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Medizin

SARS-CoV-2-Gene im menschlichen Erbgut erklären persistierende positive PCR-Tests

Montag, 10. Mai 2021

/picture alliance, Eibner-Pressefoto

Cambridge/Massachusetts – In seltenen Fällen haben Patienten, die sich längst von COVID-19 erholt haben, noch über längere Zeit einen positiven PCR-Abstrich auf Gene von SARS-CoV-2. Grundlagen­for­scher vermuten in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2021; DOI: 10.1073/pnas.2105968118), dass dafür der Einbau einzelner Virusgene ins menschliche Erbgut verant­wortlich sein könnte.

Dass die Gene von Viren nach einer Infektion den Weg in die menschliche DNA finden, ist selten aber möglich. Bei Retroviren, die mit der reversen Transkriptase das hierfür notwendige Werkzeug besitzen, ist der Einbau in die Chromosomen sogar das Ziel der Infektion. Im Verlauf der Evolution hat sich auf diese Weise immer mehr „Müll“ im menschlichen Genom angesammelt.

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Dazu gehören auch die LINE 1-Elemente, die als Transposone ihren Ort auf der DNA verändern können und deshalb umgangssprachlich auch als „springende Gene“ bezeichnet werden. Etwa 17 % des huma­nen Genoms sollen aus LINE 1-Elementen bestehen.

Die meisten LINE 1-Elemente sind stumm. Einige werden jedoch aktiviert. Wenn dabei auch das Gen für die reverse Transkriptase gebildet wird, können RNA-Viren, die zu diesem Zeitpunkt zufällig die Zellen infiziert haben, ins menschliche Erbgut eingebaut werden. Geschieht dies zufällig an einer Stelle, die häufig abgelesen wird, können auch nach dem Abklingen einer Infektion einzelne Virusgene gebildet werden, die dann zu einem positiven PCR-Test ohne Infektion führen.

Ein Team um den Molekularbiologen Rudolf Jaenisch vom Whitehead Institute in Cambridge/ Massa­chusetts vermutet, dass dieses Phänomen für die gelegentlich beobachteten positiven PCR-Tests bei Patienten verantwortlich ist, die sich längst von einer Infektion erholt haben.

Den Forschern ist es tatsächlich gelungen, Spuren von SARS-CoV-2 in der DNA von Zellen nachzuweisen, deren LINE 1-Elemente aktiv waren. Sie konnten nach ihrem Bericht gleich mit 3 verschiedenen DNA-Sequenzierungstechniken aufgespürt werden. Die Mikrobiologen konnten danach auch zeigen, dass diese als Transposon ins Genom eingebauten Gene abgerufen werden können. In diesem Fall werden sie von einem PCR-Test erkannt (sofern dieser den gleichen Abschnitt des Gens nachweist).

Als die Forscher ihre Ergebnisse im Dezember auf der Plattform bioRxiv (2020; DOI: 10.1101/2020.12.12.422516) vorstellten, wurden sie noch von Kollegen kritisiert. Laut Science wurde ihnen sogar vorgeworfen, mit ihrer Publikation die Angst vor Impfstoffen zu schüren, die ja ebenfalls RNA-Gene in die Zellen transportieren, die dann über den gleichen Mechanismus ins Erbgut eingebaut könnten.

Inzwischen scheint sich der Ärger gelegt zu haben. Zusammen mit Stephen Hughes vom US-National Cancer Institute, einem Kritiker der ersten Publikation, wurden weitere Experimente durchgeführt, die die Hypothese vom Einbau der SARS-CoV-2-Gene ins menschliche Erbgut bestätigen. Diese Experimente ergaben, dass die Gene, wie dies vom Zufallsprinzip zu erwarten ist, zu 50 % in der falschen Richtung abgelesen werden (weil das Gen falsch herum eingebaut wurde).

Wären die Gene das Artefakt einer früheren Infektion gewesen, wie Kritiker vermutet hatten, hätten sie alle in der richtigen Richtung abgelesen werden müssen, weil das SARS-CoV-2 keine spiegelverkehrte Kopie mit sich führt.

Die Forscher klären in ihrer Publikation auch einige Missverständnisse auf (die zum Ausgangspunkt von Verschwörungstheorien werden könnten). Die Transposone bestehen in der Regel aus Gensplittern und nicht aus kompletten Genen. Anders als bei den Retroviren werden bei der Reaktivierung keine komplet­ten infektiösen Viren gebaut.

Auch dürfte die Wahrscheinlichkeiten gering sein, dass zum Zeitpunkt einer Infektion mit SARS-CoV-2 gerade ein Transposon mit einer reversen Transkriptase aktiviert wurde, dass dann einzelne Gene ins Erbgut einschleust.

Hinzu kommt, dass die meisten Zellen durch die Infektion mit SARS-CoV-2 zerstört werden. Und die wenigen Zellen, die überleben und einzelne Gene in ihr Erbgut aufnehmen, müssten zu einem späteren Zeitpunkt aktiviert werden, damit sie die RNA bilden, die vom PCR-Test erkannt wird.

