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Politik

Forscher werben für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz und in Schulen

Freitag, 30. April 2021

/goodluz, stock.adobe.com

Berlin – Die Infektionszahlen in der Pandemie werden nach Einschätzung mehrerer Wissenschaftler in Deutschland kaum noch steigen. Gleichzeitig warben mehrere Forscher für mehr Aufklärung bei Schnell­tests und Impfungen sowie für weitere Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz.

„Ich rechne nicht mehr mit einer Zunahme, aber auch nicht mit einer schnellen Abnahme“, sagte Mobili­tätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin gestern Nachmittag bei der ersten öffentlichen Anhörung im parlamentarischen Begleitgremium COVID-19-Pandemie des Bundestags.

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Optimistischer zeigte sich Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbst­organisation in der Fragerunde der Abgeordneten. Inzidenzen von deutlich unter 50 wie im vergangenen Sommer seien wahrscheinlich in den nächsten Wochen zu erreichen, wenn gewisse Voraussetzungen er­füllt seien, sagte sie. Dazu zähle eine niedrige Inzidenz in der Bevölkerung sowie vor allem der Impf­fort­schritt von derzeit mehr als 20 Prozent und zehn Prozent Genesene.

Achte man bei dem derzeitigen Impffortschritt allerdings nicht auf niedrige Inzidenzen, blieben die Zah­len der intensivpflichtigen Patienten weiter hoch und auch die Kliniken lange belastet. Priesemann warb mehr­fach dafür, dass eine Niedriginzidenz angestrebt werden sollte, um auch den Schulbetrieb künftig besser aufrecht erhalten zu können. Dann schaffe man es mit intensivem Testen, die Inzidenzen weiter niedrig zu halten und nicht wieder in Schulen oder andere Einrichtungen die hohe Inzidenz aus der Be­völkerung einzutragen.

Die derzeit vorliegenden Stufenpläne mit unterschiedlichen Inzidenzen und Grenzwerten halte sie für „problematisch“. Man werde künftig immer wieder „Jojo“-Effekte erleben, sobald man Öffnungen anstre­be, da die Werte bei hohen Inzidenzen immer schwanken werden. Da nach ihren Berechnungen der Impf­fortschritt schnell sichtbar werden könnte, mahnte sie an, nicht zu schnell und sofort zu öffnen, sondern auch langsame Schritte zu unternehmen, damit die Krankenhäuser nicht noch länger belastet werden.

Auf Fragen der Abgeordneten antworteten insgesamt vier Wissenschaftler. So riet Eva Grill, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, zu mobilen Impfteams für sozial schwache Stadt- oder Ortsteile. Man müsse diesen Service zu den Menschen tragen, um sie zu erreichen, sagte sie. Es sei hilf­reich, dabei Menschen einzubeziehen, die in Quartieren Anerkennung genießen würden. Generell sei es auch gut, dort immer wieder Masken zu verteilen und das Tragen zur Gewohnheit werden zu lassen.

Nach ihren Analysen gebe es einen hohen Zusammenhang zwischen der sozioökonomischen Situation der Menschen und ihrem Ansteckungsrisiko. Daher müsse gerade in Wohnsituationen, die in den Woh­nun­gen aber auch bei Fluren oder Aufzügen beengt sind, Verbesserungen geschaffen werden. Auch müsse mehr Aufmerksamkeit auf beengte Arbeitsplätze gerichtet werden. Ein Ausprobieren von Öff­nungs­strategien bei hohen Inzidenzen mache für Grill noch keinen Sinn.

Im Bereich des Schutzes am Arbeitsplatz sieht Mobilitätsforscher Nagel allerdings noch viel Potenzial: „Eigentlich sollte man Mehrpersonenbüros nicht mehr betreiben.“ Wenn, dann nur ein Mitarbeiter pro 40 Quadratmeter. Derzeit sind es ein Mitarbeiter pro zehn Quadratmeter. Der Betrieb sei aus seiner Sicht nur möglich, wenn auch am Platz FFP2-Masken getragen werden oder tägliche Tests vorhanden sind.

Nagel schlug auch als Konzept Zertifizierungen für geeignete Innenräume je nach Nutzung vor, dazu gehörten zum Beispiel auch Kultureinrichtungen oder Konzertveranstaltungen. Er sprach sich auch für die Etablierung sozialer Normen aus – zum Beispiel, vor privaten Treffen als nette Geste Schnelltests zu machen. „Wir müssen hier zu einer großen Werbekampagne kommen.“

Die Situationen sieht er inzwischen ambi­valent: Offenbar konnten viele Schulen organisatorisch die Kon­zepte von echtem Wechselunterricht mit digitaler Teilnahme des anderen Teils der Klasse nicht errei­chen. „Vom grünen Tisch aus müsste vieles gehen, aber es konnte praktisch nicht umgesetzt werden“, so Nagel.

Der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung sieht im Verbot von Groß­veranstaltungen den größten Einzeleffekt von Schutzmaßnahmen jenseits der Impfungen. Alles andere habe im Vergleich dazu nur eine rund halb so große Schutzwirkung, sagte er.

Mit dem heutigen Wissen seien aber Differenzierungen möglich, mit klaren Konzepten kleinere Veranstaltungen draußen möglich. Das funktioniere auch in großen Sälen mit hohen Decken – aber we­nig Leuten. Auch gegen Außengastronomie mit Konzepten sei für ihn wenig einzuwenden. Für Innengas­tro­nomie aber bleibe das Ansteckungsrisiko weiter zu hoch.

Der Ausschuss will seine Arbeit künftig mit wöchentlichen öffentlichen Anhörungen fortsetzen – und zwar auch außerhalb der Parlamentswochen und offenbar bis weit in den Juli hinein. So soll es künftig – wenn keine reguläre Sitzungswoche des Parlaments ist – öffentliche Anhörungen von mehr als drei Stunden geben.

Die gestrige Fragerunde dauerte rund eineinhalb Stunden. Künftig soll auch jede Fraktion einen Sach­verständigen vorschlagen können. Themen sind dabei zum einen durch den Einset­zungs­auftrag definiert, können aber auch von den 21 Mitgliedern im Ausschuss eingebracht werden.

So sollen auf der nächsten Sitzung die Rechte von Geimpften diskutiert werden, in einer Sitzung danach die Kommunikation zum Thema Impfen, hieß es aus Ausschusskreisen. Ende Juni soll es auch um die Öffnungsperspektiven gehen, später um die Impfstoffbeschaffung. Vorsitzender des Ausschusses ist der CDU-Bundestagsabgeordnete Rudolf Henke, der auch Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Nordrhein ist. © bee/dpa/aerzteblatt.de

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