Trakt sowie das allgemeine Wohlbefinden.

Die höchsten Werte für den „Excess burden“ wurden für Atemwegserkrankungen (28,51), Hypertonie (15,18), Schlafstörungen (14,53), neurologische Erkrankungen (14,32), Schmerzen im Bewegungssystem und Rücken (13,89), Unwohlsein und Abgeschlagenheit (12,64), Störung des Fettstoffwechsels (12,32) und Brustschmerzen (10,08) gefunden. Es folgen weitere 30 Symptome und Krankheitszeichen, die nach der milden COVID-19 häufiger beobachtet wurden als bei anderen Veteranen.

Auch der Medikamentenverbrauch war erhöht. Der „Excess burden“ war am höchsten bei Bronchodila­tatoren (22,23), Nicht-Opioidanalgetika (19,97), Antikoagulanzien (16,43), Nicht-Opioidhustenmittel und Expektoranzien (12,83), Lipidsenker (11,56), NSAID (10,94) gefolgt von 33 weiteren Mitteln mit einem „Excess burden“ unter 10.

Bei den Laborbefunden führt ein Abfall des Hämoglobins (31,03) und des Hämatokrits (30,73) und ein Anstieg des HbA1c-Werts (10,66) die Rangliste des „Excess burden“ an. Es folgen noch 14 weitere Laborwerte, die im 1. halben Jahr nach einem milden COVID-19 erhöht waren.

Bei den Patienten, die wegen COVID-19 hospitalisiert wurden, sind die Auswirkungen noch stärker. Al-Aly vergleicht die Patienten hier mit Veteranen, die in früheren Jahren wegen einer Grippe in der Klinik behandelt wurden. Die COVID-19-Überlebenden wurden häufiger wegen neurologischer Störungen („Excess burden“ 19,78), neurokognitiver Erkrankungen (16,16), psychischer Störungen (7,75), Stoff­wechselstörungen (43,53), Herz-Kreislauf-Störungen (17,92), gastrointestinaler Störungen (19,28), Gerin­nungsstörungen (14,31), Lungenembolien (18,31) und anderer Störungen einschließlich Unwohlsein, Müdigkeit (36,49) und Anämie (19,08) behandelt. COVID-19 hinterlässt demnach deutlich stärker Spuren in der Gesundheit als eine schwere Influenza.

Big-Dataanalysen können zwar leicht ein verfälschtes Bild liefern. So steigt mit der Zahl der untersuch­ten Parameter die Wahrscheinlichkeit auf einen Zufallsbefund. Patienten neigen möglicherweise in den ersten Monaten nach einer Erkrankung aufgrund eines gesteigerten Gesundheitsbewusstseins dazu, häufiger zum Arzt zu gehen. Der Anstieg des Sterberisikos nach einer leichten COVID-19, die keinen Kranken­haus­auf­enthalt erforderlich macht, lässt sich damit jedoch nicht erklären.

Long-COVID sei mehr als ein typisches postvirales Syndrom, erklärt Al-Aly. Das Morbiditäts und Mortali­tätsrisiko sei deutlich erhöht, und es seien mehr Organsysteme beteiligt als beispielsweise nach einer Influenza.

Einige der Gesundheitsprobleme, etwa Atemnot und Husten, würden sich mit der Zeit sicherlich bessern, bei anderen Folgen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei dies nicht unbedingt zu erwar­ten, meint Al-Aly. COVID-19 werde auch dann noch ein medizinisches Thema sein, wenn die Pandemie vorüber ist. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
VG WortLNS LNS
Anzeige

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER