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Organisierte und ritualisierte sexuelle Gewalt: Verleugnung ist für Betroffene unerträglich

Donnerstag, 29. April 2021

/ryanking999, stock.adobe.com

Berlin – Betroffenen von sexuellem Kindesmissbrauch in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen wird das Geschehene häufig nicht geglaubt. Dies zeigen jetzt auch erste Auswertungen der anonymi­sierten Gesprächsdokumentationen des Hilfetelefons Berta, einer bundesweiten kostenfreien Anlauf­stelle für Betroffene (0800/3050750).

Die Existenz und das Ausmaß organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt, bei der Täter und Täte­rin­nen auch (pseudo-)religiöse oder andere Ideologien als Rechtfertigung der Taten nutzen, werde nach wie vor vielfach angezweifelt.

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Die Gründe dafür haben Johanna Schröder und Peer Briken vom Institut für Sexualforschung, Sexual­me­di­zin und forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, vor kurzem auch in ei­nem Beitrag im Deutschen Ärzteblatt beschrieben. Unter anderem spiele die für viele Menschen uner­trägliche Vorstellung, der in solchen Machtstrukturen systematisch geplanten und inszenierten Gewalt, eine Rolle.

Für Betroffene sei hingegen die erlebte Verleugnung unerträglich, heißt es in der Gesprächsdokumenta­tion, weil sie schwere sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt erlebt haben, häufig verbunden mit kommerzieller sexueller Ausbeutung.

Komplexe Problemlagen wie fortbestehender Täterkontakt, Abhängigkeiten, fehlende soziale Unterstüt­zung, eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und/oder eine Dissoziative Identitäts­störung (DIS), kennzeichneten oft die Situation dieser Betroffenen – und ließen sie dadurch für das Um­feld unglaubwürdig erscheinen.

„Für Menschen, die organisierte sexualisierte oder rituelle Gewalt erfahren haben, kommt nun auch noch erschwerend hinzu, dass sich ihre Situation durch Corona verschärft hat: Sie leben noch isolierter, könn­en kaum noch Hilfeangebote und Kliniken aufsuchen und betroffene Kinder sind – oftmals ohne Schule und Kita – rund um die Uhr für die Täternetzwerke verfügbar“, erklärte Silke Noack, Leiterin des Dachverbandes N.I.N.A. und fachliche Leitung des Hilfetelefons Berta.

Ein weiteres sehr belastendes Thema für viele traumatisierte Menschen sei zudem die Maskenpflicht in der Pandemie, so Noack weiter. Viele Täter und Täterinnen maskierten sowohl sich als auch die Betroffenen in diesem Ge­waltkontext. Das Tragen von Masken löst bei den Betroffenen diese Erinnerungen wieder aus.

„Mit Berta können wir einen wichtigen Beitrag leisten, die Betroffenen in der Coronakrise zu unter­stüt­zen. Die Fachkräfte am Telefon sind da, sie hören zu und sie begleiten – auch wenn es schwer wird.“

Seit dem Start im Mai 2019 sind nach Angaben von Noack mehr als 8.000 Anrufe bei Berta eingegangen, knapp 5.500 Beratungsgespräche wurden geführt. Die Gespräche seien sehr beratungsintensiv und dauerten im Durchschnitt eine Stunde.

„Die große Resonanz beim Telefon Berta zeigt, wie wichtig es ist, dass wir Betroffenen aus diesem Ge­waltkontext, der oft sehr abgeschottete Strukturen aufweist, ein spezifisches Angebot bieten“, betonte der Unabhängige Beauftrage für Fragen des sexuellen Kindesbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig.

Es sei aber noch viel Aufklärungsarbeit bei psychologischen und pädagogischen Fachkräften und insbe­sondere bei Justiz und Politik notwendig, um die Betroffenen beim Ausstieg aktiv zu unterstützen und entsprechende Hilfeangebote bereitzustellen. „Hier braucht es dringend mehr Wissen, Kooperation und Vernetzung in den Regelsystemen“, sagt Rörig. © PB/aerzteblatt.de

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