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Medizin

Onlinepsychotherapie bei jungen Menschen mit Zwangsstörungen wirksam

Dienstag, 8. Juni 2021

/Laura, stock.adobe.com

Stockholm – Die kognitive Verhaltenstherapie, die bei Kindern und Jugendlichen mit Zwangsstörungen häufig erfolgreich ist, kann nach den Ergebnissen einer randomisierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2021; DOI: 10.1001/jama.2021.3839) auch online durchgeführt werden.

Zwangsstörungen („obsessive-compulsive disorder“, OCD) beginnen häufig im Kindes- und Jugendalter. Die Betroffenen werden zunehmend in ihrem Verhalten von Gedanken und Zwängen beherrscht, die sie nicht abstellen können, auch wenn sie sie als unsinnig erkannt haben. Sie werden zu wiederholten Handlungen gezwungen, etwa zur Reinigung von Gegenständen oder zu wiederholten Kontrollen etwa der Türschließung, die zunehmend ihr Alltagsleben beherrschen und die Lebensqualität vermindern.

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Psychotherapeuten sind sich einig, dass eine frühzeitige Behandlung die Störung am ehesten beseitigen kann. Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) hat sich hierbei in Studien als effektiv erwiesen. Die Therapie ist jedoch zeitaufwändig. Vor allem in ländlichen Regionen fehlt es häufig an Therapeuten.

In Schweden gibt es nur eine Handvoll Behandlungseinrichtungen. Psychologen des Karolinska Instituts in Stockholm haben deshalb eine Onlineberatung entwickelt, die einen Teil der CBT ins Internet verlagert und damit auch Betroffenen in abgelegenen Regionen eine Behandlung ermöglichen soll.

Die Betroffenen absolvieren nach einer fachärztlichen Diagnose der Erkrankung über 16 Wochen ein über das Internet bereitgestelltes CBT-Programm, wobei es zwei unterschiedliche Versionen für Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren und für Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren gibt. Beide Versionen bestehen aus 14 Modulen mit Informationstexten, Filmen und Übungen, die sich mit der OCD beschäf­tigen und den Patienten Auswege aus den Zwangsstörungen aufzeigen.

Die Behandlungskomponenten sind die gleichen wie bei einer konventionellen CBT: Sie bestehen aus der Aufklärung über die Erkrankung, Anleitungen zur Vermeidung der Zwangshaltungen und einer Rückfallprävention. Die Behandlung erfolgt zusammen mit Eltern oder Betreuern, für die eine parallele Onlineintervention entwickelt wurde. Dort sollen sie lernen, wie sie ihre Kinder am besten unterstützen können. Jeder Familie steht zudem ein persönlicher Therapeut zur Verfügung, der die Familie online oder durch telefonische Kontakte unterstützt.

Der Behandlungserfolg wurde nach 3 Monaten von Therapeuten beurteilt. Falls sich die Störung nicht gebessert hatte, wurde den Patienten eine konventionelle CBT angeboten. Dieses gestufte Vorgehen („Stepped Care“) wurde in einer Studie mit einer konventionellen Therapie verglichen, bei der die Patienten gleich zu Beginn eine konventionelle CBT mit bis zu 14 Einzelsitzungen erhielten.

An der Studie nahmen an 2 Zentren 152 Kinder im Alter von durchschnittlich 13,4 Jahren teil, von denen 1/3 unter einer psychiatrischen Begleiterkrankung litt (in der Regel Angststörungen oder Depressionen). Primärer Endpunkt waren die Veränderungen im CY-BOCS („Children’s Yale-Brown Obsessive-Compulsive Scale“), einem halbstrukturierten Interview.

Die CY-BOCS erfasst 10 Elemente der Erkrankung, die von 0 (keine Symptome) bis 4 (extreme Symp­tome) bewertet werden, was einen Gesamtbewertungsbereich von 0 bis 40 ergibt, wobei höhere Bewer­tungen einen höheren Schweregrad anzeigen. Vor Studienbeginn wurde eine Noninferioritätsmarge von 4 Punkten Unterschied zwischen den beiden Behandlungsstrategien festgelegt. Ausschlaggebend war eine Untersuchung, die 6 Monate nach Ende der Behandlung durchgeführt wurde (um die Langzeit­wirkung der CBT zu erfassen).

Wie Kristina Aspvall vom Karolinska Institut und Mitarbeiter berichten, besserte sich der CY-BOCS in der „Stepped Care“-Gruppe von 23,9 auf 11,6 Punkte. Unter der konventionellen Therapie kam es zu einem Rückgang von 23,0 auf 10,6 Punkte. Die Differenz von 0,9 Punkten war nicht signifikant, wobei das 95-%-Konfidenzintervall bis maximal 3,3 Punkte reichte, also unterhalb der Noninferioritätsmarge blieb.

Das Onlineangebot kann damit nach Einschätzung von Aspvall als gleichwertiger Ansatz betrachtet werden. Allerdings ist eine Kontrolle des Behandlungserfolgs notwendig. Bei 34 von 74 Teilnehmern (46 %) der „Stepped Care“-Gruppe wurde die Therapie bei der Überprüfung nach 3 Monaten als unwirksam eingestuft. Diese Patienten erhielten dann eine konventionelles CBT. Allerdings wurden auch in der Vergleichsgruppe 23 von 78 Teilnehmer (30 %) als Therapieversager eingestuft, was in dieser Gruppe ebenfalls zusätzliche Behandlungsangebote zur Folge hatte.

Für die Studienleiterin Eva Serlachius zeigen die Ergebnisse, dass eine Onlineberatung den Zugang zu einer evidenzbasierte Therapie erleichtern kann. Durch das Anbieten digitaler Interventionen als ersten Behandlungsschritt können Kliniken wertvolle Ressourcen sparen und ihre begrenzte Zeit mehr für die Behandlung von komplexeren Fällen widmen. © rme/aerzteblatt.de

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