Dies dürfte insgesamt ein seltenes Ereignis sein, das allerdings bei mehr als 140 Millionen Infizierten hin und wieder vorkommt, was laut Jaenisch die dann positiven PCR-Tests nach dem Abklingen der Infektion erklären würde. Diese Tests sind dann eigentlich falsch-positiv, da sie keine aktive Infektion anzeigen und von den Getesteten auch kein Infektionsrisiko ausgeht. © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #760232
penangexpag
am Mittwoch, 12. Mai 2021, 12:46

die unterlassene Notwendigkeit

Nicht in direktem Zusammenhang mit der o.g. Meldung, wohl aber im Kontext die folgende Feststellung :
Nicht erst seit heute, jetzt aber mit erschreckender Deutlichkeit wird sichtbar, in welchem Umfang versäumt worden ist, alle Daten im Zusammenhang mit der Pandemie zu koordinieren. Besonders beschämend ist es, daß jedenfalls ein sehr großer Teil dieser Daten ja vorhanden ist - aber an verschiedenen Orten . Die Datenformate sind meist auch nicht einheitlich, gewiß - aber das ist nun wirklich kein unlösbares Problem. Es hat ganz einfach die sofortige oder doch wenigstens anlaufende Initiative gefehlt, diese Daten zusammenzuführen. Dabei ist doch mittlerweile selbst den unbedarftesten Laien völlig geläufig, welche Potenz in der zusammenfassenden Datenauswertung enthalten ist. Zugegeben - der Datenschutz stellt in Deutschland eine höhere Hürde dar als in vielen anderen Ländern und seine Bedeutung wird auch nicht in Abrede gestellt. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Verantwortlichen hinter dieser Hürde mehr oder weniger in Deckung gegangen sind. Die Bundesregierung verfügt jedenfalls nominell über genügenden Sachverstand, um die dringend Notwendigkeit eines solchen Datenprojektes zu verstehen. Von dort hätte mindestens seit April 2020 die notwendige Weisung ergehen müssen. Die Befugnis dazu hat die Regierung. Auch im Zweifelsfall hätte sie sich selbige einfach ergreifen müssen, Karlsruhe hin, Karlsruhe her. Sie hätte es im Interesse der Bevölkerung darauf ankommen lassen können. Ist ja in anderen , viel unbedeutenderen Fällen auch geschehen.
In allen medizinischen Bereichen ist heute , direkt oder mittelbar, soviel EDV-Sachverstand vorhanden oder mobilisierbar, um an jedem dieser Orte auch vorauseilend eine aufarbeitbare Datenerfassung zu betreiben - die dann jetzt zur Koordination verfügbar wäre. Vielleicht haben es einige gemacht. Aber im Grunde hat man statt dessen auf Order von Oben gewartet - hoffentlich wenigstens das.
Avatar #103068
Heer-Sonderhoff
am Mittwoch, 12. Mai 2021, 10:34

HIV-Infektion und Impfung

Personen mit bestehender HIV-Infektion (Retrovirus) waren zumindest in einer Studie eingeschlossen, was mich schon etwas überrascht hatte - da müsste es doch Informationen geben!
Avatar #865259
UdoSchlenz
am Dienstag, 11. Mai 2021, 15:38

Kann doch Virus-RNA via Impfstoff in Wirts-DNA gelangen?

@penangexpag
gute Frage!
ZItat: "jetzt möchte man natürlich wissen, wie groß ist denn nun die Wahrscheinlichkeit, daß ein solcher Prozeß bei einer verimpften Virus-mRNA auftritt. "
Ich kann sie zwar nicht direkt beantworten, aber einen ersten Anhaltspunkt geben was da denkbar ist.
Man kam ja drauf wegen der mysteriösen Dauer-PCR-positiven Fälle.
Die Wahrscheinlichkeit für solche lässt sich aus der berühmt gewordenen Wuhan-Studie https://www.aerzteblatt.de/studieren/forum/138997 abschätzen.
Ca 300 Dauerpositive (ohne Symptomatik und ohne Transmissionsrisk) resultierten aus ca 300.000 Infizierten (grobe Schätzung incl. Dunkelziffer) , also Anteil 1 Promille.

Bei Geimpften kommt käme da einiges zusammen an Betroffenen.

Im Worst-case könnte Quote bei Impfungen auch höher liegen;
nur solchen mit RNA/DNA im Spiel natürlich.
Avatar #760232
penangexpag
am Dienstag, 11. Mai 2021, 13:07

Doch nicht gänzlich ausgeschlossen ?

Anfang 2020 - als der BionTech-Impfstoff in Erscheinung trat - wurden Sorgen geäußert (wohl eher von Laien), daß die Applikation von mRNA letztlich dazu führen könnte, daß sich das Analogon in der DNA wiederfinden und dann auch repliziert werden könnte. Das wurde dann von Fachleuten entschieden für nicht möglich erklärt. Wer sich mit den Einzelheiten solcher molekularbiologischen Prozesse nicht genau auskennt, könnte durch den vorstehenden Artikel durchaus Zweifel bekommen können, denn im Grunde sagt er doch ,zit.("...Dass die Gene von Viren nach einer Infektion den Weg in die menschliche DNA finden, ist selten aber möglich....").
Jetzt möchte man natürlich wissen, wie groß ist denn nun die Wahrscheinlichkeit, daß ein solcher Prozeß bei einer verimpften Virus-mRNA auftritt. Man sollte meiner Ansicht nach hier eine Angabe machen, denn im hiesigen Forum informieren sich ja nicht nur molekularbiologische Fachleute.
Avatar #846551
Sulcha
am Montag, 10. Mai 2021, 21:45

Impfung oder Infektion

Man helfe mir mal kurz: Das Virus würde seine eigene RNA produzieren und zwar vermutlich viel mehr als ein mRNA Impfstoff, richtig? Die Impfgegner würden sich vielleicht dran stören, aber die Corona Gegner, wenn sie die Erkrankung und verharmlosen, sollte das nicht stören: wenn sie COVID-19 bekommen, ist ihr Risiko der reversen Transkription viel höher, richtig? Die Frage ist, ob der Kram im Intron landet, oder auch ins Exon gelangen kann. Aber das Thema ist ja mit SARS-CoV-2 nicht neu, richtig?
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