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Corona und Psyche: Experten mahnen, junge Menschen besonders zu unterstützen

Freitag, 21. Mai 2021

/kei907, stock.adobe.com

Berlin – COVID-19 bringt auch eine Krise der psychischen Gesundheit mit sich. Geschlossene Bildungs­einrichtungen und die damit verbundene Einsamkeit, Schließungen der für studentische Nebenjobs wichtigen Branchen, Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt und Zukunftsängste treffen vor allem junge Menschen hart.

„Datenerhebungen zeigen eine deutliche Zunahme von Depressionen oder Angstzuständen bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahlen haben sich in Deutschen und einigen anderen Ländern verdoppelt, teil­weise sogar verdreifacht“, sagte Christopher Prinz vom OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusam­men­arbeit und Entwicklung) Berlin Centre, bei einer digitalen Diskussionsveranstaltung mit dem Titel“ Psychische Gesundheit in der Pandemie – Junge Menschen unter Druck“.

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Generell sei die Zahl der psychischen Erkrankungen während der Coronakrise in sämtlichen Bereichen angestiegen. „Diese Entwicklung ist nicht überraschend, aber das Ausmaß ist es schon“ sagte Prinz. Ne­ben jungen Menschen hätten insbesondere arbeitslose Menschen, psychisch kranke Menschen, Selbst­ständige und Frauen, vor allem Alleinerziehende, die Homeschooling und Homeoffice gleichzeitig be­wältigen mussten, am meisten in der Pandemie gelitten. „Arbeiten und Lernen, das ausschließlich von zu Hause aus stattfindet, ist für alle ein gesundheitliches Risiko“, sagte Prinz.

Die Schulschließungen haben Prinz zufolge das Lernen in den 37 Ländern der OECD massiv gestört – be­troffen sind vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Die meisten Mit­glie­der der OECD gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen. „Bei den meisten Kindern aus prekären Verhältnissen bleiben die psychischen Probleme unerkannt“, betonte Prinz. In der Pandemie sei der Bedarf an Hilfe enorm gestiegen, gleichzeitig aber auch die Einschränkungen bei psychosozialen Diensten.

Schul- und Ausbildungsabbrüche müssen vermieden werden

Zu den Belastungen für junge Menschen kommt neben den Schul- und Hochschulschließungen Prinz zu­folge auch hinzu, dass im Pandemiejahr 2020 praktisch keine Ausbildungsstellen verfügbar waren sowie Studenten- und Ferienjobs weggebrochen sind.

„Die Politik muss jetzt dafür Sorge tragen, dass Schüler jetzt nicht die Schule oder Ausbildungen abbre­chen“, forderte der OECD-Experte. Ein Mittel um gegenzusteuern, sei beispielsweise der Ausbau niedrig­schwelliger psychosozialer Angebote sowie deutlich mehr Sozialarbeit an Schulen.

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) hat eine Befragung zum subjektiven Wohlbefin­den bei Abiturienten kurz vor den Schulschließungen und danach durchgeführt.

„Die Jugendlichen berichteten von einem starken Abfall ihres Wohlbefindens, insbesondere diejenigen, die wenige Freunde hatten, haben stark gelitten“, berichtete Alexander Patzina vom IAB, dem Mitveran­stalter der Konferenz. Leistungsstarke Schüler hätten gleichermaßen unter den Schulschließungen ge­litten wie weniger leistungsstarke. Groß war und ist bei den meisten Abiturienten die Sorge um ihre Zukunft.

Auszüge aus dem Familienmonitor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) stellte C. Ka­tharina Spieß vor. Danach hat die Zufriedenheit in den Familien im Verlauf der Pandemie massiv abge­nommen mit dem aktuell niedrigsten Punkt. Betroffen von psychischen Belastungen sind vor allem die Mütter und Eltern mit niedrigem Bildungsniveau. „Die Eltern machen sich in erster Linie Sorgen um die Bildung ihrer Kinder und um deren Gesundheit“, berichtete Spieß.

Aus der Schweiz berichtete die Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychothe­rapie an der Universität Zürich, Susanne Walitza, von ähnlichen Studienergebnissen.

Benachteiligten Familien ging deutlich schlechter während der Pandemie, während Familien mit Haus Garten zu Beginn mit der Situation vergleichsweise gut zurechtkamen und sogar von weniger Schul­stress und besserer Schlafqualität der Kinder berichteten. „Aber auch die Mütter in diesen Familien ha­ben irgendwann gesagt, der Stress mit Homeschooling und Homeoffice sei nicht mehr zu bewältigen“, berichtete Walitza.

Lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz

Julia Asbrand, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie und -psychotherapie an der Humboldt Universität Berlin, wies auf die Versorgungsschwierigkeiten für psychisch kranke Heranwach­sende hin. „Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz waren immer schon lang, und werden immer län­ger.“ Sie verwies auf Umfragen von psychotherapeutischen Berufsverbände, die einen massiven Zuwachs an Hilfebedarf von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie aufzeigten.

Die Psychotherapeutin forderte mehr niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten für psychisch belastete Kinder, neben der Richtlinienpsychotherapie. Auch eine Unterstützung der Eltern sei hilfreich „Wenn es den Eltern gut geht, dann meistens auch den Kindern“, sagte sie.

Vielfältige Anregungen gaben die Experten zu der Frage, wie Kinder und Jugendliche jetzt in den Schu­len unterstützt werden können, die bei sinkenden Inzidenzzahlen zunehmend öffnen oder aber auch im Wechselunterricht bleiben.

Zunächst sprach sich Wirtschaftswissenschaftlerin Spieß dafür aus, die Schulen so bald wie möglich wieder in den Regelbetrieb übergehen zu lassen. „Aus bildungs- und familienpolitischer Perspektive würde den Kindern ein normaler Alltag extrem helfen“, sagte Spieß. Bei Wechselunterricht fehle eine Tagesstruktur, die Kinder erlebten diese Form des halben Unterrichts als recht chaotisch.

Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Walitza berichtete aus der Schweiz, wo alle Schulen seit Mai wieder geöffnet sind, dass dort jetzt versucht wird, den Schulstoff nachzuholen, zu Lasten der Kinder. „Da wer­den teils vier Klassenarbeiten in einer Woche geschrieben.“ Sie appellierte daran, „den Stress rauszu­neh­men, denn Schule ist viel mehr als Prüfungen“. Die Lehrer brauchten von der Politik Rückendeckung, nicht den ganzen Lehrplan durchhetzen zu müssen.

DIW-Expertin Spieß wies für Deutschland darauf hin, dass das sogenannte Aufholpaket der Bundesregie­rung gezielt sozial schwachen Familien zugeführt werden müsse. „Bildungsstarke Familien finden die Angebote, man muss die Hilfen aber zu denjenigen bringen, die sie wirklich brauchen.“ Ansonsten gehe die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander.

Psychotherapeutin Asbrand sprach sich für viel „Begegnung, Bewegung und Sport“ aus, um Kinder und Jugendliche nach dem Lockdown zu unterstützen. „Sie brauchen auch die Möglichkeit, diese schwierige Zeit aufzuarbeiten“, sagte sie. Darüber hinaus hält sie ein Schulfach „Gesundheit“ für sinnvoll, damit Kin­der und Jugendliche mehr für sich selbst sorgen könnten. Es sollte dafür überlegt werden, die Schul­curricula zu reformieren beziehungsweise zu entschlacken. Notwendig sei auf jeden Fall mehr Schul­sozialarbeit. © PB/aerzteblatt.de

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