NewsMedizinOvarialkarzinom: Britische Screeningstudie endgültig gescheitert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Ovarialkarzinom: Britische Screeningstudie endgültig gescheitert

Dienstag, 1. Juni 2021

/medistock, stock.adobe.com

London – Ein multimodales Screening hat im „UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening“ (UKCTOCS), der weltweit größten Studie zur Früherkennung von Krebserkrankungen in den Eierstöcken und Eileitern, zwar die Zahl der Frühdiagnosen gesteigert.

Ein Rückgang der krebsspezifischen Sterblichkeit war jedoch auch nach 16 Jahren nicht nachweisbar, wie die jetzt im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)00731-5) publizierten Abschlussergebnisse der Studie zeigen.

Das Ovarialkarzinom ist die tödlichste gynäkologische Krebserkrankung. Die Mehrheit der Tumore (58 %) wird erst in den Stadien III oder IV diagnostiziert, in denen die 5-Jahres-Überlebensraten mit 27 % beziehungsweise 13 % gering sind. Im Stadium I überleben dagegen mehr als 90 % der Patientinnen.

Die gute Prognose im Frühstadium hatte das britische Medical Research Council bereis in den 1980er Jahren bewogen, die Möglichkeiten einer Früherkennung zu erkunden. Eine 1. Pilotstudie wurde in den 1990er Jahren begonnen. Ein multimodales Screening, das bei einem Anstieg des Tumormarkers CA125 weitere Kontrollen und eventuell eine transvaginale Ultraschalluntersuchung vorsah, erwies sich als vielversprechender Ansatz

Seit 2001 wurden dann für das UKCTOCS-Projekt 202.638 postmenopausale Frauen auf 3 Gruppen randomisiert. In der 1. Gruppe wurde jährlich ein Bluttest auf CA125 durchgeführt. Die Ergebnisse bestim­mten das weitere Vorgehen. Bei einem normalen CA125-Wert wurde der Test nach 1 Jahr wieder­holt, bei einem mittleren CA125-Wert folgte bereits in 3 Monaten eine Kontrolle. Bei einem deutlich erhöhten Wert wurde eine transvaginale Ultraschalluntersuchung angeschlossen. In der 2. Gruppe bildete eine jährliche transvaginale Ultraschalluntersuchung die Grundlage für das weitere Vorgehen. Die 3. Gruppe erhielt kein Screening.

Die vor 6 Jahren vorgestellten Zwischenergebnisse ließen noch auf einen Erfolg des Screenings hoffen. In den beiden Screeninggruppen war die Zahl der im Frühstadium diagnostizierten Karzinome höher als in der Kontrollgruppe. Das Team um Usha Menon vom University College London gab sich im Lancet (2016; DOI: 10.1016/S0140-6736(15)01224-6) zuversichtlich, dass es langfristig zu einem Rückgang der Todesfälle kommen werde.

Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Nach dem jetzt vorliegenden Abschlussbericht hat das multimo­dale Screening zwar nach median 16,3 Jahren die Zahl der Diagnosen im Stadium I um 47,2 % (95-%-Konfidenzintervall 19,7 % bis 81,1 %) erhöht und die Zahl der Erkrankungen im Stadium IV um 24,5 % (2,0 % versus 41,8 %) vermindert. Insgesamt wurden 39,2 % (16,1 % bis 66,9 %) in den Stadien I oder II und nur 10,2 % (2,4 % bis 21,3 %) in den ungünstigeren Stadien III oder IV diagnostiziert.

Die Zahl der Todesfälle am Ovarialkarzinom ging jedoch nicht zurück. Von den 50.625 Frauen in der multimodalen Gruppe starben 296 (0,6 %) am Ovarialkarzinom. In der Kontrollgruppe waren es 619 von 101.314 Teilnehmerinnen (0,6 %). Für das ultraschallbasierte Screening war weder eine Zunahme der Frühdiagnosen noch ein Rückgang der Sterblichkeit sicher nachweisbar. In dieser Gruppe starben 291 von 50.623 Teilnehmerinnen (0,6 %).

Warum die Zunahme der Frühdiagnosen im multimodalen Screening nicht zu einem Rückgang der Todes­fälle geführt hat, ist nicht ganz klar. Eine Überdiagnose, bei der im Screening harmlose Tumore entdeckt werden, die niemals metastasieren, kann Menon ausschließen. In diesem Fall hätte das Scree­ning die Gesamtzahl der Krebsdiagnosen erhöhen müssen. Dies war jedoch nicht der Fall.

Auffällig war dagegen, dass die Case-Fatality-Rate, also der Anteil der Frauen, die am Krebs stirbt, im Stadium I höher war. In der Gruppe mit dem multimodalen Screening starben 23 von 155 Frauen (14,8 %), deren Krebs im Stadium I entdeckt wurde, am Ovarialkarzinom. In der Kontrollgruppe ohne Scree­ning waren es nur 20 von 212 Frauen (9,4 %). Im Stadium IV war die Sterberate im Screeningarm mit 79,5 % versus 83,7 % dagegen geringer.

Offenbar wurden durch das Screening im Frühstadium bevorzugt Karzinome gefunden, die mit einer schlech­teren Prognose verbunden sind. Die Gründe hierfür sind noch nicht bekannt.

Die UKCTOCS-Studie ist bereits die 2. gescheiterte Screeningstudie zum Ovarialkarzinom. Auch im US-amerikanischen PLCO-Trial mit 78.216 Teilnehmerinnen war es weder mit jährlichen Ultraschallunter­suchungen noch mit regelmäßigen CA-125-Bestimmungen gelungen, die Sterberate am Ovarialkarzinom zu senken (Gynecologic Oncology, 2016; DOI: 10.1016/j.ygyno.2016.08.334). Die US Preventive Services Task Force, die das US-Gesundheits­ministerium in Fragen der Krankheitsprävention berät, hat das Screening 2018 als unwirksam, wenn nicht sogar als schädlich eingestuft.

Die Autoren des UKCTOCS-Projekt warnen jetzt vor Missverständnissen. Die Unwirksamkeit des Screenings bedeute nicht, dass eine frühzeitige Behandlung eines Ovarialkarzinoms sinnlos sei. Die Behand­lungsergebnisse hätten sich in den letzten 10 Jahren erheblich verbessert. Je früher der Krebs entdeckt werde, desto besser seien die Chancen, dass die Patientinnen ihn überleben. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #886259
hgschnuerch@gmail.com
am Donnerstag, 3. Juni 2021, 09:04

Rückfragen

Wurde die Sterblichkeit im Frühstadium allein auf das Ovarialgeschehen bezogen oder war es die allgemeine Sterblichkeit? Mit dem CA-125 können auch andere Malignome früher entdeckt werden und die Gruppe "verwässern". Folge: Es sterben mehr in der Test-positiven Gruppe, eine Teil aber nicht am Ovarialkarzinom.

Wie sieht es mit der Interventions-bedingten Morbidität und Mortalität bei den falsch Test-positiven aus?
LNS
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER