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Medizin

Känguru-Methode senkt Sterblichkeit von Frühgeborenen

Freitag, 28. Mai 2021

/Tyler Olson, stock.adobe.com

Genf – Die Känguru-Methode, die den sofortigen Hautkontakt von Mutter und Kind nach der Geburt sowie ein ausschließliches Stillen anstrebt, hat in einer internationalen Studie der Weltgesundheits­organisation (WHO) die Sterberate von Frühgeborenen um 1/4 gesenkt.

Die Methode könnte nach den im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2026486) publizierten Ergebnissen einen wichtigen Beitrag zur Senkung der Neugeborenensterblichkeit in ärmeren Ländern leisten.

Die Känguru-Methode wurde Ende der 1970er Jahre ursprünglich für ärmere Länder entwickelt, in denen es an Inkubatoren für die Frühgeborenenbetreuung mangelt. Inzwischen wurde sie auch in reicheren Ländern als eine Möglichkeit entdeckt, die emotionale Bindung von Mutter und Kind zu fördern und vor allem die Stillrate zu erhöhen. Sie kommt in der Regel allerdings erst zum Einsatz, nachdem sich der Zustand des Neugeborenen stabilisiert hat, was in der Praxis eine mehrtägige Verzögerung bedeutet.

Auch unter diesen Bedingungen kann die Känguru-Methode erfolgreich sein. Eine Metaanalyse der Cochrane-Corporation attestierte ihr 2016 eine um 40 % niedrigere Neugeborenensterblichkeit. Die Vorteile wurden auf einen Rückgang der Infektionen, eine höhere ausschließliche Stillrate und eine bessere Gewichtszunahme der Neugeborenen zurückgeführt.

Die WHO hat in den letzten Jahren untersuchen lassen, ob die Känguru-Methode bei Frühgeborenen auch ohne vorherige Stabilisierung vorteilhaft ist. Die Studie wurde in 5 Schwerpunktkliniken in Ghana, Indien, Malawi, Nigeria und Tansania durchgeführt, die über Inkubatoren für Frühgeborene verfügen (was in diesen Ländern an den meisten Kliniken nicht der Standard ist).

Insgesamt 3.211 Säuglinge mit einem Geburtsgewicht zwischen 1 kg und 1,8 kg wurden auf 2 Gruppen randomisiert. In einer wurden die Neugeborenen innerhalb von median 1,3 Stunden den Müttern zur „Kangaroo Mother Care“ (KMC) übergeben, in der anderen Gruppe geschah dies nach einer Stabilisierung des Neugeborenen erst nach median 53,6 Stunden. Während der 6,4 Tage auf der Intensivstation dauerte der tägliche Hautkontakt zwischen Mutter und Kind im Durchschnitt nur 1,5 Stunden gegenüber 16,9 Stunden in der KMC-Gruppe.

Während der ersten 28 Tage starben in der sofortigen KMC-Gruppe 191 von 1.609 Kindern (12,0 %), während in der Kontrollgruppe 249 von 1.602 Kindern (15,7 %) nicht überlebten. Die KMC-Studien­gruppe der WHO um Rajiv Bahl, Genf, ermittelt ein relatives Sterberisiko von 0,75 das mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,64 bis 0,89 signifikant war.

Die sofortige KMC hatte demnach das Sterberisiko um 25 % gesenkt. Die Zahl der Todesfälle in den ersten 72 Lebensstunden ging von 5,8 % auf 4,6 % (92 versus 72 Todesfälle) zurück, was ein relatives Sterberisiko von 0,77 (0,58 bis 1,04) ergibt. Der Unterschied machte sich demnach bereits in der Klinik bemerkbar.

Die Reduktion der 28-Tage-Sterblichkeit bedeutet, das 1 von 27 Frühgeborenen durch die KMC das Leben gerettet werden kann. Dies ist ein günstiger Wert und Bahl schätzt, dass die sofortige KMC das Potenzial hat, jedes Jahr 150.000 Frühgeborenen das Leben zu retten.

Die Behandlung könnte nach einer Schulung des Personals auch in abgelegeneren Regionen der ärme­ren Länder eingeführt werden. An vielen Kliniken müssten dazu allerdings neue Intensivstationen geschaff­en werden, die es den Müttern ermöglichen, die ersten Tage mit ihrem Kind zu verbringen.

Die Senkung der Mortalität war zum einen auf einen Rückgang der vermuteten Sepsisfälle von (27,8 % auf 22,9 %) zurückzuführen. Der Hautkontakt mit der Mutter könnte die Entwicklung des Mikrobioms fördern, vermutet Bahl. Der Verzicht auf intensivmedizinische Behandlungen könnte das Infektionsrisiko ebenfalls senken.

Ein weiterer Faktor könnte die Vermeidung einer Hypothermie sein, die in der KMC-Gruppe nur bei 5,6 % der Neugeborenen diagnostiziert wurde gegenüber 8,3 % in der Kontrollgruppe. Auch der frühzeitige Schutz durch die Muttermilch könnte eine Rolle gespielt haben.

In der KMC-Gruppe wurden 58,5 % der Neugeborenen in den ersten 24 Stunden gestillt. In der Kontroll­gruppe waren es nur 45,5 % der Neugeborenen. Ein vollständiges Stillen in den ersten 7 Tagen wurde bei 78,4 % gegenüber 69,0 % der Säuglinge erreicht. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #731782
astridschulze@massai.dk
am Samstag, 29. Mai 2021, 14:45

Was ist denn daran neu ????

....ist klinische Routine in der Neonatologie in Skandinavien seit den 1980iern.
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