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Politik

Coronaimpfung für Kinder: Regierung stellt Entscheidung klar, unterschiedliche Reaktionen

Freitag, 28. Mai 2021

/New Africa, stock.adobe.com

Berlin – Nach dem gestrigen Impfgipfel von Bund und Ländern ist Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) der Erwartung entgegen­getre­ten, dass Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren bereits ab Juni breitflächig gegen Corona geimpft wer­den könnten.

Die Tatsache, dass ab dem 7. Juni die Priorisierung aufgehoben werde, heiße nicht, dass sich ab dem 8. Juni die Hälfte der Bevölkerung impfen lassen könne, stellte Braun heute im ARD-Morgenmagazin klar.

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„Unser Ziel ist, dass im Sommer jeder ein Impfangebot erhält, da nehmen wir die Zwölf-Plus-Jährigen mit rein“, bekräftigte Braun. „Mitte September wollen wir durch sein, dass alle geimpft sind“, und zwar „unter Einschluss dieser Jugendlichen“. Dies sei realistisch.

Ein bundesweites besonders Impfprogramm werde es für Kinder ab zwölf Jahren nicht geben, ergänzte der Kanzleramtsminister. Es sei aber „nicht ausgeschlossen“, dass einzelne Länder dies machten.

„Ich würde aber nicht sagen, für einen sicheren Schulbetrieb musst Du dich unbedingt impfen lassen“, be­tonte Braun zudem. „Das geht echt zu weit, das ist eine individuelle Entscheidung.“ Aus seiner Sicht sei es gut, „wenn Eltern und Ärzte da frei sind und dass wir sie weder bedrängen dafür oder dagegen.“

Gestern hatten Bund und Länder festgelegt, dass sich Kinder ab zwölf Jahren in Deutschland vom 7. Juni an gegen SARS-CoV-2 impfen lassen dürfen, sofern die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) heute grünes Licht gibt. Am 7. Juni soll die Priori­sie­rung in Deutschland generell aufgehoben werden, damit sollen sich dann auch Kinder von zwölf bis 16 Jahren um einen Termin bemühen können, wie Bundes­kanzlerin Angela Merkel (CDU) gestern mitteilte.

Es ist allerdings nicht mehr vorgesehen, dass die Länder vom Bund zusätzliche Impfdosen für Kinder und Jugendliche erhalten sollen. Nach dem Bund-Länder-Beschluss sollen für die Impfungen insbe­sondere die niedergelassenen Ärzte infrage kommen. Auch indirekten Zwang solle es nicht geben, hatte Merkel betont.

Auch wenn die EMA heute das Ergebnis ihrer Beratungen über die Zulassung des Biontech-Impfstoffs be­kanntgibt: Die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland will sich mit ihrer Empfehlung noch Zeit lassen, weil aus ihrer Sicht die Daten über Nebenwirkungen bei Kindern noch zu dünn sind. Sie hat angedeutet, dass sie eine Impfung womöglich nur für vorerkrankte Kinder empfehlen will.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Klaus Reinhardt, stellte sich hinter dieses Vorgehen: „Die Datenlage zu Risiken und Nutzen einer möglichen Coronaimpfung bei Kindern und Jugendlichen ist der­zeit noch so unzureichend, dass man keine Empfehlung abgeben kann“, sagte er der Rheinischen Post.

Nordrhein-Westfalens (NRW) Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU) sagte im Morgenmagazin von WDR 2, man müsse zunächst die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) für das Vor­gehen in Deutschland abwarten. Er rechne mit einer sehr differenzierten Empfehlung in die Richtung, „dass der Staat ein Angebot machen muss, aber vollkommen neutral und diskriminierungs­frei“.

