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Medizin

Studie: NDMA in valsartanhaltigen Arzneimitteln könnte Leberkrebsrate leicht erhöht haben

Mittwoch, 19. Mai 2021

/dpa

Bonn – Die Exposition mit dem Klasse-2a-Karzinogen N-Nitrosodimethylamin (NDMA) über valsartan­haltige Arzneimittel hat in Deutschland bisher nicht zu einem nachweisbaren allgemeinen Anstieg von Krebserkrankungen geführt. Für Leberkrebs wurde in einer Analyse von Krankenkassendaten im Deutschen Ärzteblatt (2021; DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0129) allerdings ein Sicherheitssignal gefunden.

Im Jahr 2018 wurden in bestimmten Arzneimitteln der Firma Zhejiang Pharmaceuticals Verunreini­gungen mit NDMA gefunden. Betroffen waren Medikamente mit dem Wirkstoff Valsartan, der überwie­gend zur Behandlung von Hypertonie und Herzinsuffizienz eingesetzt wird.

NDMA gehört zu den im Tiermodell stärksten mutagenen Substanzen. Die International Agency for Research on Cancer (IARC) stuft NDMA als wahrscheinlich krebserregend ein (Gruppe 2A-Karzinogen).

Recherchen ergaben, dass die Kontamination vermutlich seit 2012 erfolgte. Damals hatte Zhejiang den Herstellungsprozess umgestellt. Dies bedeutet, dass viele Patienten bis zur Rücknahme im Juli 2018 über mehrere Jahre NDMA mit den Arzneimitteln eingenommen haben.

Ein Team um Britta Haenisch vom Zentrum für Translationale Medizin am Universitätsklinikum Bonn hat untersucht, ob es unter den 409.183 Versicherten der AOK, die in den Jahren 2012 bis 2017 Rezepte mit potenziell kontaminierten Valsartantabletten eingelöst hatten, zu einer Häufung von Krebs­erkrankungen gekommen ist. Die Vergleichsgruppe bestand aus 371.688 Patienten, denen ebenfalls valsartanhaltige Arzneimittel verschrieben wurden, die allerdings nicht von Zhejiang Pharmaceuticals hergestellt wurden.

Nach den jetzt veröffentlichten Ergebnissen ist es bei einer durchschnittlichen Einnahmezeit von 3,1 Jahren nicht zu einem nachweisbaren Anstieg von Krebserkrankungen gekommen. Prof. Haenisch ermittelt eine adjustierte Hazard Ratio von 1,00, die mit einem engen 95-%-Konfidenzintervall von 0,98 bis 1,02 wenig Spielraum für ein aus statistischen Gründen übersehenes Risiko lässt. Auch Hinweise auf einen dosisabhängigen Anstieg wurden nicht gefunden.

Die Ergebnisse stehen im Einklang mit einer landesweiten Kohortenstudie aus Dänemark, die im Sep­tember 2018 im Britischen Ärzteblatt (BMJ, 2018; DOI: 10.1136/bmj.k3851) veröffentlicht wurde.

Epidemiologen der Syddansk Universitet in Odense hatten damals ebenfalls keinen Hinweis gefunden, dass Patienten, denen kontaminierte Medikamente verordnet wurden, in den Folgejahren häufiger an Krebs erkrankten. Die dänische Stichprobe war mit 5.150 exponierten Personen allerdings wesentlich kleiner gewesen.

Anders als in der dänischen Studie hat das Team um Prof. Haenisch jetzt ein statistisch signifikantes Signal auf einen möglichen Anstieg von Leberkrebs gefunden. Leberkrebs ist von besonderem Interesse, weil NDMA in der Leber durch CYP2E1 zu Methyldiazonium metabolisiert wird, was Mutationen durch Methylierung verursachen kann.

AOK-Versicherte, die NDMA-kontaminierte Medikamente erhalten hatten, erkrankten zu 16 % häufiger an Leberkrebs (Hazard Ratio 1,16; 1,03 bis 1,31). Die Assoziation blieb auch nach Berücksichtigung von Alter und Geschlecht sowie nach zusätzlicher Berücksichtigung einer Hepatitis und anderer Lebererkran­kungen stabil.

Da Leberkrebs relativ selten ist, würde ein relativer Anstieg der Erkrankungsrate um 16 % nur zu einer geringen absoluten Zunahme von Leberkrebsfällen führen. Nach Berechnungen von Prof. Haenisch würde die Inzidenzrate von Leberkrebserkrankungen durch die Exposition von 34,61 auf 39,08 pro 100.000 Personenjahre steigen, wenn der gefundenen Assoziation eine Kausalität zugrunde liegen sollte. Eine solche kann in einer retrospektiven Analyse von Versichertendaten nicht hergestellt werden.

Ein wichtiger Hinweis wäre, wenn das Risiko mit der Dauer der Exposition zunimmt: Die Forscher ermitt­eln für Patienten, denen Valsartan über mindestens 9 Quartale verordnet wurde, eine Hazard Ratio von 1,22, die allerdings mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,80 bis 1,89 nicht signifikant war. Für 9 andere häufige Krebsarten war ebenfalls kein erhöhtes Risiko nachweisbar.

Die Studie dürfte allerdings nicht die Letzte zu dieser Frage gewesen sein. Da Krebserkrankungen in der Regel mit einer Latenz von mehreren Jahren entstehen, ist es möglich, dass sich ein Anstieg erst in einigen Jahren zeigen wird. Prof. Haenisch hält deshalb weitere Untersuchungen für ratsam. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #735550
rp__bt
am Mittwoch, 19. Mai 2021, 17:28

Wer konnte auch damit rechnen...

...daß uns das irgendwann gewaltig auf die Füße fällt, wenn wir nichts mehr selber herstellen, sondern alles nur noch billigst outsourcen???
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