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Riechtraining nach COVID-19 beschleunigt die Erholung des ausgefallenen Geruchssinns

Dienstag, 11. Mai 2021

/Andrey Popov, stock.adobe.com

Berlin – Der Verlust des Geruchsinns bei einer SARS-CoV2-Infektion ist zwar nicht selten, er restituiert sich jedoch in den meisten Fällen wieder und das lässt sich zudem durch Übungen mit wenigen Duft­noten beschleunigen.

Dies waren die Hauptaussagen zu einem der häufigsten und manchmal dem einzigen Krankheitssymp­tom einer Infektion mit dem Pandemievirus, wie Thomas Hummel, Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Riechen und Schmecken an der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Uni­ver­si­tätsklinikum Dresden heute auf der Pressekonferenz anlässlich des diesjährigen HNO-Kongresses erläuterte.

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„Knapp zehn Prozent der COVID-19-Infektionen können sich so bemerkbar machen“, so Hummel. Mitun­ter sei es das erste wegweisende, pathognomonische Symptom einer COVID-19 Infektion, dabei sei die Nase weder verstopft noch hätten die Betroffenen sonstige typische Erkältungszeichen, der Geruchs­verlust befalle sie zudem wie aus heiterem Himmel.

Insgesamt seien etwa 50 bis 60 Prozent aller Coronakranken davon betroffen. Beruhigend ist für diesen Anteil der COVID-19-Patienten und -Patientinnen die Beobachtung, dass 80 bis 95 Prozent von ihnen nach einigen Wochen oder spätestens zwei Monaten wieder riechen können wie zuvor.

Bei den anderen, die also etwa zweieinhalb bis acht Prozent der COVID-Patienten ausmachen, dauert der olfaktorische Ausfall länger. Von anderen Erkrankungen wird geschlossen, dass sich bei rund zwei Drittel der wenigen, die längerfristig noch nicht wieder riechen können, nach Monaten oder gar Jahren der Geruchs­sinn wieder regeneriert, bei einem Drittel jedoch nicht.

Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass rund fünf Prozent der Bevölkerung nicht riechen können. „Jeder zwanzigste kann nicht riechen, das ist schon viel“ erläuterte Hummel die hohe Prävalenz von fehlendem Geruchssinn. Dies nimmt im Alter sogar deutlich zu, fast zwei Drittel der über 80 Jahre alten Menschen weisen olfaktorische Dysfunktionen auf.

Zudem beobachtet man Riechstörungen als Folgeerkrankung auch nach anderen, besonders viralen Infek­ten, etwa der Grippe. Allerdings treten bei COVID-19 deutlich mehr Riechstörungen als bei den „klassischen“ postviralen Erkrankungen anderer Erreger. „Es werden auch mehr jüngere Menschen betroffen, und es kommt in der Folgehäufiger zu Parosmien, also zu fehlerhaften Riecheindrücken, die extrem verstörend sein können“, erläuterte Hummel gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Gefährdet für Geruchsstörungen sind einem jüngsten, aktuell publizierten Review zufolge außer den älteren Patienten vor allem Raucher, weil diese – offenbar getriggert durch den Nikotin-Acetylcholin-Rezeptor – eine höhere Expression von ACE2-Rezeptoren als bevorzugte Bindungsstellen für das COVID-19-Virus aufweisen.

Wie die erworbene Schädigung durch das SARS-CoV-2 Virus zustande kommt, sei noch nicht im Detail verstanden, so Hummel. Dass sich aber die Riechfunktion bei den meisten relativ rasch binnen Wochen erhole, spreche gegen eine echte Nervenschädigung.

Man geht davon aus, dass die Viren sich an die Zellen des Riechepithels anheften und diese schädigen. Selbst wenn infolge der Schädigung diese Sinneszellen absterben, können sie sich mit Hilfe der Basal­zellen wieder regenerieren.

„Das Nachwachsen braucht allerdings seine Zeit“, lautet der Appell des Riechspezialisten an die Geduld der Patienten. Denn vom Riechepithel der Nase aus müssen die Zellausläufer eine gewisse Distanz bis zu ihrem Anschluss im Gehirn überwinden.

Riechen lässt sich wieder üben

„Diese Erholung lässt sich allerdings beschleunigen“, erläuterte Hummel. Das gut etablierte Riech­training könne die Erholungsgeschwindigkeit verdoppeln bis verdreifachen. Dazu genügt es, regelmäßig mit vier verschiedenen Duftstoffen den Geruchssinn zu trainieren.

Etabliert seien hier starke Gerüche, die möglichst verschiedene Klassen an olfaktorischen Rezeptoren ansprechen sollten. Hummel nannte die Duftnoten „Rose“, „Zitrone“, „Eukalyptus“ und „Gewürznelke“.

Bekannt seien zwar mehr als 400, allerdings genügten diese vier, weil sonst die Übungszeiten am Ende zu lang und dann womöglich nicht eingehalten würden. Der HNO-Arzt betonte, wie wichtig das regel­mäßige, ausreichend lange Riechen sei: Jeden Morgen und jeden Abend sollten die Patienten eine halbe Minute mit jedem Duftstoff üben.

Nach zwei oder drei Monaten könne man die Duftnoten wechseln. Überdies riet er dazu, auch Riech­stoffe zu verwenden, die auch durch Reizung des Nervus Trigeminus mit einer Art Stechen oder Kribbeln verbunden sei. Ein Ansprechen des Trigeminus optimiere die Übungen durch verstärkte Motivation.

Laut Aussage auf dem Newsportal der Universität Dresden, die das Riechtraining noch einmal ausführ­lich beschreibt, übernehmen die Krankenkassen die Kosten einer solchen Rekonvaleszenzmaßnahme nach Corona nicht. Das Riechtraining könne jeder in Eigenregie vornehmen, allerdings empfahl Hummel, dies in Begleitung durch einen Spezialisten schon deshalb vorzunehmen, um die Befunde zu Beginn und im Verlauf objektiv zu dokumentieren. So ließe sich auch eher ein Fortschritt erkennen.

Einen weiteren Ansatz zur Verbesserung der olfaktorischen Erholung bietet die topische Applikation von Vitamin A in der Nase. In Dresden hatte man dazu in einer Pilotstudie bereits 2017 für postinfektiöse Riechstörungen zeigen können, dass sich durch zusätzliche Gabe von Vitamin A zum Riechtraining dazu die Erfolge noch einmal signifikant verbessern lassen.

„Derzeit führen wir dazu zusammen mit Kollegen in Norwich in England eine Doppelblindstudie durch, die Klarheit über die Wirkung bringen sollte“, so Hummel zum Deutschen Ärzteblatt. © mls/aerzteblatt.de

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