Klar sei, dass es keinen zusätzlichen Impfstoff für diese Gruppe gebe, sagte der Ge­sund­heits­mi­nis­ter von NRW. Bis zum Ende des Sommers werde es aber so viel Impfstoff in Deutschland geben, dass alle, die wollten, sich impfen lassen könnten. „Das gilt selbstverständlich auch, wenn drei Jahrgänge dazu kommen.“

Die Ergebnisse des Impfgipfels haben unterdessen in Politik und Gesellschaft ein sehr unterschiedliches Echo ausgelöst.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) verlangte, die Eltern müssten sich gut infor­mieren und dann selbstständig entschei­den können. In erster Linie seien die Kinder-, Jugend- und Hausärzte die kompe­tenten Ansprechperso­nen, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann. „Zudem darf nie in Zweifel stehen, dass das Entschei­dungsrecht, ob das einzelne Kind geimpft werden darf oder nicht, allein bei den Eltern liegt.“

Der Deutsche Lehrerverband reagierte enttäuscht. Es sei zweifelhaft, ob die Beschlüsse nennens­werte positive Auswirkungen auf den Schulbetrieb im nächsten Schuljahr hätten, sagte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Intensivmediziner verlangten, den immer noch knappen Impfstoff vor allem bei Erwachsenen einzu­set­zen, weil diese ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe hätten. „Kinder erkranken häufig asymp­tomatisch oder im Verlauf harmlos und haben deshalb derzeit bei knappen Impfstoffkapazitäten keine dringliche Indikation für eine Impfung“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Ver­ei­­nigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Florian Hoffmann, den Funke-Zeitungen.

In Deutschland will bisher nur etwa die Hälfte der Familien ihre Kinder gegen das Coronavirus impfen lassen. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Augsburger Allgemeinen hervor. Demnach sind 51 Prozent der Befragten, bei denen Kinder im Haushalt leben, für eine Impfung des Nachwuchses, 40 Prozent der Erziehungsberechtigten lehnen hingegen die Schutzimpfung für ihre Kinder derzeit ab. Der Rest äußerte sich unentschieden.

Enttäuscht zeigte sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Aus seiner Sicht wäre es sinnvoll gewesen, den Jugendlichen eine höhere Priorität einzuräumen, sagte er im ZDF. Sie hätten unter der Pandemie stark gelitten. Lauterbach kritisierte zugleich, dass jetzt ausgerechnet die Jugendlichen ausbaden müssten, dass Deutschland Impfstoffe in andere Länder gebe.

Die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt, zeigte sich enttäuscht, dass ent­gegen vorheriger Aussagen kein zusätzlicher Impfstoff für Jugendliche bereitstehe. Wenn solche Verspre­chungen nicht eingehalten würden, verliere die Politik an Vertrauen, sagte sie im RTL/ntv-"Frühstart".

Der Deutsche Städtetag warnte vor enttäuschten Hoffnungen. Grundsätzlich sei es eine gute Sache, Schü­lern die Impfung zu ermöglichen, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Der Impfstoff ist aber im Moment so knapp, dass er gerade einmal für die Zweitimpfungen reicht.“ Man müsse klar und ehrlich sagen, dass es noch Wochen dauere, bis jeder geimpft werden könne, der das wolle, betonte Dedy. „Denn enttäuschte Hoffnungen kosten Vertrauen.“

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte eine deutliche Beschleunigung der Impfkampagne. Ziel müsse es sein, im Juli 60 Millionen Bundesbürger geimpft zu haben, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der Düsseldorfer Rheinischen Post. „Wenn wie geplant am 7. Juni die Priorisierung ent­fällt und auch die Betriebs- und Privatärzte eingebunden werden, müssen Bund und Länder zusätzliche Impfdosen bereitstellen.“

Sollte die STIKO zunächst nur eine Impfung von Kindern und Jugendlichen mit Vorerkrankungen befür­worten, „sollte wenigstens für diese Gruppe entsprechender Impfstoff – analog zu den anderen Priorisie­rungsgruppen in der Bevölkerung – reserviert werden“, forderte Landsberg. „Da in Kanada und in den USA schon seit Wochen Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden, wird sich die Datenlage hoffentlich schnell verbessern, so dass die Ständige Impfkommission für alle Jugendlichen dann eine Empfehlung aussprechen kann.“ © afp/dpa/aerzteblatt.de

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